von Brigitte Elsner-Heller, 09.08.2019

Mord in bester Gesellschaft

Mord in bester Gesellschaft
Mit den Schwestern Abby und Martha Brewster auf einen Drink ins Jenseits. | © Daniela Huber

Alleinstehende ältere Herren sollten achtgeben: Auf der kleinen Bühne des Wasserschlosses Hagenwil befördern nämlich Abby und Martha sie schnell mal ins Jenseits. Aus Nächstenliebe, versteht sich. Eine erfrischende Premiere von „Arsen und Spitzenhäubchen“ bei den diesjährigen Schlossfestspielen.

Die Reihen sind dicht geschlossen, und der Regen war schon mal heftiger in den vergangenen Tagen und Stunden. Thurgauer Prominenz aus Politik und Kultur war sich einig mit den Freunden der Schlossfestspiele Hagenwil: Da muss man hin, zur Premiere von „Arsen und Spitzenhäubchen“, der Komödie von Joseph Kesselring, die seit 1941 immer wieder beweist, dass sie bestens „funktioniert“. Sollte das mit dem Morden also nicht auch im Thurgau weiter klappen? Auch und gerade, nachdem das See-Burgtheater unter derselben Flagge gerade schon seine Leichen am Ufer des Bodensees hinterlassen hatte?

Unterhaltsames Volkstheater

Hagenwil steht für sich, um es kurz zu sagen. Und vielleicht ist es gerade die Idylle des Schlosses, die charmante Rückwärtsgewandtheit des kleinen Schlosshofes mit der liebevoll realisierten Umwidmung als Spielort, die Kesselrings Komödie entgegenkommt. Jedenfalls, wenn man sie im Sinne seines Schöpfers als gutes Volkstheater aufgreift, das Sitten und Gebräuche hochhält, nur um sie lustvoll zu konterkarieren. Unterhaltsam zu sein ist auch nach zehn Jahren das Hauptanliegen der Hagenwiler Theatermacher, und der Erfolg beim Publikum gibt ihnen ja wohl recht.

Trautes Heim mit Nebenwirkungen

Nicht gleich eine geblümte, aber immerhin doch eine kleinbürgerlich gemusterte Tapete rahmt also das traute Heim der Schwestern Abby und Martha Brewster ein, die mit ihrem Neffen Teddy unter einem Dach leben. Und dieses Haus hat offenbar schon einiges gesehen – hat doch der Vater unserer beiden „Golden Girls“ einst hier ein medizinisches Labor betrieben. Eher wohl aus Leidenschaft als aus Fürsorge für Kranke, denn nicht allen scheint die Behandlung wirklich gut bekommen zu sein. Zur Geschichte des Hauses und seiner Bewohner gehört ebenfalls ein Keller, der, so erstaunlich es klingen mag, etwas mit Panama zu tun hat. Jedenfalls für Teddy Brewster, der hier immer mal wieder buddelt, um neue Schleusenkammern für den Panamakanal auszuheben. Erstaunlich eigentlich, denn Teddy, der mit schöner Regelmässigkeit durchdringend zur Attacke bläst, ist doch eigentlich Präsident Roosevelt. Zumindest in seiner eigenen Vorstellung.


Teddy, hier in zweiter Besetzung gespielt von Kurt von Suso (links), bläst in schöner Regelmässigkeit durchdringend zur Attacke. Bild: Daniela Huber

Eine nette Familie

Damit aber nicht genug der Familie Brewster: Gibt es doch noch den netten Neffen Mortimer, der nun endlich seiner Elaine einen Heiratsantrag macht. Und einen weiteren Neffen, Jonathan, von dem man eigentlich gar nicht erst reden möchte: Er gleicht nämlich äusserlich und im Wesen durchaus Frankenstein, dem bekannten Monster Mary Shelleys. So wundert es nicht, dass der Mann ein Problem hat – das ziemlich kalt und leblos im Moment noch auf dem Rücksitz des Autos einer Lösung harrt.

