Kulturstiftung und Tanzverbot: Zwei Themen der Woche zeigen, dass Schwarz-Weiss-Denken heute weniger funktioniert denn je. Was also tun? Nachdenken statt reflexhafter Antworten wären ein Anfang.

Von Michael Lünstroth

Hui, das ging jetzt aber flott. Keine sechs Monate nach der Debatte im Grossen Rat über die Kulturstiftung des Kantons und die schon weit länger gärende grosse öffentliche Diskussion über die Fördermittel-Vergabe-Praxis der Stiftung, gibt es doch jetzt tatsächlich eine Initiative von Kulturschaffenden pro Kulturstiftung. Na, herzlichen Glückwunsch!

Ironie aus.

Es ist tatsächlich bemerkenswert, dass eine solche Reaktion so lange gedauert hat. Wer darüber nachdenkt, warum es so viel Zeit gebraucht hat, kommt relativ schnell auf drei mögliche Gründe. 1. Die Zersplittertheit der Szene. Künstlerinnen und Künstler sind in der grossen Mehrzahl eben doch noch Einzelarbeiter. Jeder steckt in seinen eigenen Projekten, ist überbeschäftigt und chronisch unterbezahlt. Da kann der Blick für das grosse Ganze im kleinen Thurgau schon mal verloren gehen. 2. Kulturschaffende sind oft schlechte Anwälte in eigener Sache. Bevor Sie jetzt sagen, aber es gibt doch eine grosse Kulturlobby, die jedes Mal zuverlässig aufschreit, sobald finanzielle Einbussen drohen könnten, denken Sie noch mal nach. Zwar ist diese Beobachtung richtig, aber wer genau hinschaut wird erkennen, dass diese Aufschreie mehr von Interessenvertretern aus Politik und Gesellschaft initiiert werden, Künstler und Künstlerinnen stehen in der Regel da nicht in der ersten Reihe. Sie halten sich eher zurück, weil sie manchmal selbst nicht ganz sicher sind, welchen Wert sie der Gesellschaft eigentlich bieten und was man dafür verlangen darf. 3. Und das ist vielleicht im konkreten Fall der gewichtigste - das Thema ist nicht ganz unkomplex. Wenn man ehrlich zu sich selbst sein will, dann fallen eindeutige Positionierungen hier schwer. 

Unbestritten ist, dass die Kulturstiftung ein Glücksfall für den Kanton ist. Sie ist der mutmasslich wichtigste Impulsgeber für das zeitgenössische Kulturschaffen im Thurgau. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass ohne die Stiftung der Kanton heute anders aussähe und sich das Leben hier auch anders anfühlen würde. Richtig ist aber eben auch, dass die Kritiker der Stiftung nicht in allen Punkten unrecht haben. Es gibt Dinge, die man besser und vor allem transparenter machen kann. Aber von welcher Einrichtung könnte man das nach 25 Jahren nicht sagen? Eben. Man muss da unterscheiden zwischen Detailkritik und Grundsatzfrage. Wobei. Selbst wenn jemand so töricht wäre, die Existenz der Stiftung ernsthaft in Frage zu stellen - in den vergangenen 25 Jahren hat die Stiftung so viele gute Argumente für sich gesammelt, dass derlei Gerede schnell als Unsinn entlarvt werden könnte.

Wer die Welt verstehen will, braucht Multiperspektivität

Aber das Beispiel zeigt wieder einmal: Eine simple Einteilung in Schwarz und Weiss kann es heute nicht mehr geben. Die Welt ist viel zu komplex dafür. Vielleicht ist es eher so: Grau ist das neue Schwarz. Jedes Thema hat so viele Facetten, dass nur differenzierte, multiperspektivische Ansätze helfen, sie wirklich zu verstehen. Ganz ähnlich ist das bei einem anderen aktuellen Thema - dem Tanzverbot an hohen Feiertagen. Der Regierungsrat will daran festhalten, wie er jetzt erklärt hat. Die Verbotsgegner stöhnen auf. Sie wollen sich weder von Kirche noch von Staat vorschreiben lassen, wann sie sich amüsieren dürfen. Wer nur ein bisschen Liberalität in sich spürt, kann das nachempfinden. Aber auch die Argumente der Regierung sind durchaus schlüssig. Ist es wirklich so schwer zu ertragen, wenn man an fünf Tagen im Jahr mal nicht ausgehen kann? Und ja, die Verbotsgegner müssen sich auch die Frage stellen lassen, ob sie nicht ein bisschen egoistisch auf ihr Vergnügen pochen, wenn es der Gesamtgesellschaft vielleicht mal gut täte ein bisschen durchzuschnaufen von Tempo, Kommerz und sonstigem Irrsinn unserer Zeit. 

Tanzen an Karfreitag wird erlaubt, wenn man dabei traurig guckt

Einen sehr schönen Vorschlag zum Thema hat übrigens das Satiremagazin „Der Postillon " unterbreitet. Das Tanzen soll demnach auch am Karfreitag erlaubt werden, solange man dabei traurig aussieht. Und: „Selbst Moonwalking, Twerking und Tanzen an der Stange sind künftig vom Staat abgesegnet, sofern der Gesichtsausdruck eine dem Feiertag angemessene Trauer ausdrückt. Dabei sind Tränen nicht zwingend erforderlich, mindestens aber heruntergezogene Mundwinkel und besorgte Stirnfalten. Schluchzen und Wehklagen können vom Ausrichter der Veranstaltung nach Belieben verlangt werden", schreibt „Der Postillon". Lieber Regierungsrat, wäre das nicht auch eine Lösung für uns im Thurgau?