von Inka Grabowsky, 08.02.2016

Lockere Revue in heiligen Hallen

Lockere Revue in heiligen Hallen
Adrian Furrer, Guiseppe Spina, Astrid Keller, Florian Steiner und Lotti Happle erleben ihr Happy End. | © Inka Grabowsky

Das See-Burgtheater und die Stiftung Kartause Ittingen produzieren gemeinsam eine Show zur Geschichte des Klosters in Warth. Sie bietet massgeschneidertes Infotainment.

Inka Grabowsky

Die Stiftung Kartause Ittingen hat den Stein ins Rollen gebracht. Sie gab Leopold Huber von See-Burgtheater den Auftrag, ein Theaterstück extra für die Kartause zu schaffen. „Es ist unser Stiftungszweck, ein Seminar- und Kulturzentrum zu betreiben. Und nach den guten Erfahrungen, die wir mit ‚Ittingen brennt’ vor vier Jahren gemacht haben, wollten wir wieder Theater anbieten“, sagt Stiftungsprokurator Heinz Scheidegger.

„Der Ort Ittingen hat dann die Inhalte vorgegeben", so Huber. „Wir wollten die Geschichte der Kartause von den Anfängen bis zur Gegenwart darstellen. Und weil diese Geschichte so abwechslungsreich ist, bot sich die Form der Revue an.“ Er hat sich für die konzeptionelle Arbeit Unterstützung bei Edith Gloor geholt. Gemeinsam schrieben die beiden Szene um Szene, Version um Version. „Edith hat eine besondere Begabung für die ernsten Themen“, so der Regisseur und Autor. „Ich dagegen bin besser bei lustigen Stellen.“

Leopold Huber gibt Regieanweisungen. (Bilder: Inka Grabowsky)

Das Team habe sich gut ergänzt. Seit der siebten Fassung seien alle Beteiligten im Grossen und Ganzen zufrieden – wenngleich während der Proben jeder Schauspieler ein Mitspracherecht hatte. „Einige haben Sätze geprägt, die wir Autoren nicht so vorgesehen hatten, die aber perfekt zur Rolle passten.“ Schauspielerin Astrid Keller wiegelt ab: „Wir müssen ohnehin immer mitdenken. Bei einem neuen, noch nicht ganz fertigen Stück eben noch besonders.“

Besonderer Ort

Die Kartause Ittingen ist seit rund 900 Jahren eine Art Kulturzentrum. Heute sehen einige im ehemalige Klosterareal einen Ort mystischer Kraft, für andere steht der museale Charakter mit der Kirche und den Mönchszellen im Vordergrund. Der Garten und der Gutsbetrieb mit eigenem Wein und Käse, das spirituelle Zentrum „tecum“ und das Seminarzentrum mit Hotel und das Restaurant ziehen jeweils eigene Zielgruppen an. In jüngster Zeit ist die Kartause als Standort des Kunstmuseums Thurgau in die Schlagzeilen geraten.


Noch macht Regisseur Leopold Huber seinem Ensemble Verbesserungsvorschläge.

All diese Elemente haben ihre Auswirkungen auf die jüngste Produktion des See-Burgtheaters – jenseits von Atmosphäre und perfekter Infrastruktur. „Wir haben hier eine Synergie unter anderem mit der bildenden Kunst und dem Theater“, so Huber. „Theaterzuschauer lernen die Räume der Kunstmuseums Thurgau kennen und Kunstliebhaber kommen mit unserem Theater in Berührung.“

 

Besondere Herausforderung für die Schauspieler

Jeder der Mitwirkenden spielt vier bis sieben Rollen. „Man hat schon seine Favoriten“, gibt Darsteller Guiseppe Spina zu. „Ich zum Beispiel wollte schon immer mal im Mönchsgewand tanzen und freue mich jetzt besonders auf diese Szene.“ Diese Art der Besetzung führe zu einer Gratwanderung, erklärt Huber. „Man spielt so, dass die Zuschauer es merken, wenn eine neue Figur auftritt. Also greift man zu deutlicheren Mitteln – und muss aufpassen, nicht zu deutlich zu werden.“

Teuflischer Sohn mit ehrgeiziger Mutter: Guiseppe Spina und Astrid Keller.

Die Freude an der Übertreibung ist für die Schauspielerin Lotti Happle aber gerade einer der Vorteile der Revue. „Ich darf singen, tanzen und für einmal dick auftragen. Und in der nächsten Szene bin ich dann wieder ernst und zeige existenzielle Probleme. Die Abwechslung ist sowohl für das Publikum als auch für uns attraktiv.“

 

Im Bett durch die Zeit

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein altes Mönchs-Schrankbett. In Wirklichkeit diente es dazu, die Mönche im Winter einigermassen warm zu halten. In der Inszenierung wird es zur Zeitmaschine. Ein fieser Banker aus der Gegenwart versteckt sich auf seiner Flucht zufällig im Kasten. Es surrt, es blitzt, und schon ist er in der tiefsten Vergangenheit. Im Jahr 1100 sieht er sich in Ittingen noch archaischen Riten gegenüber. Nach und nach arbeitet er sich wieder in die Gegenwart zurück, über die Klostergründung, den Aufstand der Frauen von Warth, den Ittinger Sturm, die Blütezeit der Kartause vor 300 Jahren und die Gründung der Stiftung 1977, die die Kartause in den Dienst der Öffentlichkeit stellte. Unser Banker kommt nach seiner Reise geläutert in der Gegenwart an. Das Happy End ist also garantiert.

 

Aus dem Rahmen

Die Kartause bietet passend zu den Theateraufführungen ein Rahmenprogramm an. Im Restaurant gibt es eine eigens kreiertes Menü, im Hotel können Theaterbesucher günstig übernachten. Ohne Mehrkosten kann man vor jeder Aufführung an einer halbstündigen Führung durch die Kartause teilnehmen. In der Pause lässt sich das „Pausenstück“ geniessen. Das Kunstmuseum Thurgau hat aus seiner Sammlung Werke zusammengestellt, die im weitesten Sinn auf das Stück Bezug nehmen.

Aufgrund des grossen Andrangs wurden zusätzliche Aufführungstermine eingeplant.


Die Ittingen Saga läuft vom 18. Februar bis zum 20. März jeweils freitags und samstags Abend sowie Sonntag Vormittag. Mehr Infos auf der offiziellen Webseite.

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