von Thomas Brütsch, 26.08.2014

Brütschs Jazz-Agenda

Brütschs Jazz-Agenda
Jazz, planerisch: Brütsch geht methodisch vor. | © Thomas Brütsch

„generations 14“ stellt mich vor ein Luxusproblem. Das Konzertprogramm wird zur Logistikübung, wenn ich nichts verpassen möchte. Also setze ich mich hin und stelle mir meine Agenda zusammen. Ich brauche dafür: Programm, Stadtplan und Farbstifte. Jetzt kann das Jazzfestival beginnen.

Thomas Brütsch*

Erstens – Freude: Jazz ist eine Familie. Also bedeuten für mich fast alle Konzerte von „generations 14“ auch ein Wiedersehen mit guten Bekannten.
Zweitens – Wahl: Es findet in Frauenfeld vom 27. September bis am 4. Oktober kein einziges Konzert statt, das ich nicht besuchen möchte.
Drittens – Qual: Weil ich unter der Woche arbeite, muss ich ein ausgeglichenes Verhältnis herstellen zwischen Jazzgenuss und Morgenmüdigkeit.

Was den Clubjazz betrifft, wird der Stadtkern von Frauenfeld für acht Tage zu meinem „Bermuda“. Allerdings handelt es sich hier nicht nur um ein Dreieck, sondern mit „Pianobar“, „Dreiegg“, „Terrasse“ und „Arco’s“ um ein Bermudaviereck, wenn man so will. Vielleicht wird man dereinst also vom Frauenfeldviereck reden. Aber lassen wir die Wortklaubereien. An allen Tagen ist es mir freigestellt, wo ich von 21 Uhr an welches Konzert in welchem Club besuchen möchte. Kompliziert? Nicht wirklich – aber irgendwie doch. Darum habe ich mir vorsorglich meinen persönlichen, chronologisch geordneten Festivalkalender zusammengestellt – natürlich schon ab jeweils 19 Uhr.

Samstag, 27. September

Das „Grand Opening“ mit den vier Kontrabassisten unter Leitung von Rätus Flisch macht mich sehr gespannt. Drei von vier Bassisten (Flisch, Känzig und Sprenger) kenne ich als Sidemen von Trios und Quartetten. Aber was sie ohne Solisten anstellen werden? Mit ausschliesslich vier akustischen Bässen? Ohne Bläser und Sängerinnen? Das muss ich mir anhören. Unbedingt. Die Idee ist der Hammer. Ich bin gespannt.

Danach nehme ich mir im „Dreiegg“ meinen Liebling vor. Andy Scherrer (ts) spielt dort mit William Evans (p), Stephan Kurmann (b) und Jorge Rossy (dr) im Quartett. Und damit sind wir mitten in der Leitidee von „generations“, die die Musiker aller Altersklassen gemischt auftreten lässt. Andy Scherrer war Ende der 70er Jahre der Saxophonlehrer von Festivalgründer Roman Schwaller und befindet sich bereits im Pensionsalter. Gottseidank gibt es im Jazz ein solches nicht. Denn Andy spielt heute frischer und moderner denn je und hat diesen unglaublich warmen Tenorsound, den ich über alles liebe. Andy Scherrer ist mein Held! Und darum gilt ihm mit Sicherheit mein allererster Club-Besuch.

 
Sonntag, 28. September

Der Sonntag ist ein wunderbarer Anlass fürs Frauenfeldviereck – wie der Donnerstag übrigens auch – einfach mit der ersten Garnitur der zwei Club-Besetzungen. Andy Scherrer habe ich ja schon gehört. Also beginne ich heute bei „Bertl“ in der „Terrasse“. Mit „Bertl“ meine ich natürlich Bert Joris. Ein wunderbarer Trompeter, und ein noch unglaublicherer Flügelhornist dazu. Er ist immer der sympathische und bescheidene Mensch von nebenan geblieben, trotz seiner Begabungen und seiner Berühmtheit in Jazzkreisen. Für den Samstag wird er den Big Band-Auftritt – mit seinen Kompositionen und Arrangements – noch einzuüben haben (ziemlich viel Arbeit). Was mich an den drei Auftritten in der „Terrasse“ besonders freut: Dado Moroni begleitet am Piano. Er ist mittlerweile seit über dreissig Jahren auf den Weltbühnen anzutreffen. Von Nachwuchspianist kann man bei ihm also nicht mehr reden... Das war anders, als ich ihn zum ersten Mal hörte – zu einem Gig mit Johnny Griffin in der Zürcher Widder Bar musste er noch von seiner Mutter aus Mailand anchauffiert werden...

