von Inka Grabowsky, 28.04.2020

In der Ferne ganz nah

In der Ferne ganz nah
Auch die Tochter unserer Autorin bekommt digitalen Fernunterricht am Klavier. So wie hier in Kreuzlingen versuchen sich viele Musikschulen in der Corona-Krise zu behelfen. | © Inka Grabowsky

Mit Kreativität, technischem Know-How, Improvisation und viel Engagement trotzen Thurgauer Musikschulen dem Lock-Down. Ein Lagebericht.

„Kein Präsenzunterricht“, „alle Veranstaltungen abgesagt“, „derzeit geschlossen“: Beim Blick auf die Homepages könnte man meinen, die 14 Musikschulen im Thurgau seien in einen Dornröschenschlaf gefallen. Doch der Eindruck täuscht. Der Unterricht läuft weiter – mal synchron per Skype, Zoom oder Moodle, mal asynchron über Smartphone-Videos und mitunter sogar ganz altmodisch über das Telefon.

Schlagzeuglehrer Lukas Rechsteiner beispielsweise hat auf Bordmittel zurückgegriffen, um seine 25 Schüler an unterschiedlichen Schulen weiter unterrichten zu können, obwohl sie nicht zu ihm kommen dürfen. Er schickt jedem Einzelnen Videos von seiner nächsten Aufgabe: „Ich filme mich selbst beim Vorspielen mit der Handy-Kamera und spiegele die Aufnahmen auf den Rechner, der ja auch eine eigene Kamera hat. Für die Schüler ist es noch einfacher: Vater oder Mutter nehmen sie einfach auf und schicken mir das Stück. Dann telefonieren wir, ich bringe Korrekturen an und gebe Hausaufgaben.“

Sein Zeitaufwand sei nicht geringer geworden, weil einige Schüler mehrere Videos pro Woche einreichen - und sie sollen schnell Feedback bekommen, damit sie nicht etwas Falsches einüben. „Es klappt, aber es fehlt mir, nicht direkt eingreifen zu können, wenn etwas schiefläuft. Das Zusammenspiel, das gut ein Drittel des normalen Unterrichts ausmacht, fällt weg. Das ist schade.“

Expertenwissen hilft

Online-Unterricht ist für viele Musikpädagogen ein völlig neues Feld, nicht aber für Kristin Thielemann, die rund zwanzig Schülerinnen und Schülern das Trompete-Spielen beibringt. Sie ist Co-Autorin eines Fachbuchs zu erfolgreichem Online-Unterricht.  „Ich bin kurz vor dem Lock-Down am 13. März von einem Kongress zu Online-Lernen zurückgekehrt und war nicht wirklich überrascht, dass wir nun unseren Unterricht umstellen müssen. Seit den Nachrichten aus China Anfang Februar hatte ich damit gerechnet.“

Um ihren Kollegen mit ihrem Wissen weiterzuhelfen, hat sie gemeinsam mit Max Gaertner einen Blog und einen Podcast auf ihrer Website „Motivation Musikpädagogik“ gestellt. Im Podcast mit bisher zwanzig Folgen geben sie ihren 15'000 Hörern im ganzen deutschsprachigen Raum technische Hilfestellungen zu Plattformen oder passenden Mikrophonen, erklären neue Lehr-Methoden und geben ihre Ideen weiter.

Krise als Chance: Kristin Thielemann sieht das Potenzial im Online-Unterricht. Bild: zVg

 

Manche glauben an den Mehrwert des Online-Unterrichts

Die Jugendmusik Kreuzlingen hat zum Beispiel eine Übe-Challenge ausgerufen. „Meine Thurgauer Schüler haben mir zurückgemeldet, wie viele Minuten sie in der Woche geübt haben. Das haben wir mit ihren Mitschülern verglichen, aber auch mit Klassen in Solothurn und Niederösterreich.“ Wie in einem Computerspiel hat Thielemann Level in ihren Online-Unterricht eingeführt. „Wer die E-Dur-Tonleiter erfolgreich absolviert, steigt ein Level auf und darf sich der H-Dur-Tonleiter stellen.“

