Über Leben

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Auf den Spuren von Linkin Park: Wie Rami Msallam die Ostschweizer Bühnen erobern will | © zVg

Rami Msallam ist vor sechs Jahren aus der Hölle von Aleppo in den Thurgau geflüchtet. Jetzt träumt er von einer Karriere als Musiker. Eine Geschichte über die Kraft der Musik. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Wenn man Musikerinnen und Musiker fragt, wer sie inspiriert hat auf ihrem Weg, dann hört man oft: Die Beatles! Pink Floyd! Bob Dylan! Inzwischen vielleicht auch: Billie Eilish! Rami Msallam muss man mit all diesen Namen nicht kommen. Nein, nein, sagt er dann und winkt ab. Bei ihm war es Linkin Park. Ausgerechnet Linkin Park! Diese amerikanische Numetal-Band mit Hang zu eingängigen Melodien und radiotauglichen Songs.

Um das zu verstehen, muss man ein Stück zurückreisen in die Vergangenheit: Rami stammt aus Syrien. Er war gerade neun Jahre alt, als ihm ein Freund den Song „Numb“ von Linkin Park vorspielte. Darin heisst es unter anderem: „Ich bin es leid, so zu sein, wie du mich haben willst, fühle mich so orientierungslos, verloren unter der Oberfläche, weiss nicht, was du von mir erwartest, immer dieser Druck, Dir nicht zu genügen“.

Das Erweckungserlebnis: "Numb" von Linkin Park

Am Anfang stand ein einziger Song

Zeilen mit denen sich wahrscheinlich jeder Heranwachsende weltweit identifizieren kann. Und dennoch: Für Rami Msallam war es ein besonderer Song: „Es klang so fremd, aber es hat mir sehr gefallen. Ich habe den Song rauf und runter gehört. Ich spürte in mir, dass ich Teil dieser Musik werden wollte.“ Er kaufte sich eine E-Gitarre und begann zu üben.

Aber dann kam die Hölle über seine Heimat.

Wenn man nun sagt, dass Rami Msallam die Hölle gesehen hat, dann ist das keine journalismus-typische Übertreibung, sondern: die Wahrheit. Er ist aufgewachsen in Aleppo. Kaum eine andere Stadt wurde so vom Bürgerkrieg verwüstet, das Leid dort war und ist unermesslich. Der junge Rami hat all das erlebt und ertragen – bis es nicht mehr ging.

Seine Gitarre musste er zurücklassen im Krieg

„Irgendwann war klar, dass wir uns eine neue Heimat suchen müssen, wir mussten raus als Aleppo“, erinnert sich der heute 22-Jährige. Die Gitarre liess er zurück, die Familie konnte nur das Nötigste mitnehmen. Auch wenn es ihm das Herz brach – die Gitarre musste im Krieg bleiben.

Rami floh gemeinsam mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder. Zunächst in den Irak, mit langen Zwischenmonaten in einem Flüchtlingslager im Norden des Landes. 2015 erreichte die Familie schliesslich die Schweiz.

Video: Rami Msallam live

Verloren in der neuen Heimat

Dankbar zwar, doch auch verloren in diesem neuen Land, dessen Sprache er nicht kennt und in dem ihm alles so fremd vorkommt. Wochenlang verlässt er damals seine Unterkunft nicht – wohin sollte er auch gehen? So traumatisiert, erschöpft und orientierungslos er damals war. „Am Anfang war das alles sehr schwierig. Ich durfte erst nicht in die Schule gehen, musste mir meinen Platz dort selbst erkämpfen“, sagt Rami Msallam.

Es ist ihm gelungen. Vor zwei Jahren hat er seine Matura mit Bestnote abgelegt, jetzt studiert er an der ETH Zürich Architektur. Die Musik hat ihn in all den Jahren nie losgelassen: „Sie hat mir vor allem dabei geholfen, Ordnung in das Chaos in meinem Kopf zu bringen“, sagt Rami Msallam. Er war gerade ein paar Monate in der Schweiz, da schenkte ihm eine Lehrerin der Autonomen Schule Frauenfeld, die er damals besuchte, eine akustische Gitarre. Ein Glücksfall für ihn: „Ich habe erstmal nur Musik für mich gemacht, Songs geschrieben um die Vergangenheit aufzuarbeiten und Ordnung in die Geschichte zu bringen“, erinnert sich Msallam.

