von Andrea Gerster, 29.10.2009

Schriftstellerin im zweiten Lehrjahr

Schriftstellerin im zweiten Lehrjahr
«Den ganzen Tag schreiben, kann ich mir nicht vorstellen. Ich brauche die Welt, und ich möchte sie sehen und erleben.» Tabea Steiner. | © ZVG

Tabea Steiner hätte das Mail mit der Nomination für den Förderpreis Literatur der Internationalen Bodenseekonferenz fast gelöscht, weil sie annahm, es sei Spam. Aber dann stutzte sie, reichte drei Kurzgeschichten ein und gewann.

Andrea Gerster

Tabea Steiner, ist das Ihr erster Literaturpreis?

Vor zehn Jahren gewann ich den ersten Preis beim Liebeslyrik-Wettbewerb in Diessenhofen (lacht). Der war allerdings nicht dotiert. Einen Preis für Literaturvermittlung, den «Thuner Kulturstreuer» der Stadt Thun, erhielt ich vor zwei Jahren für das Literaturprojekt «Literaare». Hier organisiere ich seit fünf Jahren Lesungen mit Schweizer Autorinnen und Autoren sowie das Thuner Literaturfestival.

Wie ging das vor sich mit dem Förderpreis der IBK?

Ich erhielt ein Mail, das ich beinahe löschte, weil ich dachte, es sei Spam. Dann aber freute ich mich riesig über die Nomination. Die Vorgabe war, eine Kurzgeschichte einzureichen, maximal 30 Seiten. Da ich einen fünfwöchigen Aufenthalt in New York geplant hatte, um mein Englisch zu verbessern und einige Texte zu überarbeiten, nahm ich das zum Anlass neue Texte für den Wettbewerb zu schreiben. So weg von allem hatte ich Zeit, Raum und Inspiration, das zu tun.

Worum geht es in der Geschichte?

In jener, die auch veröffentlicht wird, geht es um eine junge Frau. Sie begegnet an einer Party einem jungen Mann. Dabei wird sie mit der Vergangenheit konfrontiert. Eine unmögliche Liebe beginnt, denn da schwingt immer auch ein Geschehen in Richtung Missbrauch mit.

Haben Sie mit einer solchen Förderung aus Ihrem Heimatkanton gerechnet?

Das kam total überraschend. Ich habe mich so gefreut, dass ich sofort zehn Leute anrief und ihnen davon erzählte. Und die Mitteilung kam gerade zum richtigen Zeitpunkt. Denn ich hatte eine Stellvertretung, eine sechste Klasse, die sehr schwierig war, ein Aufsteller also. Ganz wichtig ist für mich, dass der Förderpreis meinem Selbstverständnis fürs Schreiben entgegenkommt. Das heisst, ich mache damit einen weiteren Schritt zum Berufsbild Schriftstellerin, bin jetzt sozusagen im zweiten Lehrjahr. Eine grosse Motivation zum Weitermachen, denn für mich bedeutet die Förderung, dass mir etwas gelungen ist.

Sie studieren in Bern, unterrichten an Grundschulen und Gymnasien, entwickeln und organisieren literarische Projekte und schreiben selber literarisch. Gibt es da Prioritäten?

Nur bezüglich der Termine. Mein Privileg ist, dass ich alles, was ich tue, gerne mache. Und alles hat irgendwie miteinander zu tun. Meine Arbeitstage sind strukturiert und organisiert. Das ergibt sich nicht nur durch die verschiedenen Projekte, sondern das gehört zu mir. Auch zu mir gehört, dass mir schnell einmal langweilig wird. So kann ich mir eine geregelte Arbeitszeit, in einem Büro zum Beispiel, überhaupt nicht vorstellen.

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?

Den halben Tag schreiben, den anderen halben Tag andere Dinge tun. Darauf arbeite ich hin. Den ganzen Tag schreiben, kann ich mir nicht vorstellen. Ich brauche die Welt, und ich möchte sie sehen und erleben. Literatur ist, eine andere Brille anzuziehen und das Leben auf eine neue Art zu sehen. Und ich möchte mein Studium abschliessen, aber setze mich dabei nicht unter Druck.

Thomas Bernhard hat sich mit einem seiner Literaturpreise einen Sportwagen gekauft. Was werden Sie damit tun?

Ich habe einen Flug nach Mexiko gebucht. Das hatte ich schon vorher geplant gehabt, aber dann sofort gemacht. Eine Freundin von mir lebt dort. Ich werde eine Sprachschule besuchen und schreiben. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich ausserhalb meines gewohnten Umfelds sehr gut schreiben kann. Und dass Schreiben nicht nur bedeutet, am Schreibtisch zu sitzen und zu produzieren, sondern erleben, sehen und denken.

> Tabea Steiner ist derzeit unterwegs als Organisatorin der Lesetournee mit den Literaturpreisträgern Bern. Die 28-jährige Germanistikstudentin ist im thurgauischen Altishausen mit fünf Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen und hat das damalige Lehrerseminar in Kreuzlingen absolviert. Vor acht Jahren ist sie aus dem Thurgau in den Kanton Bern gezogen und organisiert seither Projekte in den Bereichen Literatur und Kleinkunst und schreibt selber literarisch. Von der IBK (Internationale Bodenseekonferenz) erhält sie nun den Förderpreis Literatur.

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