von Gallus Frei-Tomic, 05.02.2020

Von Töchtern und Müttern

Von Töchtern und Müttern
Die Autorin Laura Vogt | © zVg

Laura Vogts zweiter Roman strotzt von Weiblichkeit. Ob Mann oder Frau; wer den Roman „Was uns betrifft“ liest, sinkt immer tiefer in ein enges Geflecht von Intimitäten, die nie entblössend, aber unsäglich ehrlich sind. „Was uns betrifft“ betrifft uns, ob Mann oder Frau.

Fenna, Verena und Rahel. Drei Frauen. Verena die Mutter, die sich einst von Erik trennte und mit Ida ein neues Leben begann, die krank und geschwächt die Nähe zu ihren Töchtern sucht. Fenna, die jüngere der Töchter, schwanger von Luc, gleichsam verunsichert wie entschlossen. Und Rahel, die Erzählende, die von Martin schwanger sitzengelassen wurde und bei Boris in seinem grossen Haus Asyl findet, wieder schwanger wird und sich immer tiefer in den Verstrickungen von Mutterschaft, Selbstzweifeln, Enge und Verunsicherung wiederfindet.

„Rahel trommelte mit beiden Fäusten auf ihre Stirn…. Hier drin ist alles weg. Absolut leer!"

Aus dem Roman  „Was uns betrifft“ von Laura Vogt

Wäre Rahels Leben nicht von den Pflichten einer Mutterschaft zugedeckt worden, wäre sie  Sängerin, Texterin geblieben. Aber was in ihrem Bauch zu wachsen begann, nahm ihr die Freiheit, auch jene, jener Stimme nachzugehen, von der sie einst glaubte, es mache ein ganzes Leben aus. Und weil sich mit dem Schriftsteller Boris, seinem grossen Haus, seiner Unaufdringlichkeit und seiner Fürsorge alles wie von selbst zu fügen schien, gibt sich Rahel auch in eine zweite Schwangerschaft. Ein Kind allerdings, dass sich in eine nicht bereite Welt verirrt hatte, das sich nach der Geburt fremd anfühlte. Zeichen, die Boris nicht verstehen kann, denen Boris immer hilfloser gegenübersteht.

„Was uns betrifft“ ist keine Beziehungskiste. „Was uns betrifft“ ist eine wilde Reise durch die Weiblichkeit. Selten verunsicherte mich die Lektüre eines Buches so sehr - weil ich ein Mann bin. Nicht weil ich nicht verstehen könnte, was geschrieben steht, was erzählt und gefühlt wird. Aber ich bin ein Mann. Ich lese diesen Roman mit dem Blick eines Mannes, eines Vaters, lese ihn von der anderen Seite, von gegenüber, in einer seltsamen, bei der Lektüre eigenartigen Distanz. Noch verstärkt darin, weil der Roman aus maximaler Nähe erzählt, weil mich die Weiblichkeit wie ein Strudel mitnimmt, ohne mich zu erschlagen.

„Jede webt ihre Geschichten aus ihren Erfahrungen und trägt sie anders.“

Aus dem Roman  „Was uns betrifft“ von Laura Vogt

„Was uns betrifft“ betrifft so sehr, weil Laura Vogt mich auf eine Reise mitnimmt in jenes Reich, dass sich scheinbar unendlich weit von Freiheit befindet, erdrückende Enge bedeutet, die alles zudeckt, alles vereinnahmt und doch durch nichts gleichzusetzen ist, dass in seiner Einmaligkeit berauscht, das von etwas kosten lässt, was sonst verborgen bliebe. „Was uns betrifft“ ist kein Frauenbuch, aber ein Buch, das so nur von einer Frau geschrieben werden kann. Umso aufschlussreicher für den Mann. Umso kraftvoller und unmittelbarer für die Frau! Unglaublich sensible Beobachtungen und Schilderungen. Frausein wird Wahrnehmung, für mich als lesenden Mann zum Abenteuer.

Laura Vogt schreibt sich durch die Haut hindurch in den Bauch der Frau. Vielleicht auch in die Erkenntnis, dass es zwischen Frau und Mann letztlich nur zum liebenden Verständnis kommen kann, ohne die Geheimnisse des jeweils anderen Geschlechts ergründen zu können. Dass ich als Mann Eindringling und Ausgeschlossner bleibe.

