18.10.2017

Sehnsucht nach Sesshaftigkeit

Sehnsucht nach Sesshaftigkeit
Nicht gekommen, um zu bleiben: Junge Künstlerinnen und Künstler stellen noch bis 20. Oktober bei der DeArrival auf dem Lattich-Areal in St. Gallen aus. | © Dorothee Haarer

Mit der Schau «DeArrival» holen drei U-30-Kuratoren nationales junges Kunstschaffen in unterschiedlichsten Positionen aufs Lattich-Areal im St.Galler Güterbahnhof. Ein mutiges Experiment, findet unsere Autorin.

Von Dorothee Haarer

Die Idee ist erstmal ganz einfach: In einer nur temporär ausgelegten Zwischennutzung Themen anreissen, die sich ums Ankommen, Da-Sein  und Weiterziehen drehen. Und dabei Kunstschaffende vernetzen, Intermedialität fördern und Austausch anregen. Das ist der Hintergrund der 3-Tages-Ausstellung «DeArrival» in St. Gallen. Initianten des Projektes sind Wassili Widmer,  ZhdK-Student, und die beiden Kunstgeschichtsstudenten Luca Rey und Joel Spiegelberg. Noch bis Freitag, 20. Oktober, wird unter dem Motto «Freiraum» die Halle auf dem Lattich-Areal bespielt. 

Für ihr Projekt haben sie 21 Kunst-Täterinnen und -Täter aus der ganzen Schweiz ausgewählt und diese nach St.Gallen geholt. Dabei herausgekommen ist eine vielschichtige, durch ein Rahmenprogramm begleitete Ausstellung, die von audio-visuellen Installationen über stille Skulpturen bis hin zu  grossformatigen Zeichnungen die ganze Bandbreite aktuellen Kunstschaffens widerspiegelt.

In einer Mauernische ist eine Zeichnung über drei Blätter verteilt. Gleich erkennt man in den wilden Linien und rasenden Strichen den Weg (eine Brücke vielleicht?), der auf eine Stadt zuführt. Man wird durch den heftigen Strichduktus quasi wie auf einem Laufband in die Architektur gezogen, gesaugt. Doch die Skyline, auf die man so zurast, wirkt nicht einladend. Die Häuserblöcke sind fensterlos, türlos. Ankommen oder gar Nach-Hause-Kommen scheint kaum möglich. Dafür steht die Frage im Raum: Wird man sich hier überhaupt zu recht finden können?

Luxus der B-Kategorie

Links daneben hängt eine hinterleuchtete Fotografie von Venedig: Darauf zu sehen gibt’s Jachten auf dem Wasser, Häuser am Quai, und eine der typischen venezianischen Brücken ist auch dabei. Es scheint ein recht gewöhnlicher Blick über das Wasser auf die Stadt zu sein. Doch wer Venedig besucht hat und um das Protzen entlang des Canal Grande weiss, der stutzt. Denn die erwarteten vor Anker liegenden Luxusliner sind durch Jachten mittlerer Grösse ersetzt. Und anstatt der zu Hotels umfunktionierten Palazzi findet man nun schlichte Gebäude mit grünen Läden und spitzen Fenstern.

Es ist ein Blick auf die Welt derjenigen, die auch gerne mitspielen und dazu gehören würden, bei den Reichen und Schönen. Allerdings ist es ein nüchterner Blick, der zeigt, wie unspektakulär dieses Spiel wird, wenn man nicht mit fettem Geldbeutel daher kommt. Dann spielt man auch mit. Aber eben nur in der B-Kategorie.

Anderswo in der Halle stehen auf Paletten zwei Bildschirme, Rücken an Rücken. Auf dem einen Bildschirm tauchen Sätze auf und verschwinden wieder. Sie alle drehen sich um Zugehörigkeit und Fremdheit und berichten vom Balancieren zwischen Welten und Kulturen. Ein Satz erklärt: «Man geht als jemand und kommt als niemand. Und umgekehrt.» Auf dem anderen Bildschirm ist ein Film zu sehen. Unscharf erkennt man, wie eine Frau sich auszieht, entblösst, umzieht, neu bekleidet. Machen Kleider Leute? Machen Kleider Identität? Verliere ich mich und bin niemand mehr, sobald ich nackt bin? Kann ich mein Selbst ablegen wie ein Kleidungsstück? Und muss ich mich verkleiden, um irgendwo dazu zu gehören?

Baumelnde Briefe

Weit hinten in einer Hallenecke, aus der Distanz kaum zu sehen, baumeln pastellfarbene Papierbögen von der Decke. Beim näheren Betrachten enttarnt man sie als Liebesbriefe. Beschrieben sind sie mit Sätzen voller Zuneigung, Versprechen, Hoffnungen. Doch das, was Liebesbriefe erst bedeutsam macht – Wer schreibt wem, wer liebt wen? –, das fehlt. Denn die Namen von Adressat und Absender wurden getilgt,  herausgeschnitten, ebenso wie manch andere Passage innerhalb der Briefe. Damit kippt die Botschaft des Schreibens vom Persönlichen ins Anonyme, vom Einzigartigen ins Beliebige. Jeder wird austauschbar.

Die Idee der Initianten geht auf. «DeArrival» ist eine gelungene Schau übers Ankommen(-Wollen), (nicht) Erreichen-Können und Weiterziehen (-Müssen): egal, ob es um Orte, Lieblings-Menschen oder einen Platz innerhalb der Gesellschaft geht. Das macht wehmütig. Doch die Hoffnung bleibt. Auf ein Ankommen. Ein Bleiben-Können. Irgendwann vielleicht.

Folgende Künstlerinnen und Künstler stellen aus: Abraham Barrow und Freunde, Angela Osterwalder und Sergio Araya, Brigida Zuberi, Bruno Stebler, David Sieber, Elia Varini, Florian Gugger, Joris Jehle, Lasse Linder, Lea Huser, Luca Rey, Lucien Wampfler, Martina Morger, Nilo Stillhard, Riccarda Naef, Silaz Stillhard, Sonja Berta, Tarik Zürcher, Tim Hegersberg, Wassili Widmer.

 

Das Programm bei DeArrival

18. bis 20. Oktober ab 15 Uhr

19 Oktober 19:30 Uhr: Per­for­mance von Nilo Still­hard, 21 Uhr Rap-Per­for­mance von Silaz Still­hard

20. Oktober 19 Uhr: Live-Kunst mit Elia Va­ri­ni, 20 Uhr: Per­for­mance von Mar­ti­na Mor­ger und Was­si­li Wid­mer, 21 Uhr: Af­ter­par­ty von Kein Kol­lek­tiv, in der Tank­stell

www.spieglerey.com/spieglerey  

www.lattich.ch 

 

Hier finden Sie das Areal

 

 

Hinweis: Der Text erschien zuerst auf www.saiten.ch  

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