von Barbara Camenzind, 14.09.2020

Gegen die Sprachlosigkeit

Gegen die Sprachlosigkeit
Präzises Zusammenspiel zwischen Sprecher und Musikern: Das Glauser Quintett fasziniert immer wieder mit neuen Arrangements. (Auch im Quartett.) | © Barbara Camenzind

Das Glauser Quintett feierte im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden Premiere. Mit der Verschränkung zweier Geschichten von Peter Stamm blieb sich das Ensemble in der musikalisch-literarischen Auseinandersetzung treu. thurgaukultur.ch hörte gut zu - und wunderte sich zuweilen.

Mindestens für den Autor des Abends war es ein Heimspiel in Weinfelden. So wie auch für seine Alltagsapokalypsen. Peter Stamm ist ein Meister der nach innen gerichteten Dramen. Kongenial verschränkte Dramaturg Paul Steinmann die Geschichte von  Ruth („In fremden Gärten“), die langsam psychisch erkrankt, mit dem Architekten Wechsler („Im Alter“), der nach langen Jahren in sein Heimatdorf zurückkehrt. So weit, so geschickt.

Die Musik von Daniel R. Schneider, dem Komponisten, der auf einer Ziegenalp Stamms Texte las, begann unverbindlich, mit liebevollen harmonischen Pattern und wirkte im ersten Moment ziemlich kleinteilig. Ja, natürlich sind die Geschichten Stamms von einer anderen Wirkmächtigkeit, als die Vertonung der Gotthard-Geschichte von Zora der Buono. Aber 1:1-Textillustrationen, so wie es in den ersten zwanzig Minuten des Konzertes zu hören waren, sind eigentlich sonst nicht so der Stil des Glauser-Quintetts.

Der zweite Sprecher auf der Bühne: Martin Schumacher mit seiner Klarinette. Bild: Barbara Camenzind

Man hört die Absicht und ist verstimmt.

Vielleicht hatte es auch mit dem Duktus des Sprechers Markus Keller zu tun, der in den ersten Passagen viel zu subjektiv, zu wenig erzählerisch agierte.  Es sind Alltagsgeschichten, die des Architekten in der Beiz, der seinen alten Anwalt trifft und Ruth, beziehungsweise ihre Nachbarin, die Einblicke in ein fremdes Leben erhält. Da wird ein Räuspern musikalisch zum Räuspern, das Vogelgezwitscher tönt, wenn eines erzählt wird, es klingt zauberhaft, wenn von Innenwelten erzählt wird: Man hört die Absicht und man ist verstimmt.

Die glückliche Wendung war die glückliche Wendung auf die Meta-Ebene. Mit den zunehmenden  Katastrophen in den Texten wurde Kellers Stimme objektiver, Sibylle Bremis Cello spielte frecher und Martin Schumacher lotete an den Klarinetten alle Abgründe aus. Jetzt hatte die Musik gegenüber der Geschichte ihren eigenen Platz.

Ein Stück Identität in all den Widersprüchen

Und das Dazwischen gehörte dem Publikum, das mitleiden und mitfiebern konnte. Komponist Daniel R. Schneider hat Stamms Erzählungen zum Schluss eine Stimme gegeben, die mithalten kann mit der literarischen Kraft. Einfach darum, weil die Töne gegenüber der Sprache mehr eigene Aussage wurden, denn Plattform. So passten auch die feinen Regieanweisungen Erich Hufschmids wunderbar dazu.

Das ist ein Thurgauer Abend. Gerade darum, weil er mit dem Grossen im Kleinen ringt. Weil er der Ostschweizer Sprachlosigkeit etwas entgegen hält. Und Fehler macht. Vielleicht schenkt uns das Glauser Quintett mit Peter Stamms Texten, Schneiders Musik und all diesen Widersprüchen ein Stück Identität. Uns, den Verlorenen am Bodensee.

Weitere Aufführungen: Ab Donnerstag, 12. November, im sogar theater, Zürich

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