Ich werde aber am Sonntag auch zu Don Friedman (Jahrgang 35) in die Pianobar spazieren. Ich habe ihn leider noch nie live gehört, kenne ihn also nur von Plattenproduktionen, unter anderem derjenigen, die er mit Roman Schwaller 1979 in New York aufgenommen hat. Friedman ist ein Könner, ein unaufgeregter Begleiter und wunderbarer Improvisator. Zusammen mit dem Bassisten Thomas Stabenow, auch er ein in Frauenfeld bekannter Musiker, und Schlagzeuger Lewis Nash, der einer der Masterclass-Lehrer ist, versprechen diese Trio-Konzerte sicherlich allerfeinsten Hörgenuss!


* Thomas Brütsch (48), Berufsschullehrer, wohnt in Berg TG. Er war Mitbegründer des „generations“-Jazzfestivals und im Organisationskomitee der ersten Ausgabe 1998. Als Hobbysaxophonist war er mit diversen Bands unterwegs – als Begleiter des Thurgauer Lyrikers Christian Uetz auch international. (Bild: Rolf Müller)

Montag, 29. September

Ich starte von heute bis am Mittwoch im Theater im Eisenwerk, jeweils um 19 Uhr. Als Saxophonist (schreibe ich konstant mit ph, wie Alphorn übrigens auch) muss ich die drei Saxophonquartette natürlich alle hören. Vielleicht mögen Sie kein Sax-Gedudel? Na, dann lassen Sie sich überraschen. Und vor allem: taste the difference! Von den „spittin’ horns“ sind mir Christoph Grab und Reto Suhner (Herisauer halten zusammen) sehr nahe. Ich muss für meine Sammlung regelmässig alle ihre CDs erstehen und bin nun gespannt, was sie zusammen so anstellen. Darum bin ich auch gespannt auf Barbara Wehrli Wutzl und Thomi Geiger.

Im Anschluss schwinge ich mich rüber zu Klaus Koenig in die Eisenbeiz. Mit Jahrgang 1936 ist auch er ein Vertreter der erfahrenen Generation am „generations 14“ – umso mehr ein Garant für ausgewogene Klaviertrio-Musik. Ich freue mich, ihn endlich einmal live hören zu dürfen. Denn das habe ich bis dato (Schande!) verpasst. Ich kenne ihn nur von den Aufnahmen seines Jazz Live Trios, das ja mit Hinz und Kunz musiziert hat... Endlich schliesst sich für mich eine Lücke.

 
Dienstag, 30. September

Auch heute wieder: Start in den Abend (19 Uhr) mit Saxophon-Musik. Von der ersten Produktion der Munich Saxophone Family hatte ich mal 50 CDs im Haus. Retail-Service Switzerland, oder so. Die Band kenne ich natürlich sehr gut und ich freue mich trotzdem – oder gerade deswegen – sehr auf das Konzert. Nicht nur wegen Roman Schwaller, der als künstlerischer Leiter des „generations“-Festivals offiziell an die Tasten seines Tenors greift (man wird ihn sicher auch als Einsteiger in Sessions hören können), sondern auch wegen Thomas Zoller (Baritonsax), der als Komponist und Arrangeur richtig was draufhat. Er wird ja auch in der Big Band mitspielen am Samstag. Dieses Konzert kann ich nur empfehlen. Ein Leckerbissen für Freunde des Saxophons. Evan Tate (ss, as) und Jürgen Seefelder (ss, ts) dürfen hier natürlich nicht zu erwähnen vergessen werden.

Nachher bin ich frei. Ich kann in der Eisenbeiz (Klaus Koenig spielt noch bis am Mittwoch) und in den Clubs nach Lust und Laune abhängen. Aber Achtung: das Don Friedman Trio, das Bert Joris Quartet und Scherrer-Evans-Kurmann-Rossy konzertieren nur noch heute! Am Mittwoch ist Schichtwechsel in den Clubs.

 

Mittwoch, 1. Oktober

Sags mit Sax: „Saxofour“ beginnt um 19 Uhr im Theater im Eisenwerk. Florian Bramböck, Klaus Dickbauer, Christian Maurer und Wolfgang Puschnig bringen Power aus Österreich zu uns. Ich bin sehr gespannt auf diesen Auftritt. Von Wolfgang Puschnig gibts ja auch diese Verschmelzungen zwischen Jazz und Volksmusik – zusammen mit Amateur-Dorfkapellen. Drum: Mal hören, was die Herren uns vorspielen. Reinen Jazz? Etwas abgefahren Vermischtes? Wir werden hören. Puschnig nimmt in meiner CD-Sammlung eine dominante Stellung ein. Er ist der gewaltigste Multisaxophonist auf dem Planeten. Unerschöpflich ideenreich. Brutal virtuos. Atemberaubend perfekt.

In den Clubs ist heute, wie erwähnt, Wachtablösung. Die verjüngte Garnitur spielt auf, entsprechend dem Festival-Motto „generations“. Nach dem Saxophongenuss besuche ich entweder noch Klaus Koenig in der Eisenbeiz, oder ich wechsle nach „Bermuda“. Also kann ich das ja auch beim Donnerstageintrag erwähnen.

