Mit einem Sommerfest verabschiedeten das Eisenwerk und die Eisenbeiz ihre Gäste in die Sommerferien. Das Gelände verwandelte sich in einen Abenteuerspielplatz. Samt Kirschkernweitspucken.

Patrizia Barbera

Ein spitzer Schrei schneidet durch die warme Abendluft. Eilig flitzen die gerade nass gespritzten Sommerfest-Besucher auf der Flucht vor dem verschmitzt grinsenden kleinen Wasser-Dusche-Attentäter auf dem Kies vor der Eisenbeiz umher. Steinchen fliegen in die Luft, der Junge, immer noch mit dem Wasserschlauch bewaffnet, freut sich sichtlich über die erschrocken-belustigten Gesichter der Erwachsenen. Auch diese scheinen sich über die Erfrischung zu freuen, die zwar ungewollt kam, aber bei immer noch anhaltender Hitze wie gerufen kommt.Sommerstimmung in der Eisenbeiz

Die Eiswürfel klirrten nur kurz im Glas - die Hitzewelle liess Temperaturen und Stimmung am Abend hochkochen. (Bilder: Patrizia Barbera)


Und sowieso: Es herrscht Abenteuerspielplatz-Stimmung im Frauenfelder Eisenwerk. Drinnen wie draussen. Die Stimmung ist ausgelassen, die Tische vor der Bühne sind voll besetzt. Es wird herzlich geplaudert, Eis gegessen und zwischen Beiz und Shedhalle mit gespritztem Weissen hin- und hergeschlendert.

„Dafür liebe ich das Eisenwerk – es ist einfach immer eine umwerfende Atmosphäre hier draussen unter den Kastanienbäumen. Vor allem bei diesen sommerlichen Temperaturen“, sagt eine Besucherin vergnügt und zieht von der Beiz weiter in die Shedhalle. Wo der eigentliche Abenteuerspielplatz aufgebaut ist. Vier Künstlerinnen und Master-Studentinnen der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel machten aus der Halle ihr temporäres Atelier. Es entstand ein Raum, der auch die Besucher des Sommerfests der "Kultur im Eisenwerk" und der Genossenschaft Eisenwerk, die den Abend gemeinsam ausrichteten, mitreisst.

Bunt-schillernde Farben zogen sich durch die ganze Shedhalle.

Kunstvoller Abendsnack

Ein vergoldeter Catwalk, hoch hängende Schaukeln, schillernde, von der Decke hängende Stoffe, eine Videoinstallation und zwischendrin aufgeschnittene Melonen auf dem Boden führen am Abend zu genau dem Effekt, den sich die Künstlerinnen erhofft hatten: Mitmachstimmung. Kontinuierlich flitzen Kinder durch den Raum, verstecken sich hinter Pappkartons, schaukeln enthusiastisch und wundern sich zwischendrin über das Obst überall. Doch nicht nur sie – manch ein Besucher greift zu und beisst vom Kunstwerk ab."Kirschenspucken hat etwas Wunderbares"

Flurina Badel und Jérémie Sarbach bei ihrer Kirschenspuck-Musik-Performance.


Bei einer der vielen Performances der Künstlerinnen am Abend wird das Spiel mit dem Obst noch etwas weiter, ja man möchte fast sagen: gespuckt. Denn genau darum geht es. Flurina Badel und Jérémie Sarbach machen es vor: Zunächst stoisch auf Stühlen sitzend fangen sie an, aus einem der vielen Packungen voll Kirschen vor ihnen auf dem Boden zu essen. Ein Moment Pause, ein Hin-und-Her-Manövrieren mit der Zunge, aufgeblasene Backen, dann: Spucken. Der Kern landet auf dem vor ihnen aufgebauten Schlagzeug. Immer wieder dasselbe Spiel. Manchmal trifft es die Trommeln, manchmal ins Nichts, manchmal einen Zuschauer, der es mit Humor nimmt. Dann werden die Kirschen an die Zuschauer verteilt – jetzt sind sie dran. Es beginnt ein heiteres Kirschenweitspucken. Ein paar Kinder hängen sich die Kirschen übers Ohr.

Musik: Kirschkern um Kirschkern

„Kirschenspucken hat etwas Wunderbares an sich. Es ist kindlich und befreit zugleich. Der Kirschbaum, den wir in der Mitte des Raumes auf einem Erdhaufen gemeinsam aufgestellt haben, ist für uns ein Zeichen der Freundschaft und Verbundenheit geworden“, sagt Badel.

Im Garten herrscht derweil ausgelassene Swing-Stimmung. Die internationale Combo „The Waffle Machine Orchestra“ aus London, Berlin und Neuchâtel gibt ihre groovige Rhythm-Section aus Kontrabass, Schlagzeug und Gitarre zum Besten. Das reisst einige Besucher sogar so mit, dass drinnen am Eingang vor der Shedhalle kurzweilig ein kleiner Lindy-Hop-Tanzfloor eröffnet wird.


Am späten Abend, als letzte Performance, schreiten die Künstlerinnen Christelle Becholey Besson, Almira Medaric, Maeva Rosset und Flurina Badel entschlossenen Schrittes mitten auf den Kirschbaum zu. Sie heben ihn aus und gehen zielstrebig und mit Schaufeln unter dem Arm aus der Halle hinaus, an den Gartenbeizgästen vorbei zum kleinen Gartenstück vor dem Eisenwerk.

Ohne ein Wort zu verlieren beginnt ein stilles Ritual. Umringt von neugierigen Zuschauern, die heimlich mitwippen zum ebenfalls letzten Song des „Waffle Machine Orchestra“, das von der Ferne zu hören ist.
Ein stilles Ritual der Verbundenheit: Die letzte Performance der Künstlerinnen.

Christelle Becholey Besson, Almira Medaric, Maeva Rosset und Flurina Badel pflanzen den Kirschbaum in stiller Zeremonie ein.