von Jeremias Heppeler, 19.08.2021

Der Wald

Der Wald
Wald | © Jeremias Heppeler

Der Mensch entstammt der unberührten Natur. Heute dient uns der Wald als Rückzugsort. Waldbaden hilft gegen Stress, Depressionen und chronische Krankheiten. Unser Autor emfpiehlt: Rausgehen und Durchatmen!

Ja, ich gebe es ja zu: Ich habe es selbst nicht geglaubt. Frische Luft. Vitamin D. Rausgehen als Allheilmittel. Ich empfand das als esoterisch. Als eine lästige Hippie-Fantasie, als Placebo. Aber dann sass ich da, Ende des vergangenen Jahres bei meinem Hausarzt, physisch, aber auch psychisch ausgebrannt, ein Haufen Elend.

Und dann fing der wieder damit an. Vom Waldbaden. Von der Chance einer natürlichen Gesundung von Körper und Geist durch die Natur. Und während ich schon zum Augenverdrehen ansetzte, merkte ich, wie es irgendwo in mir klickte. Seither bin ich jeden Tag im Wald gewesen. Bei Schnee und bei Regen. Ich bin auf Eisflächen ausgerutscht, wurde von Gewittern überrascht und von der Sonne verbrannt. Ich habe Schlangen, Falken, Wiesel, Marder, Dachse, Uhus, Füchse und Rehe gesehen. Es ist wie eine Sucht…

„Im Wald schien und scheint die Welt noch in Ordnung, hier wirkt alles wie an seinem Platz. Farben. Töne. Gerüche. Alle Sinne. Im Einklang.“

Jeremias Heppeler

Der Wald als Rückzugsort

Das Wandern und Spazieren gehen hat während der Pandemie einen ungeheuren Boom erlebt. Tatsächlich waren Spaziergänge über viele Wochen eine der wenigen abgesicherten sozialen Rückzugsräume. Grüne Schutzschilde vor dem medialen Dauerfeuer der Hiobsbotschaften und der sich irgendwann in den eigenen Schwanz beissenden Diskussionen rund um Inzidenzwerte und Ausgangssperren.

Im Wald schien und scheint die Welt noch in Ordnung, hier wirkt alles wie an seinem Platz. Farben. Töne. Gerüche. Alle Sinne. Im Einklang. Diese Annahme entpuppt sich mit einem ernüchternden Blick auf das grosse Ganze natürlich schnell als massiver Trugschluss – aber wir reden an dieser Stelle ja ohnehin vor allem vom Fühlen. Und Empfinden.

 

Im Wald schien und scheint die Welt noch in Ordnung, hier wirkt alles wie an seinem Platz. | Bild: Jeremias Heppeler

 

Der Mensch entstammt der unberührten Natur

Vor diesem Hintergrund lassen sich die Vorteile des Rückzugs durchaus wissenschaftlich absichern. Denn wie alle Lebewesen entstammt auch der Mensch der unberührten Natur, die er selbst dann aber im Schnelldurchlauf nicht nur berührte, sondern massivst umformte. Auf den Kopf stellte. Einbetonierte. Digitalisierte.

Speziell in den vergangenen 200 Jahren hat sich der Mensch eine Welt geschaffen, die seinen natürlichen Lebensraum zusehends an den Rand verschob. Betonwüsten, Grau in Grau, Hochhäuser, Schnellstrassen, begradigte Flüsse, gezähmte Wälder. Dazu das Licht: Grell und Neonfarben strahlt es uns von allüberall, von Displays und Bildschirmen entgegen. Ein künstlich generierter Dauerbeschuss, für den weder unser Körper, noch unser Gehirn gemacht ist.

 

Der Mensch hat sich eine Welt geschaffen, die seinen natürlichen Lebensraum zusehends an den Rand verschob. | Bild: Jeremias Heppeler

 

Der moderne Mensch lebt, überspitzt gesagt, in einer Simulation, die er selbst kreierte und an die er sich erst noch gewöhnen muss. Ein solch evolutionärer Gewöhnungsvorgang dauert aber Jahrtausende. Viel wohler aber fühlt sich mindestens unser gegenwärtiger Körper im Draussen. Kein Wunder: Wir können die Generationen an einer oder höchstens zwei Händen abzielen, die zwischen uns und einer fast vollkommen untechnologisierten Welt liegen. Wir haben uns selbst überholt. Zigfach. Das Tempo ist nicht mehr mitzugehen – auch wenn der Kapitalismus immer neue Höchstleistungen als besonders erfolgreich und fortschrittlich kennzeichnet.