 
Donnerstag, 2. Oktober

Von heute an bis Samstag verschiebt sich das Bermudadreieck zu einem Dreieck mit einer geänderten Grundform. Die „Pianobar“ und das „Dreiegg“ bleiben weiterhin Veranstaltungsorte, während die „Terrasse“ vom „Arco’s“ abgelöst wird. Jeweils ab 21 Uhr konzertieren das Robert Lakatos Trio („Pianobar“), die Nicole Herzog – Stewy von Wattenwyl Group („Arco’s“) und das Vladimir Kostadinovic Quartet – feat. Seamus Blake; auch er ein Masterclass-Lehrer („Dreiegg“). Pianist Roby und Sängerin Nicole sind beide „generations“-Preisträger früherer Jahre (Lakatos 1998, Herzog 2004), wie übrigens auch der Drummer Dominic Egli („generations“ 98) im Lakatos-Trio. Dieses wird ergänzt von Altmeister Isla Eckinger (Jahrgang 1939) am Bass, also auch hier findet eine Mischung der Generationen statt. Ich bin gespannt auf die Musik der drei Club-Bands – und, sollte ich heute Donnerstag nicht Zeit für alle drei finden, ich hätte ja noch am Freitag und Samstag die Gelegenheit.

Freitag, 3. Oktober

Das Konzept der Masterclass Workshops hat sich in den letzten Jahren leicht verändert. Wichtigster Punkt ist, dass die Preisträger, sowohl für die Förderpreisband (generations unit 2014) wie für den Hauptförderpreis (dieses Jahr ganz neu) von der Jury erst am Mittwoch festgelegt werden. Die Unit-Musiker 2014 werden also erst am Donnerstag Zeit finden, ihr Repertoire für ihr Konzert im Saal des Eisenwerks einstudieren zu können. Start dieses Konzerts ist um 19 Uhr. Ab 20.15 Uhr tritt ebendort dann das Don Friedman Trio, erweitert durch die Masterclass-Lehrer Seamus Blake (ts) und Adrian Mears (tb), auf. Erfahrungsgemäss werden an diesem Abend viele Masterclass-Teilnehmer den Saal bevölkern, schon weil sie gespannt sind auf die Musik der Förderpreisband. Es wird also wieder einmal eine prickelnde Stimmung geben im Eisenwerk und die Lehrer werden sich nicht lumpen lassen und sich von ihrer besten Seite zeigen.

Im Anschluss wird dann in ganz Frauenfeld die Post abgehen – nicht nur in den Clubs, sondern auch überall dort, wo die jungen Masterclass-Teilnehmer nach Herzenslust jammen werden. Insofern gilt der Freitagabend immer als Geheimtipp. Denn die Besucher wissen meist nur gerüchteweise, welche Musikerinnen und Musiker wo auftreten werden. Also: unbedingt herumfragen. Der Abend garantiert handfeste Überraschungen, wenn Weltstars sich mit Nachwuchstalenten die Bühne teilen.

 
Samstag, 4. Oktober

Wie bereits kurz erwähnt, steigt ab 19 Uhr im Stadtcasino die Gala-Night. Bert Joris hat eine klassische Big Band-Besetzung zusammengestellt, die seine Kompositionen und Arrangements spielen wird. Darin vertreten sind auch ehemalige Masterclass-Absolventen. Bert Joris hat in der Leitung von Big Bands grosse Erfahrung. Man sollte sich die „generations“-Gala-Night eigentlich nie entgehen lassen. Die sind nämlich immer massgeschneidert und finden in der jeweiligen Form nur ein einziges Mal statt. Umso anspruchsvoller die Probearbeiten, die jeweils nur in einem sehr kurzen Zeitraum stattfinden können. Nach der Gala-Night klingt das Festival aus mit der selben Konstellation wie am Freitagabend – in den Clubs und mit Überraschungen.

Schwaller: „Jazz ist, wenn es ding-dingeling macht"

Danach haben alle Ferien nötig. Die Musikerinnen und Musiker, die meist mehrfachbelastet sowohl unterrichten wie auch konzertieren oder Unterricht geniessen und jammen. Und natürlich auch das Publikum, das sich die langen Nächte um die Ohren gehauen hat und am nächsten Morgen wieder zur Arbeit gefahren ist. Aber wie sagt „generations“-Festivalgründer Roman Schwaller? Er sagt: „Jazz ist, wenn es ding-dingeling macht, wenn es swingt und groovt und wenn es dreckig ist.“ Wem das zu dreckig ist, der lässt es halt einfach swingen und grooven. So what?


***

Weitere Artikel zum Thema

Schwaller und Schwaller - thurgaukultur.ch vom 27.09.2014
Welches Schweizer Niveau? - thurgaukultur.ch vom 26.08.14

www.generations.ch

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