Bilder aus Asphalt, Stilleben und aussergewöhnliche Fotografie: Die Galerie The View wagt in ihrer aktuellen Ausstellung einen bunten Stilmix

Von Michael Lünstroth

Die ohnehin experimentierfreudige Galerie The View in Salenstein wagt in diesen Tagen noch mal etwas Neues. Neben der üblichen grossen Sommer-Ausstellung an drei sehr speziellen Orten, zeigt sie noch bis zum 20. Mai Arbeiten von Albert Scopin, Dierk Maass und Michael Lauterjung. Zu sehen sind die Werke in der Schreinerei14, der eigentlichen Heimstatt der Galerie, hoch thronend über dem Bodensee.

Die eindrücklichsten Arbeiten der Schau sind ohne Frage die grossformatigen Asphalt-Bilder von Albert Scopin. Tatsächlich arbeitet der aus Freiburg stammende und heute in der Schweiz lebende Künstler mit einem Material, das man eigentlich eher aus dem Strassenbau kennt: Bitumen. Ein Stoff, der aus Erdöl gewonnen wird und damit das Tor zu allerlei Assoziationen eröffnet: Von der zubetonierten urbanen Stadtgesellschaft bis hin zu qualvoll verendeten Tieren nach der Havarie eines Öl-Tankers. Die Arbeit mit diesem Material ist speziell. Um die Masse auch nur irgendwie formen zu können, erhitzt Albert Scopin die festen Bitumen-Brocken mit einer Gasflamme auf bis zu 230 Grad. Dann giesst er die schwarze Masse auf einen stabilen Untergrund, lässt fliessen, hebt und senkt den Rahmen mit einem Assistenten um Verläufe zu verändern und arbeitet anschliessend mit verschiedenen Handwerksinstrumenten Strukturen in das Material.

Videobeitrag von ARTE über Albert Scopin

 

Die grössten Werke, die in Salenstein zu sehen sind, messen zwei mal zwei Meter. Schon das macht deutlich, dass der Entstehungsprozess sehr körperlich ist. Diese Körperlichkeit ist den Bildern eingeschrieben - ihre Wirkung auf den Betrachter ist jedenfalls immens. Einem schwarzen Loch gleich, ziehen sie die Blicke auf sich. In den mal groben, mal feinen Oberflächen-Strukturen kann man sich leicht verlieren, abtauchen, ohne zu bemerken, wie die Zeit verstreicht. Seit 2012 arbeitet Albert Scopin mit Bitumen. Die Legende will es jedoch so, dass er sich schon deutlich früher damit beschäftigt hat. In den 1970er Jahren lebte Scopin in New York: „Dort war er in SoHo viel zu Fuss unterwegs und ihm fielen die aufgerissenen Strassen auf, die immer wieder geflickt wurden und so zu Schichten an Zeit und Material wurden. Diese verschiedenen Schichten wirkten auf ihn wie Strukturen und Bilder unserer Zivilisation", heisst es in dem Begleittext zur Ausstellung.

Michael Lauterjung, Grosse Brombeere, Acryl, Lack, Öl auf Holz, 122 x 122 cm, 2016.

Demgegenüber bescheiden nehmen sich da die Arbeiten von Michael Lauterjung aus, die einen Raum weiter gezeigt werden. Der heute in Rostock lebende Künstler greift die Tradition der Stillleben auf, macht dann aber sein eigenes Ding daraus. Er bildet keine gesamten Tafeln ab, sondern greift einzelne Elemente heraus: Eine Brombeere, ein Stück einer Mandarine, ein Strauch Johannisbeeren. Die Objekte scheinen vor einem diffusen Hintergrund zu schweben, sie entwickeln eine ganz eigene Plastizität je länger man sie betrachtet. Ort und Zeit spielen keine Rolle. Die Situation könnte überall und nirgends sein. Lauterjung nutzt Lacke und Farben für seine vielschichtigen Bildkompositionen. Gerade im Kontrast zu den massiven Werken von Albert Scopin erhalten sie eine bemerkenswerte Leichtigkeit.

Des Hausherrs Wandeln zwischen Kitsch und Kunst

Neben den beiden Gästen, zeigt schliesslich noch der Hausherr selbst, die Schreinerei14 ist das Atelier von Dierk Maass, Fotografien. Als Herzchirurg hat er sein Geld gemacht, heute reist er durch die Welt und bringt von wagemutigen Expedition aussergewöhnliche Eindrücke mit. Es sind Aufnahmen von seinen Reisen in das Himalaya-Gebirge, in die Anden, nach Grönland und auch in die Alpen. Entstanden sind dabei spektakuläre Bergpanoramen ebenso wie sensible Porträts von Kindern aus entlegenen Himalaya- oder Anden-Dörfern. Wo genau die einzelnen Fotografien angefertigt wurden, verrät der Künstler in seinen Titeln: die dort genannten geografischen Koordinaten geben den Standpunkt des Fotografen exakt an.

In Maass Arbeiten erkennt man sein Gespür für Motive. Effekte setzt er mit der Kamera durch bewusste Unschärfe und Überbelichtungen. Interessante Wirkungen entstehen dadurch. Die porträtierten Kinder wirken merkwürdig nah und gleichzeitig doch weit weg, weil sie eben nicht als Individuen erkennbar sind. Manchmal wandelt Dierk Maas aber auch auf einem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch. Besonders auffällig ist das bei seinen Arbeiten, die sich über eingebaute LED-Lichter dimmen lassen. Da ist die Kunst verlassen und die Grenze zum Wohnaccessoire überschritten. Schade eigentlich, denn derlei Spielereien bräuchten Maass' Arbeiten eigentlich nicht - sie wirken ohne sie viel direkter.

Dierk Maass, 27° 56' 31.680" S 70° 32' 49.524" W, 2013, aus der Serie Highway to Heaven, Diasec, 100 x 100 cm, Edition 6 + 2, ID 8808.

Kuratiert hat diese Ausstellung übrigens Anabel Roque Rodriguez, seit diesem Jahr ist die Kunsthistorikerin neu im Team der Galerie. Sie hat auch schon einen kleinen Ausblick auf die diesjährige Sommer-Ausstellung gegeben. Die aus dem Libanon stammende Künstlerin Teresa Diehl wird von Juni bis September in den so genannten Art Spaces der Galerie drei Werke zeigen. Was die Besucher dort erwartet, hat sie in der aktuellen Ausgabe des Artmapp-Magazins beschrieben. 

Öffnungszeiten
Dienstag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr

Führungen sind auch ausserhalb der Öffnungszeiten auf Voranmeldung möglich:
T 071 669 19 93 oder info@the-view-ch.com 

Finissage
Samstag 20. Mai ab 15 Uhr
Künstlergespräch mit Michael Lauterjung

Eintritt frei

Karte: Hier finden Sie die Galerie The View