In den Ferien gab es eine „Watchparty“. Lehrerin und Kinder schauten gleichzeitig einen Musikfilm und tauschten sich über Chat dazu aus. Musikgeschichtsstunden werden via Zoom abgehalten. Und schliesslich hat die Jugendmusik den ersten digitalen Musikwettbewerb der Schweiz lanciert. Die 250 Schülerinnen und Schülern sollen möglichst alle mitmachen und Videos von sich einreichen. 16 Kategorien von der Dynamic-Queen bis zum Etüdenhelden stehen zur Auswahl. Drei Niveaustufen gibt es. Zu gewinnen sind Einkaufs-Gutscheine für den Kreuzlinger Einzelhandel.

„Da kommt eine Menge Arbeit auf die Jury zu“, sagt die Musikpädagogin lachend. Es verwundert nicht, dass Thielemann begeistert von den neuen Möglichkeiten ist: „Online-Unterricht bietet einen echten Mehrwert. Er motiviert Schüler anders. Und durch den Online-Unterricht bekommen die Eltern viel besser mit, was wir leisten.“

Anders lernen bis zur Wiedereröffnung

Abseits der speziellen Events läuft an den meisten Musikschulen im Thurgau der Einzelunterricht im Home-Schooling-Modus weiter, oft in modifizierter Form. „Online-Unterricht ist anstrengend“, sagt der Leiter der Musikschule Weinfelden, Andreas Schweizer. „Man wird schneller müde, also unterrichtet man besser zweimal 15 Minuten als einmal 30.“

Er hat bei den Kindern zwei Extreme beobachtet. „Die einen sind durch den Online-Unterricht der Volksschule stärker belastet als üblich. Sie haben zu viele Aufgaben bekommen. Andere Kinder haben offenkundig mehr Zeit als früher. Mannschaftssport-Trainings fallen ja alle aus. In den vergangen sechs Wochen haben sie mit ihrem Instrument gewaltige Fortschritte gemacht.“

Auch wenn sich die meisten Musikpädagogen mit der Situation arrangiert haben, so hoffen doch alle auf ein Ende des Lock-Downs. Wann Musikschulen wieder konventionell lehren können, ist aber nicht klar. „Öffentliche Schulen sollen ab 11. Mai den Betrieb wieder aufnehmen, Freizeitbetriebe aber erst am 8. Juni“, so Schweizer. „Wir sind ja irgendwie dazwischen. Ein Teil des Unterrichts könnte – mit Einschränkungen - eigentlich jetzt schon abgehalten werden. Wer Gitarre lernt, kann problemlos zwei Meter von seinem Lehrer entfernt sitzen. Blechbläser halten vielleicht lieber 4 Meter Abstand. Wir werden sicher entsprechende Konzepte erstellen.“ Ensemble-Unterricht werde es wohl noch eine Weile nicht geben.

«Ein Teil des Unterrichts könnte – mit Einschränkungen - eigentlich jetzt schon wieder abgehalten werden.»

Andreas Schweizer, Musikschule Weinfelden (Bild: Sascha Erni)

Eine Schere öffnet sich

So wie nicht jeder Lehrer gleich kompetent bei der Nutzung der neuen Medien ist, sind auch die Musikschulen nicht alle auf der Höhe der Zeit. „Musikschulen sind zum Teil sehr traditionell aufgestellt“, meint Andreas Schweizer. „Wer früher nicht geschaut hat, was in der Welt passiert, der tut sich jetzt schwer.“ Man könne schon lange Gitarre über youtube spielen lernen, käme nur nicht so weit. „Einige Musikschulen scheinen geradezu abgetaucht, andere sind sehr weit vorne. Wir können auf einer recht guten Basis aufbauen, weil wir schon von einiger Zeit Visionen zum digitalen Unterricht entwickelt haben.“

Gerade haben die Weinfelder Unterricht per öffentlichem Livestream aufgeschaltet. Aber schon vor zwei Jahren hatte eine renommierte Violin-Lehrerin aus Berlin Schüler über Skype auf eine Prüfung vorbereitet. Dieser standortunabhängige Unterricht sei auch ausserhalb der Corona-Krise sinnvoll. „Das gibt uns jetzt dafür richtigen Schub.“

Virtuelle Meisterkurse bei der Jugendmusik Kreuzlingen

Kristin Thielemann nutzt diese Möglichkeiten aktuell mit virtuellen Meisterkursen für die Jugendmusik Kreuzlingen. Sie hat drei bekannte Musiker gefragt, ob sie Zeit für Online-Tutorials hätten und sofort Zusagen erhalten. Der Atemtechnik-Spezialist Bo Fuglsang aus Kopenhagen machte den Anfang, nun folgen Helmut Fuchs aus Dresden und Frits Damrow von der Zürcher Hochschule der Künste.

