von Zora Debrunner, 07.08.2014

Liebe! Tragödie! Grosses Kino!

Liebe! Tragödie! Grosses Kino!
Es war doch die Lerche, nicht die Nachtigall: Romeo (Rafael Luca Oliveira) nimmt Abschied von Julia (Ramona Fattini). | © Sascha Erni

Alle Jahre wieder reist der theaterbegeisterte Thurgauer ins Wasserschloss Hagenwil bei Amriswil, um in den Mauern eines der schönsten Gebäude des Kantons ein klassisches Stück zu geniessen. Diesen Sommer steht „Romeo und Julia“ auf dem Programm. Unsere Korrespondentin war bei der Generalprobe mit dabei.

Zora Debrunner

Die Stimmung vor Ort ist entspannt und freundlich. Ältere Herrschaften, mehrheitlich Frauen, haben sich eingefunden, um diesen Abend im Schloss zu verbringen. Ich höre heraus, dass die meisten nicht das erste Mal dabei sind und sich dementsprechend heimisch fühlen.

Ich spreche mit Roman Bottlang, verantwortlich für die Kommunikation und Organisation der Schlossfestspiele. Oder wie er es nennt: „Bis zum Vorhang bin ich zuständig, dann übernimmt Florian Rexer. Eine solche Teilung ist wichtig.“ Dann lacht er, ist sichtlich stolz auf das Projekt. Man wolle keine verkopfte, hochintellektuelle Interpretation des Stoffes zeigen. Sondern unterhalten, aber mit Anspruch. Die Generalprobe sei auch „der Abend für die Hagenwiler“ – das erklärt die routinierten Besucher, die mir aufgefallen waren und die von Gastgeber Andi Angehrn persönlich, oft mit Handschlag willkommen geheissen werden.

Rexers »Romeo und Julia« bietet viel für Action-Freunde. Spezialisten für Schauspiel-Schwertkampf unterstützten die Produktion, die Darsteller zeigen viel körperlichen Einsatz. (Alle Bilder: Sascha Erni)


Das Stück beginnt, bevor es anfängt. Die Schauspieler stellen sich auf und neben die Bühne und blicken mehr oder minder düster ins Publikum. Da sind der vor Wut schäumende Tybalt, gespielt von Mathias Ott, Mercutio (Jan Opderbeck) und der sensible Benvolio (Falk Döhler), die sich auf der Strasse treffen und gegenseitig provozieren.

Auch wer das Stück kaum kennt, lernt schnell: Die Familien Montague und Capulet können sich nicht riechen. Und während die Älteren gesittet damit umgehen, bevorzugen die Jungspunde Fäuste und Schwerter. Schon in den ersten paar Minuten taucht man mit den Figuren ins Schlachtgetümmel ein. Besonders wer in den ersten Reihen sitzt, darf sich auf wunderbar intensive Kampfszenen freuen!

***

Dann treten schliesslich Romeo und Julia (gespielt von den bezaubernden Rafael Luca Oliveira und Ramona Fattini) auf die Bühne. Ihre Liebesszenen sind von berührender Verspieltheit und man möchte ihnen zurufen: Bitte geht! Werdet glücklich! Dass die Liebesgeschichte in Tod und Verderben endet, ist nicht zuletzt den Charakteren geschuldet.

Julia wandelt sich von der ungeduldigen Kindsfrau zur verzweifelten, aber facettenreichen Gattin, während Romeo ein melancholischer Teenager bleibt. Oliveira gibt den Liebesdurstigen jugendlich und emotional, übertreibt es damit aber in der zweiten Hälfte des Stücks. Romeo als „Emo“? Etwas weniger wäre hier mehr gewesen.

Bruder Lorenzo (Alexandre Pelichet, in einer Doppelrolle auch als Vater Capulet) vermählt die zwei Liebenden, auch wenn ihm die Sache etwas zu schnell geht.

Bestechend jedoch die Leistung von Alexandre Pelichet in einer Doppelrolle: Als Vater Capulet ist er streng und wütend, eine eindrückliche Gestalt – und sichtlich erschüttert, ein gebrochener Mann nach Julias Scheintod. Schlüpft Pelichet in die Rolle Bruder Lorenzos, kombinieren sich Schalk, Mitgefühl und nicht wenig Berechnung: Immerhin unterstützt er die Teenager in ihrem Liebeswahn, weil er hofft, so den Streit zwischen den Familien mit einem fait accompli zu schlichten.

Pelichet bringt beide Rollen überzeugend, und ganz ehrlich: Steht er auf der Bühne, dann GEHÖRT ihm die Bühne, die anderen Darsteller werden zu Nebenfiguren.

***

Trotz der tragischen Geschichte erleben die Zuschauer auch durchaus fröhliche Momente. Das Team Rexer (Regie und Dramaturgie) und Reifler (Dramaturgie) unterstreichen den Wortwitz Shakespeares mit deftiger, pointierter Mimik und Gestik. Man staunt über Shakespeares Andeutungen und Anspielungen, die auch über 400 Jahre später frech und oft gewagt wirken. Mehr als einmal ertappe ich mich beim Lachen. Was für eine Tragödie!

Die Kampfszenen beeindrucken ebenso wie die geschliffene Sprache, die das Ensemble gekonnt wiedergibt. Nicht zuletzt ist auch das Schloss Hagenwil perfekt in Szene gesetzt. Es ist mehr Darsteller als einfach nur Bühne.

Ein Plan mit Folgen: Julia (Ramona Fattini) nimmt den Schlaftrunk, der sie tot erscheinen lassen soll. Und dann ab mit Romeo in die Ferne!

Der Fluchtplan scheint aufzugehen: Mutter Capulet (Doris Haudenschild) und die Amme (Mary Santella) fallen auf den Schlaftrunk herein. Leider aber auch Romeo.


„Romeo und Julia“ in Hagenwil ist ein farbenfrohes und actiongeladenes Spektakel, dem es bei aller Deftigkeit nicht an den feinen Zwischentönen fehlt. In der Generalprobe vermisste man etwas mehr Tempo, wie Florian Rexer eingesteht. Aber ich zumindest erwarte für die heutige Premiere ganz grosses Kino – beziehungsweise ganz grosses Theater.

***


Inszenierung und Spieldaten

«Romeo und Julia» von William Shakespeare. Inszenierung und Dramaturgie von Florian Rexer und Thea Reifler. Bühne und Bühnenbild von Peter Affentranger. U.a. mit Ramona Fattini (Julia), Rafael Luca Oliveira (Romeo), Alexandre Pelichet (Vater Capulet / Bruder Lorenzo), Mathias Ott (Tybalt), Jan Opderbeck (Mercutio) und Mary Santella (Julias Amme). 7. bis 30. August 2014 im Schloss Hagenwil bei Amriswil. 

www.schlossfestspiele-hagenwil.ch

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