von Inka Grabowsky, 14.03.2016

Menschen, die keine Rolle spielen

Menschen, die keine Rolle spielen
Johannes Widmer vor doppeltem Publikum. | © Inka Grabwosky

Die Performance "Im Dunkelwasser fischen" von Micha Stuhlmann entzieht sich allen Kategorisierungen. Es ist kein Sozialprojekt, obwohl Menschen mit Behinderungen teilnehmen. Und es ist kein Theaterstück, obwohl auf der Bühne Geschichten erzählt werden. Es ist einfach Kunst.

Inka Grabowsky

Markus Landert, der Direktor des Kunstmuseums Thurgau, gibt an der Premiere in seiner Einführung eine Interpretationshilfe: „Erwarten Sie ein Tableau vivant. Lebendige Bilder, die Sie erleben und mitnehmen können.“ Die Menschen auf der Bühne, ob mit Beeinträchtigungen oder ohne, stellten sich selber aus, so der Experte für bildende Kunst. „Darf das Publikum sich an ihrem Anblick ergötzen?“, fragt er. Normalerweise sei ein Zuschauer beeindruckt, wenn ein Schauspieler eine Rolle authentisch verkörpere. In Micha Stuhlmanns inklusiven Bühnenstück aber seien die Darsteller Laien. „Sie tun nicht so, als ob. Sie sind, was sie zeigen - die Darsteller spielen keine Rolle". Das allerdings tun sie mit grosser Spielfreude. Seit Februar vergangenen Jahres läuft der Prozess, bei dem die Künstler ihre Performance entwickeln. „Abgeschlossen ist er nie“, sagt die künstlerische Leiterin. „Ich verlange von den Darstellern Flexibilität im Kopf. Sie sollen nicht eine Rolle herunterspielen, Bewegungen dürfen keine eingefahrenen Gewohnheiten werden.“ Dennoch haben die Ensemble-Mitglieder Abläufe trainiert und eingeübt. Vor allem haben sie die Inhalte selbst erarbeitet, verworfen und immer wieder erneuert. Herausgekommen sind zwölf Bilder, die von den Zuschauern mitunter Geduld verlangen. Sie erschliessen sich, wenn man sich darauf einlässt.

Micha Stuhlmann (vor Hanna Eikelenboom)


Professioneller Rahmen

Stuhlmann versetzt uns mit Hilfe der live erzeugten Akustik-Atmosphäre von Marc Jenny in eine Welt unter Wasser. Das Bühnenbild entsteht ebenfalls bei jeder Aufführung neu. Der Videokünstler Raphael Zürcher erzeugt Farbschlieren in Wasserbecken. Die Bilder, die dabei entstehen, projiziert er über eine Kamera auf eine grosse Leinwand im Bühnenhintergrund.

Raphael Zürcher spielt mit Farben

Die schlichten Kostüme der zehnköpfigen Truppe hat Ellen Finus gestaltet. Diese Profis sorgen für die Rahmenbedingungen, in denen sich die Darsteller entfalten. Fünf von ihnen haben körperliche, geistige oder psychische Behinderungen. Ihre Entwicklung allerdings steht nicht im Mittelpunkt der Arbeit. „Therapie gehört nicht auf die Bühne“, sagt Stuhlmann, die in ihrem zweiten Leben auch als Tanz- und Musik-Therapeutin im Hinterthurgau arbeitet. „Ich arbeite als Künstlerin deshalb gerne mit Menschen mit Beeinträchtigungen, weil sie eine für mich neue Sprache und Kultur mitbringen. Mich beschäftigt die Frage, wie sie sich ausdrücken. Wir finden über die Bewegung zu einer gemeinsamen Sprache.“

Wechselnde Perspektiven

Die Aufführungen von „Im Dunkelwasser fischen“ sind immer einzigartig. Dafür sorgt unter anderem auch die Umgebung. Bis zum 18. Juni werden die Künstler an acht verschiedenen Orten gespielt haben – nie zweimal auf der gleichen Bühne. „Unsere Performance wird an Theaterorten und Nicht-Theaterorten aufgeführt, das ist sehr spannend.“

Marc Jenny spielt mit Klängen.

 

Die intimste Spielstätte dürfte die Werkstatt in der Konstanzer Inselgasse sein (12.6.). Die Kunsthalle Arbon, in der die Vorpremiere stattfand, sorgte dagegen durch den Industriehallen-Charakter für eine ganz andere Atmosphäre. Besonders freut sich Stuhlmann auf die Aufführung im Lichthof der Pädagogischen Hochschule Thurgau (20.3.) „Die Zuschauer können darin die Perspektive wechseln. Das Publikum kann sich mitbewegen und auch einmal von den oberen Etagen herunterzuschauen.”

„Im Dunkelwasser fischen“ ist Micha Stuhlmanns dritte Produktion mit einem Inklusions-Ensemble nach “Wo ist Klara” 2012 und “Nur mit mir allein zum Glück” 2014. Dieses Mal jedoch arbeitet die Künstlerin zum ersten Mal unabhängig ohne eine grosse Institution im Rücken. Diverse Sponsoren unterstützen sie finanziell, inhaltlich war die Kulturpreisträgerin von 2013 aber vollkommen frei. „Das war zwar anstrengender, aber ich bin sicher, dass so noch deutlicher wird, dass wir Kunst machen!”

 

VIDEO-MITSCHNITT
(zum Abspielen ins Bild klicken)

 

* Was bleibt:

Es kommt nicht oft vor, dass man aus einer Performance mit einem Ohrwurm herausgeht. Die gute Laune der Darsteller steckt an. Trotzdem fordert „Im Dunkelwasser fischen“ dem Publikum einiges ab - allem voran die die Fähigkeit Schweigen auszuhalten. Mit Hilfe der faszinierenden Live-Bilder von Raphael Zürcher und der spontanen Vertonung von Marc Jenny entsteht Poesie. Wenn man möchte, sind die Bilder im Kopf grösser als die Bilder auf der Bühne, aber man muss sich darauf einlassen wollen. Ob die Darsteller nun körperliche oder kognitive Einschränkungen haben oder nicht, spielt tatsächlich überhaupt keine Rolle. Die Mitwirkenden werden nicht mit ihren Defiziten zur Schau gestellt, sie stellen ihre Interpretation der Wirklichkeit auf unterhaltsame Weise zur Diskussion. Das ist nicht peinlich, sondern erhellend und interessant.

 

***In unserer neuen Reihe "Was bleibt..." sammeln wir alle Eindrücke, Lehren, Gedankenschätze und auch kritische Beobachtungen, die unsere KorrespontentInnen von den Veranstaltugnen zurück mit in die Redaktion bringen.
Sie waren auch bei der Vorstellung und hatten einen ganz anderen Eindruck? Lassen Sie es uns wissen! Hier in den Kommentaren oder per E-Mail oder Kommentar auf Facebook und Twitter. Wir freuen uns! ***

 

Weitere Aufführungen:

18. März, 19.30 Uhr, Tanzraum Herisau
20. März, 20.30 Uhr, PHTG Kreuzlingen
08. April, 19.15 Uhr, Kunstmuseum Thurgau, Kartause Ittingen
11. Juni, 19.30 Uhr, Lokremise St. Gallen
12. Juni, 19.30 Uhr, Theater Konstanz (Werkstatt Inselgassse)
18. Juni, 19.30 Uhr, Phönix Theater Steckborn

 

 

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