Katrin Zürcher

Am Welttag des Buches am 23. April nimmt auch die Frauenfelder Bibliothek der Kulturen teil. Sie beherbergt 4‘500 Bücher in 18 Sprachen, die im Quartiertreffpunkt Talbach jeweils am Montag, Mittwoch und Samstag ausgeliehen werden können. Vereinspräsidentin Ana-Maria Witzig-Marinho träumt von ihrer Bibliothek als Abteilung der Kantonsbibliothek.

Frau Witzig-Marinho, wozu braucht es eine Bibliothek der Kulturen?

Ana-Maria Witzig-Marinho: Interkulturelle Bibliotheken leisten einen wichtigen Beitrag im Integrationsbereich. Sie fördern den interkulturellen Austausch, indem sie ein Begegnungsort für Leute aller Sprachen sind, und sie fördern die Sprach- und Lesekompetenz vor allem von Kindern, die in mehreren Sprachen aufwachsen.

Die Bibliothek beherbergt 4'500 Bücher in 18 Sprachen. Welche werden speziell nachgefragt?

Witzig: Wir haben Bücher für Erwachsene – Romane, Kochbücher, Lehrmittel für Deutsch, Erziehungs-Fachpublikationen –, Bücher für Jugendliche und Kinder. Zurzeit bauen wir eine Bücherauswahl für die ganz Kleinen auf. Häufig ausgeliehen werden Kinderbücher; Eltern leihen sie in ihrer Muttersprache und auf Deutsch aus.

Was kostet die Ausleihe?

Witzig: Für Einzelpersonen fünf Franken pro Jahr, für Familien zehn. Wir haben eine interessierte Stammkundschaft, die in den letzten Monaten grösser geworden ist.

Was hat der Umzug vom Haus Sapone, wo die Bibliothek 2009 mit 1'000 Büchern startete, in den Quartiertreffpunkt Talbach gebracht?

Witzig: Am neuen Ort, wo wir seit letztem August sind, haben wir viel mehr Platz für Bücher sowie eine geeignete Infrastruktur für unsere Veranstaltungen. Der neue Raum gefällt unseren Benutzern und Benutzerinnen sehr gut.

Die Bibliothek der Kulturen ist als Verein organisiert, der rund 120 Mitglieder zählt. Wie gross ist Ihr Budget und woher kommt das Geld?

Witzig: Unser Budget beträgt pro Jahr zwischen 10'000 und 20'000 Franken. Die Stadt Frauenfeld übernimmt die Raumkosten. Die übrigen Ausgaben werden durch die Mitgliederbeiträge und vor allem durch die Mitfinanzierung unserer Projekte bezahlt. Ohne unsere ehrenamtliche Arbeit könnte die Bibliothek nicht existieren.

Wie viele Personen arbeiten mit?

Witzig: Die Bibliothek wird von acht Frauen ehrenamtlich betreut. Ehrenamtlich arbeiten auch die Sprachdelegierten, die zum Teil für die Sprachencafés zuständig sind, sowie die Moderatorinnen der Kaffeerunden auf Deutsch.

Die Bibliothek der Kulturen veranstaltet Kaffeerunden in verschiedenen Sprachen, Schreibförderung für Schüler, Ländervorstellungen, Kindernachmittage. Was erhoffen Sie sich davon?

Witzig: Mit unseren Veranstaltungen möchten wir Leute aus verschiedenen Sprachgruppen zusammenbringen und den kulturellen Austausch fördern.

Gelingt die Durchmischung der verschiedenen Sprachgruppen, die auch Ihr Anliegen ist?

Witzig: Die Durchmischung der verschiedenen Sprachgruppen gelingt nicht immer, aber immer besser. Unsere Angebote werden auch von Schweizerinnen und Schweizern besucht. Wir sind nicht nur eine Bibliothek für Anderssprachige, sondern für alle.

Wie erreichen Sie Ihre potenziellen Benutzerinnen und Benutzer?

Witzig: Durch Informationen in der lokalen Presse, Mund-zu-Mund-Propaganda, unsere Webseite, Lehrpersonen in der Schule oder Lehrpersonen der Kurse in heimatlicher Sprache und Kultur, die es für einige Sprachgemeinschaften gibt.

Sind Sie vernetzt mit ähnlichen Bibliotheken in der übrigen Schweiz?

Witzig: Wir sind Mitglied des Dachvereins der interkulturellen Bibliotheken der Schweiz Interbiblio. Es gibt 23 solche Bibliotheken. Wir haben regelmässig Kontakt und unterstützen uns. Als wir die Ausstellung "Schriften der Welt" im März 2013 in Frauenfeld organisierten, brauchten wir Bücher in einigen Sprachen, die wir selbst nicht hatten. Wir bekamen sie aus der ältesten interkulturellen Bibliothek der Schweiz, die sich in Renens befindet.

Ist die Stadt Frauenfeld besonders multikulturell?

Witzig: Ja, in Frauenfeld gibt es immerhin Personen aus 99 Nationen.

Die meisten Bücher sind in einfachem Deutsch geschrieben. Gut vertreten sind auch Bücher in Portugiesisch, Thailändisch, Spanisch und Italienisch. Zuletzt hinzugekommen sind Ungarisch und Tigrinya aus Eritrea. Welche Sprachen werden noch folgen?

Witzig: Neu haben wir serbische Bücher. Inzwischen sind noch Schenkungen von schwedischen und polnischen Büchern hinzugekommen. Momentan werden wir unser Angebot nicht erweitern.

Gibt es ein Buch, das in viele oder gar alle der 18 Sprachen übersetzt ist?

Witzig: „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry haben wir in verschiedenen Sprachen, leider nicht in allen. Die Bücher von Jeff Kinney "Gregs Tagebuch" haben wir auch in mehreren Sprachen. Sie werden häufig von Schulkindern ausgeliehen.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Witzig: Ich lese sehr viel und gern und habe verschiedene Lieblingsbücher. Am Welttag des Buches am 23. April organisieren wir zusammen mit der Kantonsbibliothek und dem Cinema Luna eine Veranstaltung. Da werde ich eines meiner Lieblingsbücher mitbringen.

Sie sind seit 2011 Präsidentin der Bibliothek der Kulturen. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten gefreut?

Witzig: Dass unsere Arbeit anerkannt wird: Von der Stadt Frauenfeld, Kanton und Bund, vom Förderprogramm "contakt-citoyenneté", der Kirchgemeinde Frauenfeld und einigen Sponsoren. Alle unsere Projekte wurden bisher gutgeheissen, wir konnten wachsen. Ich freue mich über jeden neuen Nutzer oder wenn ein Kind fragt, ob wir ein bestimmtes Buch kaufen können. Die Zusammenarbeit mit Leuten aus so verschiedenen Sprachgruppen ist bereichernd.

Welches ist Ihre Zukunftsvision für die Bibliothek der Kulturen?

Witzig: Ich träume von einer Bibliothek der Kulturen als Abteilung der Kantonsbibliothek.