21.04.2020

Im Namen der Liebe!

Im Namen der Liebe!
Und das alles im Namen der Liebe - echt jetzt? | © Canva

Christina von Dreien (eigentlich Christina Meier) ist seit Jahren das bekannteste Medium der Schweiz, der Star der Esoterikszene. Als „spirituelles Wunderkind“ erreicht sie Hunderttausende. Sie spricht viel von Liebe, Frieden und Heilung. In einem kürzlich erschienenen Newsletter verbreitet sie abstruse Verschwörungstheorien zur Corona-Krise. Das zeigt wie gefährlich solche Theorien in gesellschaftlichen Krisenzeiten sein können. Simon Engeli antwortet darauf in einem Offenen Brief. 

Liebe Frau Meier,

Vor einigen Monaten bin ich Ihnen zum ersten Mal begegnet, im Buch „Christina – Zwillinge als Licht geboren“, geschrieben von Ihrer Mutter. Es lag auf dem Sofatisch einer Bekannten. Ich nahm es zur Hand und blätterte darin: Sie sind hellsichtig, Sie beherrschen Telepathie, Sie sprechen mit Tieren und Verstorbenen, sie bewegen Gegenstände nur mit Ihrem Geist, Sie sehen durch Wände, ja Sie sind gar in der Lage, Ihre „Körperstruktur“ so zu verändern, dass Sie Materie durchdringen können.

Etwas weiter las ich dann, Sie würden sich weigern, diese „Tricks“ vor Zeugen vorzuführen; Sie hätten es ganz einfach nicht nötig, Ihre vielen Begabungen zu beweisen. Ich legte das Buch schmunzelnd zur Seite. Interessante Geschäftsidee, dachte ich. Die Wundertäterin hat es nicht nötig, Wunder zu vollbringen. Da hätte sich der gute Jesus einigen Aufwand sparen können. Wozu die spektakulären öffentlichen Demonstrationen wie das Heilen von Lahmen und Blinden, das Verwandeln von Wasser in Wein oder der Gang übers Wasser, wenn doch schon die simple Behauptung genügt hätte.

Happige Vorwürfe, an wen eigentlich?

Ich hatte diese kleine Episode schon beinahe vergessen, als ich Ihnen vor kurzem ein zweites Mal begegnet bin. Diesmal in Form Ihres Newsletters zur aktuellen Corona-Krise. Zugeschickt von einer weiteren Bekannten. Schmunzeln musste ich nun nicht mehr.

Ich zitiere Sie diesmal wörtlich, denn diesmal ist es wichtig. Sie schreiben: „Diejenigen Menschen, die auf der Erde das Sagen haben, die Fäden ziehen und die diese Macht nicht abgeben möchten, haben diesen Virus in die Welt gesetzt, um ihre Pläne weiter zu verwirklichen. Heisst doch Corona nichts anderes als Krone. Die Krone auf dem Plan, der Schlussstein. Der Virus ist aber nicht so gefährlich, wie diese Menschen es gerne gehabt hätten.“

Das sind happige Vorwürfe an – Sie schreiben es selber – Menschen. Nicht an irgendeine finstere Macht aus Mordor, sondern an Menschen. An Politiker, Beamte, Wissenschaftler, Wirtschaftsführer. Würde Ihre Behauptung zutreffen, würde es sich hier wohl um eines der schlimmsten Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung seit 75 Jahren handeln.

Wer von sich behauptet das Licht der Aufklärung zu tragen, der sollte sorgsam damit umgehen. Bild: Canva

Verschwörungstheorien zerfressen den Mörtel unserer Gesellschaft

150 000 kaltblütige Morde und stündlich steigend. Es wäre eine ethische Pflicht, ein solch gigantisches Verbrechen vollständig aufzudecken. Sie kennen anscheinend die Täter. Wie heissen diese Machthaber, von denen Sie schreiben und wer sind ihre Komplizen?