„Ein Haus, ein Mann, ein Sohn, eine Tochter, ein Stück Garten und dann doch auf einmal diese Leere.“

Aus dem Roman  „Was uns betrifft“ von Laura Vogt

Rahel trifft sich mit ihrer Schwester und ihrer vom Krebs geschwächten Mutter. Zwei Tage allein, ohne Kinder, weil Boris mit ihnen weggefahren ist. Sie sind allein in seinem Haus, wie damals, als sie allein waren, bei ihren „Dämlichabenden“. Aus Distanz wird mit einem Mal Nähe, gewinnen sie zurück, was sie verloren glaubten. Verena ihre Familie, Fenna ihre Entschlossenheit und Ruhe und Rahel ihre Stimme, ihre Sprache, ihr Schreiben. Laura Vogts Roman ist vielschichtig, entblättert sich nur bis zu einem Kern, der verschlossen bleibt und die Fragen, was uns denn zusammenhält nicht beantworten kann und will.

„Ich habe immer gemeint, Singen und Schreiben bedeutet vor allem Loslassen und Abschied. Abstand nehmen … Aber es ist viel mehr als das. Es ist auch Neuanfang. Weitergehen.“

Aus dem Roman  „Was uns betrifft“ von Laura Vogt

„Was uns betrifft“ ist eine Reise. Die Reise einer Mutter mit ihrem Kind, von der unmittelbaren Verbindung über die permanente Entfremdung und Entfernung ab Geburt und dem Gefühl, dass damit auch Entfernung und Entfremdung mit sich selbst einhergeht. Eine Reise weg von den festgelegten Vorstellungen von Familie aus der Vergangenheit in die Weite einer Gegenwart, in der man sich zu verlieren droht. Eine Reise von aussen in die Fänge einer Familie und wieder hinaus. Eine Reise zwischen Tochter- und Muttersein.

Grossartig!

Termin: Laura Vogt liest aus ihrem bei Zytglogge erschienen Roman am 26. März 2020, 19:30 Uhr, Raum für Literatur, St. Gallen, im Rahmen des St. Galler Literaturfestival „Wortlaut“. Moderation: Gallus Frei-Tomic. Musikalische Umrahmung: Andi Bissig.


Zur Person

Laura Vogt, geb. 1989 in Teufen (AR), studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, davor einige Semester Kulturwissenschaften an der Uni Luzern. Sie schreibt neben Prosa auch lyrische, dramatische und journalistische Texte und ist als Schriftdolmetscherin und Mentorin tätig. 2016 erschien ihr Debütroman ‹So einfach war es also zu gehen› bei der Verlagsgenossenschaft St. Gallen. Laura Vogt lebt mit ihrer Familie im Kanton St. Gallen.

 

 

HTML Comment Box is loading comments...

Weitere Beiträge von Gallus Frei-Tomic

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Literatur

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kritik
  • Belletristik

Werbung

Das literarische Solo

Alle Lesungen auf einen Klick!

Kommentierte Beiträge

Lesen und mitdiskutieren!

Kultur-auf-Distanz mit unseren

KulturStreams!

Wir sind thurgaukultur.ch:

Unser Team & unsere Autor*innen.

Unsere Neuen!

Bereits 237 Kulturakteure sind auf unserem Kulturplatz präsent.

COVID-Unterstützung für den Kultursektor

Direktlink zu den Informationen des Kulturamts

Recherche-Stipendien der Kulturstiftung:

Bis 7. Juni bewerben!

Ähnliche Beiträge

Literatur

«Literatur kann uns Hoffnung geben»

Die Autorin und Philosophin Julia Langkau erhält in diesem Jahr als eine von sechs KünstlerInnen einen Förderpreis des Kantons Thurgau. Ein Gespräch über die Wirkung von Literatur. mehr

Literatur

Neuer Erzählband von Peter Stamm

Für das Buch „Wenn es dunkel wird“ hat der aus Weinfelden stammende Autor elf neue Geschichten geschrieben. Sie erscheinen Ende September im Fischerverlag. mehr

Literatur

Über Frauen

Eigentlich wäre die St. Galler Autorin Laura Vogt dieses Frühjahr mit ihrem Roman «Was uns betrifft» auf Lesetour gewesen. Dann kam Corona. Jetzt stellt sie ihn bei unseren Quarantäne-Lesungen vor. mehr