Aber zuerst die beiden netten älteren Damen. Keine Frage, muss man Abby (Bigna Körner) und Martha (Mary Santella) ins Herz schließen. Und so kommt auch Pfarrer Harper (Marcel Zehnder) gern mal zu Besuch. Dass das Kreuz an der Wand partout nicht gerade hängen will, nimmt er in Kauf. Auch, dass seine Tochter Elaine (Sarah Herrmann) sich mit Mortimer Brewster, diesem gut gerateten Neffen (Falk Döhler), äusserst gut versteht. Auch die Polizei schaut schon mal vorbei, allerdings nur, um von den guten Keksen der beiden Damen zu naschen.

„Alles so friedlich hier“, wird es später mal heissen – da sind aber bereits ein Dutzend toter Herren im Spiel. Zumindest, was Abby und Martha und damit auch den guten Mortimer betrifft. Denn der stösst zufällig auf Nummer zwölf, der noch in der Holztruhe liegt und einer würdevollen Bestattung in „Panama“ harrt. Auf die Spitze getrieben wird die komödiantische Handlung durch das Auftauchen von Jonathan alias Frankenstein, von dem man erfährt, dass auch er ein Dutzend Menschen einer finalen Behandlung unterzogen hat.

„Alles so friedlich hier“

Zitat aus Joseph Kesselrings Arsen und Spitzenhäubchen 

Alles in allem

Wunderbar agieren Bigna Körner und Mary Santella als liebevoll naive Schwestern, die dem Leben im Wesentlichen nur Gutes abgewinnen können – sofern es nicht gerade ihren Neffen Jonathan betrifft. Während man sich Abby genau so vorstellen kann, sieht Martha durch das ihr zugewiesene Kostüm ein wenig zu sehr nach Flowerpower aus. Würde sie nicht lieber jüngeren Männern nachschauen wollen als ältere in ein friedvolles Jenseits zu befördern? Falk Döhler glänzt als Mortimer, der sich plötzlich aus der heilen Welt in einen Alptraum versetzt fühlt. Natürlich hält die Vorlage für ihn reichlich Möglichkeiten vor, sich als Schauspieler zu beweisen. Ohne Frage urkomisch „Mr. President“, der zwar kräftig ins Horn stösst, aber mangels geistiger Masse von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Ein Schelm, wer da heute an reale politische Akteure denkt. Eine schöne Rolle für Edwin Neil Kubotat, der bei der Premiere spielte und sich mit Kurt von Suso in der Rolle abwechselt. Dies übrigens eine Neuerung bei den Festspielen: Einige der Rollen sind nun doppelt besetzt. Ordentlich Gruselmomente hält Alexandre Pelichet als Jonathan Brewster vor. Er hat sich klar Frankenstein zum Vorbild genommen, bewegt sich staksig und mit verkrampften Händen über die Bühne. Mischa Löwenberg gibt als Dr. Einstein seinen ängstlich verdrucksten Adlatus.


Alexandre Pelichet (mitte) als Jonathan Brewster sorgt für Gruselmomente. Bild: Daniela Huber

Das Timing stimmt

Zu dieser Kerntruppe gesellen sich Pfarrer und Polizei, sozusagen „die Gesellschaft“ mit ihrem Regelwerk. Wunderbar, wie blind in diesem Kontext nicht nur Justitia wirkt. Das Wesentliche der leicht gängigen Inszenierung ist jedoch das temporeiche Zusammenspiel des gesamten Ensembles, bei dem das Timing immer stimmt (Florian Rexer führt präzise Regie). Dafür gab es immer wieder Szenenapplaus und viele verdiente Lacher. Amüsant auch, dass Mortimer als Theaterkritiker vorgestellt wird, den das Theater nervt. Trotzdem führt er ins Feld, dass auf der Theaterbühne Menschen „vernünftig“ handelten, wohingegen seine eigene „Realität“ schon bald jenseits aller Theaterfantasien zu liegen kommt. Zum Glück mögen in der wirklichen Wirklichkeit Kritiker Theater gern und freuen sich über gelungene Inszenierungen. So wie in diesem Fall.

 

 

 

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