Verschwörungstheorien sind mit ein paar Klicks in die Welt gesetzt, unbedacht und ungestraft. Sie klingen oft sexy und abenteuerlich. Wer sie kolportiert hält sich vermutlich für einen freien, kritischen Geist. In Wahrheit sind unbewiesene Verschwörungstheorien reines Gift für unser Zusammenleben.

Unsere Tipps der Woche

Themen, Termine und Menschen,
die zu reden geben.
Wöchentlich in Ihrer Mailbox.
Ein kostenloser Service von thurgaukultur.ch.

Jetzt abonnieren

 

Wer so agiert, trägt Hass und Misstrauen in die Welt

Sie zerfressen den Mörtel unserer Gesellschaft, das Grundprinzip, dem Mitmenschen zunächst einmal gute Absichten zu unterstellen. Und sie zerstören, verwischen und relativieren die Grenzen zwischen Fakten und Meinungen, Tatsachen und Gerüchten, Behauptungen und Beweisen.

Sie wollen niemandem beweisen, dass Sie durch eine geschlossene Tür hindurchgehen können. Das ist Ihr gutes Recht und ich halte es hinsichtlich Ihrer Gesundheit ehrlich gesagt für eine kluge Entscheidung.

Dass „die“ Machthaber der Welt, den Coronavirus in die Welt gesetzt haben, um ihre Macht zu erhalten, das, Frau Meier, das hingegen müssen Sie beweisen. Ansonsten tragen Sie nicht Liebe und Heilung in die Welt, sondern Hass und Misstrauen. Verschwörungstheoretiker sollten sich beim Verfassen und Publizieren ihrer Texte immer vor Augen halten, dass die Urmutter aller Verschwörungstheorien, die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ Ende des 19. Jahrhunderts, ein entscheidender Faktor für die Verfolgung und Ermordung Millionen von Juden war.

Das Licht der Aufklärung

In Ihren Texten ist viel von Licht die Rede. Von heilendem Licht, göttlichem Licht, vom Licht der Liebe. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen. Aber vergessen Sie dabei nicht das Licht der Aufklärung. Die Fackeln der Vernunft, der Wissenschaft und des Rechtstaats. Und ich bitte Sie: Zeigen Sie Grösse und nehmen Sie Ihre haltlosen Vorwürfe in Ihrem nächsten Newsletter an Ihre Anhänger mit einem Wort der Entschuldigung zurück. Im Namen der Liebe!

Mit freundlichen Grüssen,

Simon Engeli

Video: Was Monty von der Theaterwerkstatt dazu meint

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Wissen

Kommt vor in diesen Interessen

  • Bildung
  • Gesellschaft
  • Gesundheit
  • Medien
  • Spiritualität

Werbung

#lieblingsstücke

quer durch den Thurgau

Kultur für Klein & Gross #3

Der Newsletter für kulturelle Familien- & Kinderangebote.

Förderbeiträge 2022 - jetzt bewerben!

Eingabeschluss: 31. Januar 2022. Alle Infos hier:

Wer wir sind

Alles rund um thurgaukultur.ch

Ähnliche Beiträge

Wissen

Sturmtief über Frauenfeld

Proben für den Krisenfall: Wie rettet man 100 wertvolle Kulturgüter vor einer möglichen Naturkatastrophe? mehr

Wissen

Macht die Schulen zu Museen!

Wie Kunst unsere Kinder klüger macht. Und wie das mit einer Mischung aus klugem Unterricht und einer wertschätzenden Philosophie jetzt schon an einer Kreuzlinger Privatschule gelingt. mehr

Wissen

«Fahrt frei» in Bischofszell

#Lieblingsstücke, Teil 19: Fast könnte man das kleine Denkmal übersehen. Aber wer am Bahnübergang in Bischofszell die Augen offen hält, entdeckt ein altes Bahnsignal: Die Hipp’sche Wendescheibe. mehr