von Jochen Kelter, 22.05.2020

Geschichte als Lebenswelt

Geschichte als Lebenswelt
Statistik trifft spannende Lebensgeschichten: Stefan Keller zeichnet in seinem neuen Buch Spuren der Arbeit im Kanton Thurgau | © Rotpunktverlag

Von Hölderlin in Hauptwil bis zur Serverfarm in Diessenhofen: Der Thurgauer Historiker Stefan Keller hat eine Geschichte der Arbeit geschrieben.

Der Basler Historiker Heiko Haumann hat den Begriff der «Lebenswelt» in der Geschichtswissenschaft geprägt, einer Geschichtsbetrachtung also nicht vornehmlich in vertikalen Abläufen, Daten und den Taten grosser Männer (und weniger Frauen), sondern aus dem Blickwinkel der von der Geschichte betroffenen Menschen.

Den Autor des soeben erschienenen Buchs «Spuren der Arbeit», Stefan Keller, hat er nachträglich für sein bekanntestes Buch «Grüningers Fall» nachträglich promoviert. Das Buch handelte vom St. Gallischen Polizeichef Grüninger, der unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wurde, weil er Juden zur Flucht in die Schweiz verholfen hatte,.

Kellers neues Buch über die Geschichte der Arbeit im Thurgau und in der Ostschweiz beginnt denn auch mit der Person des Dichters Friedrich Hölderlin, der im Jahr 1801 eine Stelle als Hauslehrer bei der wohlhabenden Familie von Gonzenbach in Hauptwil antritt, dort allerdings nur drei Monate bleiben wird.

Die Dynastie der Gonzenbachs in Hauptwil

Die Gonzenbachs sind vorindustrielle Fabrikanten. Ihnen gehört das gesamte Dorf und natürlich die Manufaktur, in der seit einiger Zeit statt einheimischer Leinwand das Weben, Färben und Bedrucken überseeischer Baumwolle betrieben wird. Später wird man zur Stickerei übergehen und von der Manufaktur zu frühindustriellen Fabriken.

So wird die von Vorarlberg, über St. Gallen, das Appenzell und den Thurgau reichende Ostschweizer Textil- und Stickereiindustrie entstehen, die auch auf sehr viel Heimarbeit beruht und in den ersten zwanzig Jahren des 20. Jahrhunderts fast völlig zum Erliegen kommt. Die überdimensionierte Gebäude des St. Galler Bahnhofs und Postgebäudes zeugen bis heute von nicht eingetretenen Erwartungen.

Der Autor: Der Thurgauer Historiker und Journalist Stefan Keller. Bild: Rotpunktverlag

Die Mär vom Bauernkanton als reaktionäre Wahrheitsverfälschung

Auch die Landschaft verändert sich. Der Getreideanbau verschwindet, die Bauern wandern in die Fabriken ab. Stattdessen halten Viehwirtschaft, Käseproduktion, die bis dahin auf die Alpenregionen beschränkt war, und Obstanbau Einzug. Die lieblichen Thurgauer Landschaften entstehen und werden schon im 19. Jahrhundert als solche wahrgenommen. Der Maschinen- und Automobilbau treten nach und nach an die Stelle der Textilindustrie, etwa bei der Firma Saurer im«roten Arbon», das innerhalb von nur 20 Jahren, von 1890 bis 1910 um das Vierfache auf über 10'000 Einwohner wächst.

Und auch Ausländer und Gastarbeiter sind keine neue Erscheinung: Im Jahr 1910 waren 14,7 Prozent der Schweizer Bevölkerung Ausländer, im Thurgau 19 Prozent, in Arbon 46 Prozent. Der Thurgau gehörte zu den bevölkerungsreichsten und besonders industrialisierten Kantonen. Die Mär vom Land- und Bauernkanton, wie sie etwa der «braune» Bauerndichter Alfred Huggenberger in der Nazi-Zeit beschwor, war schon damals eine reaktionäre Wahrheitsverfälschung. Schon weit früher ging lediglich einer von acht Einwohnern des Kantons  dem Bauernberuf nach.

Keller untersucht auch die Rolle der Gewerkschaften

Kellers Buch handelt von der überall in Europa in der Folge eines Kraterausbruchs in Südostasien wütenden Hungersnot der Jahre 1816/17. Es geht um bittere Armut, Kinderarbeit, Dienstboten für die bessere Gesellschaft, die als Folge der Industrialisierung immer rarer werden, Hausierern, Wanderarbeitern, deutschen Flüchtlingen der 1848er Revolution, die im Thurgau bedeutende Betriebe gründeten (so etwa die «Bernina» in Steckborn, die noch heute existiert), sowie die Schweiz als erstem liberalen Staat in Europa, der Ausländer gleich behandelt wie eigene Staatsangehörige.

Natürlich spielen auch die Gewerkschaften eine Rolle. Die älteste in der Schweiz ist übrigens die der Typografen. Sie tat sich nicht nur mit den Patrons, sondern immer wieder auch mit den ausländischen Arbeitskräften schwer. Etwa beim Streik italienischer Frauen im Jahr 1907 in Arbon, ein Ausbruch von Fremdenfeindlichkeit, die nicht nur Ausländer, sondern auch Schweizer aus anderen Regionen traf. Natürlich hat der Autor in Archiven recherchiert und wartet mit zahlreichen Statistiken und historischen Daten auf – schliesslich geht sein Buch auf einen Auftrag des Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kantons Thurgau zurück, das in diesem Jahr sein hundertjähriges Jubiläum feiert.

Statistische Zahlen und spannende Lebensgeschichten

Aber daneben finden sich immer wieder die (ebenfalls gut recherchierten) Lebensgeschichten oder Lebensabschnittsgeschichten von Arbeitern, Frauen, Fabrikherren und anderen – etwa jene der beiden italienischen Hausierer Giovanni Guglielmi und Michele Perini aus Amriswil, die vor Bundesgericht ihre Gleichbehandlung erreichen und damit ihr Hausiererpatent behalten.

Der Band endet in der neuen digitalen Arbeitswelt der Serverfarm der Firma SWIFT in Diessenhofen, wo um die zwanzig Fachkräfte die Daten von etwa 11'000 Banken weltweit verarbeiten.

 

Das Buch

Stefan Keller: Spuren der Arbeit – von der Manufaktur zur Serverfarm

Reportage, mit zahlreichen Abbildungen

Rotpunktverlag, Zürich 2020

232 S., gebunden, Fr. 38. - Euro 35. -

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