von Brigitte Elsner-Heller, 17.08.2021

„Moby Dick“ : Weltliteratur auf kleiner Bühne

„Moby Dick“ : Weltliteratur auf kleiner Bühne
„Nennt mich Ismael“. Suramira Vos stellt sich als Ich-Erzähler dem Publikum vor. | © Brigitte Elsner-Heller

„Moby Dick“ nach Herman Melville hat am kommenden Freitag Premiere in Frauenfeld. Die Theaterwerkstatt Gleis 5 geht mit viel Elan den Untergang Kapitän Ahabs an.

„Nennt mich Ismael.“ So eindrücklich erste Sätze der Weltliteratur auch sein mögen, diesem hier gebührt besondere Ehre. Kein Wunder, dass er auch auf der Bühne gut präsentiert sein will. Und so laufen die Endproben zu „Moby Dick“ nach Herman Melville auch darauf hinaus, das Intro optimal auf ihn zuarbeiten zu lassen. Im Innenhof des Natur- und Archäologiemuseums in Frauenfeld einigt man sich darauf, schneller auf diesen Satz zuzusteuern. Sagen wird ihn dann Suramira Vos, die den Ich-Erzähler Ismael bei der Produktion der Theaterwerkstatt Gleis 5 spielt. Ihr Blick konzentriert sich dabei auf die Videokamera, wobei sich die Live-Videobilder natürlich an das Publikum richten, das am kommenden Freitag, 20. August, die Geschichte des Kampfes von Kapitän Ahab gegen den weissen Wal Moby Dick mitverfolgen wird.

 

Ismael (Suramira Vos) heuert auf der Pequod an. Die Heuerleute (Florian Steiner und Giuseppe Spina) haben wieder einmal einen guten Fang gemacht. | Bild: Brigitte Elsner-Heller

 

Weltliteratur vor historischem Hintergrund

1851 erschien der Roman des amerikanischen Schriftstellers in London und New York, wobei Melville nicht nur gut recherchiert, sondern auch selbst auf Walfängern angeheuert hatte. Die Geschichte von Ismael, der das Leben spüren will und solcherart die Härte erfährt, die der jeweilige Überlebenswille von Mensch und Tier mit sich bringt, ist ein Stück weit auch seine eigene. Ahabs Hass auf das Tier, das ihn ein Bein gekostet hat – eine Parabel über das gefährlichste Tier auf Erden, den Menschen.

 

Mit eingeflochten wurden auch Shantys, eigene Arrangements sowie a capella-Stücke. | Bild: Brigitte Elsner-Heller

Neue Erzählformen für die Bühne

Wobei „Geschichte“ ein lückenhafter Begriff ist, wenn man Giuseppe Spinas Ausführungen folgt, der Ahab – und nicht nur ihn – auf der Bühne verkörpert. Spina hatte in der Vergangenheit bereits mehrere Theaterfassungen des Romans für Laientheater geschrieben, da er früh vom Buch begeistert war. Für professionelle Darsteller galt es nun, den Stoff wiederum anders anzugehen – wobei Markus Keller, der Regie führt, sozusagen mit im Boot war. Um nicht auf der Stufe eines Abenteuerromans stecken zu bleiben, suchten sie nach neuen Erzählformen.

 

Regisseur Markus Keller, der auch einen grossen Anteil an der Textfassung hat, konzentriert bei den Endproben. | Bild: Brigitte Elsner-Heller

 

Die Chronologie der Romanvorlage wurde soweit aufgebrochen, dass die Vielschichtigkeit und Tiefe der Vorlage trotz manch sperriger Textpassagen erhalten werden konnte. „Melville stand unter Zeitdruck, das Buch war bei seinem Erscheinen nicht fertig redigiert und enthält auch dialogisch gebaute Theaterszenen mit Regieanweisungen“, sagt Giuseppe Spina. „Wir haben die Chronologie aufgebrochen, damit wir nicht durch die Ereignisse gelenkt werden.“

 

Was wohl im Wirtshaus „Zum Walfisch“ im Verborgenen vorgeht? Der Wirt (Giuseppe Spina) macht sich so seine Gedanken. Zumindest virtuell dabei verbandelt: Ismael (Suramira Vos) und Queequeck (Florian Steiner). | Bild: Brigitte Elsner-Heller

 

Weitere Aspekte sind nun „reingeschnitten“, die bei Melville eher angedeutet sind. So zum Beispiel eine potenzielle Liebesgeschichte zwischen Ismael und dem „Wilden“ Queequeck, der als Harpunier sein Gefährte an Bord der Pequod wird. Von der Hand zu weisen ist das an Bord eines Schiffes, das monatelang auf See ist, wohl nicht. Mit eingeflochten wurden auch Shantys, die zum Teil schon bei Melville erwähnt werden und als Teil der Kultur des Walfangs zu gelten haben. Die Arrangements für Gitarre, Akkordeon und Trompete sowie a capella-Gesang wurden dagegen für die Produktion eigens entwickelt. Auch ein Choral für die Kapelle der Walfänger wurde komponiert.

 

 

Die Bühne: „nur“ eine Kiste

Florian Steiner ist nicht nur in der Rolle Queequecks zu sehen, sondern ist auch der Steuermann Starbuck, Ahabs Gegenspieler im Roman und auf der vergleichsweise kleinen Bühne, die Giuseppe Spina selbst aus Altholz gebaut hat. Die überdimensionierte Kiste gibt die Planken der Pequod ab, in ihrem „Keller“ ist das Wirtshaus „Zum Walfisch“, in dem Ismael die Bekanntschaft des „Wilden“ macht, der zumindest in Melvilles Vorlage auch noch mit Schrumpfköpfen handelt. Auf kleinstem Raum gibt es so zahlreiche Möglichkeiten für Abgänge und Auftritte. „Wir kommen aus jedem Loch raus“, freut sich Spina. Ins rechte Licht rückt das alles Marco Oliani, und Joachim Steiner hat dazu die passend zurückhaltenden Kostüme beigesteuert. Noch laufen die Endproben, doch die Aussichten auf eine gelungene Premiere wirken vielversprechend.

 

Noch einmal Nachdenken über den besten Abgang bei den Endproben: Florian Steiner und Giuseppe Spina. | Bild: Brigitte Elsner-Heller

 

Dann schauen wir mal

Herman Melville, dessen „Moby Dick“ zur Weltliteratur zählt, hat den Ruhm seines grössten Werkes nicht mehr erlebt. Nicht nur das ist ein Grund, sich Moby Dick immer mal wieder zuzuwenden. Am Premierentag und den darauf folgenden Aufführungen sind im Innenhof des Naturkundemuseums 62 Sitzplätze dafür vorhanden. Gespielt wird ca. 85 Minuten ohne Pause. Wie das Ende von Kapitän Ahab aussehen wird – wir wissen es noch nicht. Vermutlich werden wir über seinen Untergang jedoch keine Tränen vergiessen.

 

Regisseur Markus Keller (links) hat wohl kaum Grund, sich die Haare zu raufen. | Bild: Brigitte Elsner-Heller

 

„Moby Dick“

Das Open-Air-Theater der Theaterwerkstatt Gleis 5 im Innenhof des Natur- und Archäologiemuseums Thurgau hat am Freitag, 20. August Premiere. Weitere Aufführungen finden statt bis zum 29. August.

Der Einlass ist ausschliesslich mit COVID-Zertifikat möglich.

 

Weitere Informationen unter: www.theaterwerkstatt.ch

 

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