Bis zu 100 Teilnehmer können sich gratis zum Online-Unterricht zuschalten. „Die Rückmeldungen, die ich dazu aus alles Welt bekommen habe, sind begeistert. Auch gestandene Profimusiker wollen teilnehmen. Das ist was ganz Grosses, was die kleinen Kreuzlinger wahrscheinlich noch gar nicht einschätzen können. Aber es ist für alle Beteiligten eigentlich nicht aufwändig.“

An einigen Musikschulen gibt es Existenzängste

Viele Musiklehrer engagieren sich derzeit aus Idealismus, weil sie merken, dass die Kinder die Lektionen brauchen. Es gibt aber auch eine wirtschaftliche Seite. An einigen Schulen gibt es Existenzängste. Warum sollten Eltern die Beiträge weiter zahlen, wenn es keine Gegenleistung gibt? Warum sollten sie zukünftig Geschwisterkinder anmelden?

Gute Erfahrungen mit der Zahlungsbereitschaft hat die Musikschule Weinfelden gemacht. Von den rund 1400 Schülerinnen und Schülern aller Altersgruppen, die Tanz oder Musik belegt haben, hat sich niemand abgemeldet. „Es läuft bei uns immer etwas, und deshalb zahlen auch alle weiter ihr Schulgeld. Wir sichern so auch das Einkommen unserer Lehrpersonen“, so Andreas Schweizer. Bei der Jugendmusik Kreuzlingen gibt es einige, die das Online-Angebot nicht in Anspruch nehmen. „Es sind aber nur zehn oder zwanzig Prozent, die die technischen Möglichkeiten nicht haben oder die ungern online sind“, sagt Schulleiter Kai Kopp.

Ein paar begeisterte Eltern haben explizit gemeldet, dass sie die 95 Franken im Monat gern weiterzahlen. „Bei anderen, die den Online-Unterricht nicht mögen, sind wir sehr kulant. Einige haben ja im Augenblick auch schlicht keine Einnahmen. Mir ist es wichtig, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Schule gut bleibt.“  

Ungebremste Kreativität

In der Krise spielt jeder für sich allein – und doch gibt es Möglichkeiten, etwas zusammen zu schaffen. Die Musikschule Arbon hat mit ihrer „Stay-at-home-Performance“ einen überraschenden Erfolg gehabt, wie die Leiterin Julia Kräuchi sagt. „Wir mussten ja unsere wöchentliche Musizierstunde streichen, bei der die Kinder zeigen, was sie können. Weil sie aber ein Ziel brauchen, auf das sie hinarbeiten können, hatte ich den spontanen Einfall, das Ganze ins Netz zu verlagern.“

Mit zwanzig oder dreissig Videos hatte Julia Kräuchi gerechnet, weit über hundert sind gekommen und beeindruckten das Kollegium mit ihrer technischen Qualität und Kreativität. „Das Bedürfnis sich zu präsentieren ist unter den Jugendlichen eindeutig da“, so Kräuchi. Deshalb plant sie auch schon eine nächste Aktion, die den Online-Unterricht für die 1300 Schülerinnen und Schüler ergänzen soll.

Hilfe für Eltern: Es gibt einen Elternleitfaden „Musikalisch durch die Corona-Krise“ als PDF zum kostenlosen Download.

Die PMS in Kreuzlingen hat ebenfalls Musik online gestellt. Die Schulaufführung des Musicals „Ewigi Liebi“ wurde abgesagt, die Schülerinnen und Schüler sangen und musizierten aber trotzdem:

 

 

 

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