Video: Rami Msallam covert Linkin Park

 

Die Maturaarbeit wird zur Befreiung von der Vergangenheit

Später beginnt er auch in einer Band zu spielen: den Troublemakers aus Weinfelden. Hier schätzt er vor allem den sozialen Aspekt von Musik – dass man gemeinsam etwas erschafft und sich austauscht. Seine Maturaarbeit wird endgültig zu so etwas wie eine Befreiung von der Last der Vergangenheit: Rami Msallam schreibt und produziert sein erstes eigenes Album.

Es heisst „Exodus“ und ist immer noch auf Spotify zu hören. Er singt darin über Schmerzen, die wieder vergehen, Narben, die wieder verheilen, aber auch darüber, dass man aufstehen muss, protestieren muss, wenn etwas falsch läuft im System. Der Einfluss von Linkin Park ist hörbar, es gibt aber auch Elemente arabischer Musik. „Das Album war wichtig, es ist eine Art Dokumentation meiner Vergangenheit. So konnte ich damit abschliessen und mir eine neue Welt eröffnen“, sagt der Musiker.

Reinhören: Rami Msallam bei Spotify

Jetzt komponiert er auch für Hörspiele

Diese neue Welt, dazu gehört auch, dass er jetzt Musik komponiert für Hörspiele. Aber nicht nur das: Er hat auch neue Songs geschrieben. Seine Musik sei jetzt kraftvoller, nicht mehr so durchsetzt von Traurigkeit, sondern politischer und auch kritischer, findet Msallam. „Es geht jetzt nicht mehr nur um mich, ich will über andere Themen singen“, sagt der 22-Jährige. In der musikalischen Ausrichtung bleibt er sich aber treu, Linkin Park schweben immer noch als Paten über seinem Werk, aber auch von Rage Against the Machine lässt er sich inzwischen inspirieren.

Stehen bleiben will er in seiner künstlerischen Entwicklung ohnehin nicht, seine Musik sei immer im Fluss, sagt er. Vielleicht auch deshalb nimmt er an der aktuellen Künstlerbegegnung der Internationalen Bodenseekonferenz teil. Unter der Leitung der Pianistin Simone Keller und des Künstlers San Keller kommen hier MusikerInnen mit Fluchterfahrungen zusammen und arbeiten gemeinsam an ihrer Musik. „Das ist ein sehr bereicherndes Projekt, ich lerne viel“, sagt Rami Msallam.

Die Zukunft? „Eine Band gründen und Konzerte spielen!“

Sein nächstes Ziel: eine eigene Band gründen. Und dann seine neuen Songs live spielen: „Ich will unbedingt auf die Bühne, ich habe so viel Energie und möchte möglichst viele Konzerte spielen.“

 

Künstlerbegegnung der Internationale Bodensee Konferenz

Die Künstlerbegegnung: Die Länder und Kantone der IBK wechseln sich in der Organisation der biennal ausgerichteten Künstlerbegegnungen ab. Ziel der Künstlerbegegnungen ist es, zwischen den Kulturschaffenden rund um den Bodensee einen künstlerischen Dialog über die Grenzen und neue Verbindungen zu initiieren. Im Austausch und im Zusammenspiel soll Neues entdeckt werden und die Öffentlichkeit erhält Gelegenheit, die kulturelle Vielfalt und die Gemeinsamkeiten der Bodenseeregion unmittelbar zu erleben.


Die Internationale Bodenseekonferenz: Die IBK ist ein kooperativer Zusammenschluss der an den Bodensee angrenzenden und mit ihm verbundenen Länder und Kantone Baden-Württemberg, Schaffhausen, Zürich, Thurgau, St.Gallen, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Fürstentum Liechtenstein, Vorarlberg und Bayern. Die IBK hat sich zum Ziel gesetzt, die Bodenseeregion als attraktiven Lebens-, Natur-, Kultur- und Wirtschaftsraum zu erhalten und zu fördern und die regionale Zusammengehörigkeit zu stärken.

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