„Speziell in den vergangenen 200 Jahren hat sich der Mensch eine Welt geschaffen, die seinen natürlichen Lebensraum zusehends an den Rand verschob. Betonwüsten, Grau in Grau, Hochhäuser, Schnellstrassen, begradigte Flüsse, gezähmte Wälder.“

Jeremias Heppeler

Waldbaden gegen Stress

Innerhalb dieses geradezu dystopisch erscheinenden Gedankennetzes erscheint es fast schon folgerichtig, dass sich der Rückzug ins Grüne als beruhigend auf unsere überforderten Wesen auswirkt. Jedoch gilt die Effektivität des Waldbadens (der Begriff ist dem Japanischen entlehnt: “Shinrin Yoku” ist dort tief in der Gesellschaft verwurzelt und ein wichtiges Forschungsfeld) mittlerweile auch als medizinisch bewiesen.

Eine nachhaltige wissenschaftliche Erklärung kann und will dieser Text nicht geben (dafür sei ihnen etwa die Lektüre des Buches "Im Wald sein" von Dr. Melanie H. Adamek empfohlen), aber ein wenig Oberfläche wollen wir schon abkratzen.

Waldbaden gilt gemeinhin als eine Präventionsmassnahme, die vor allem den Zivilisationsstress (zuvorderst durch Abwesenheit von ebendiesem) abbaut – und damit das Risiko von Zivilisationskrankheiten konsequent verringert.

Insbesondere unser Immunsystem wird durch den Wald gestärkt. Das hat mehrere Gründe. Zunächst einmal die Bewegung: Wer in den Wald will, der muss das zwangsläufig zu Fuss tun. Daran anknüpfend: Der Wald, ein durch und durch reduzierter Raum, wirkt entspannungsfördernd. Im Vergleich zur Stadtluft enthält die Waldluft etwa 90% weniger Staubteilchen.

„Waldbaden gilt gemeinhin als eine Präventionsmassnahme, die vor allem den Zivilisationsstress abbaut – und damit das Risiko von Zivilisationskrankheiten konsequent verringert. Insbesondere unser Immunsystem wird durch den Wald gestärkt.“

Jeremias Heppeler

Die Waldluft ist mie einer Vielzahl von bioaktiven Pflanzenstoffen angereichert. | Bild: Jeremias Heppeler

 

Und: Die Forschung spricht von einer Vielzahl von bioaktiven Pflanzenstoffen, mit denen die Waldluft angereichert ist und die Bäume tatsächlich zum Austausch von Botschaften nutzen. Unter Einfluss dieser Phytonzide (oder Terpene), die jedes Lebewesen automatisch im Wald einatmet, arbeiten unsere NK-Zellen (Natürliche Killerzellen) unter Hochdruck. Die Natürlichen Killerzellen bilden so etwas wie unsere erste Verteidigungsfront.

In einem Artikel des NDR brachte es der österreichische Biologe Clemens Arvay auf den Punkt: "Der Wald hilft uns gegen Depressionen, gegen psychische Stressbelastungen und Burnout. Aber er stärkt auch unser Immunsystem, kann uns vor ernsthaften chronischen Krankheiten schützen und sogar vor Herzinfarkt." Doch diese hocheffektiven Hausapotheken sind in reeler Gefahr.

Das geheime Leben der Bäume: Trailer

 

Abholzung und Monokulturen

Im Angesicht der fortschreitenden Klimakatastrophe nimmt es nicht Wunder, dass auch die Wälder extrem leiden. Auf allen Kontinenten hat die Wahrscheinlichkeit für starke Waldbrände zugenommen. Teile des Amazonas geben mehr CO2 ab, als sie aufnehmen. Wenn wir die (Ur-)Wälder immer noch als die Lunge unseres Planeten bezeichnen wollen, dann müssen wir uns eingestehen, dass die Erde mehr als nur Asthma hat. Das ist eine fortgeschrittene Lungenkrankheit mit damit verbundener Atemnot.

Hier verwundert es nicht, dass es allen voran der rechtsradikale brasilianische Präsident Bolsonaro ist, der die südamerikanischen Waldgebiete weiterhin erbarmungslos schändet. Jener Bolsonaro also, der auch sein eigenes Volk mit bitterster Ignoranz durch die Corona-Hölle jagte.

„Wenn wir die (Ur-)Wälder immer noch als die Lunge unseres Planeten bezeichnen wollen, dann müssen wir uns eingestehen, dass die Erde mehr als nur Asthma hat. Das ist eine fortgeschrittene Lungenkrankheit mit damit verbundener Atemnot.“

Jeremias Heppeler 

Doch auch in Mitteleuropa gehen wir viel zu rücksichtslos mit unseren Wäldern um: Monokulturen, die vor allem auf einen schnellen Ertrag ausgelegt sind, können nicht mit den über Jahrtausende gewachsenen, hochkomplexen Ökosystemen, wie unseren Urwäldern mithalten. Das ist nicht dieselbe Liga, nicht einmal dieselbe Sportart. Wer Natur kapitalistisch denkt und nutzt, der wird immer scheitern.

 

Wer Natur kapitalistisch denkt und nutzt, der wird immer scheitern. | Bild: Jeremias Heppeler

Mensch und Tiere brauchen die Natur

Mit unseren Wäldern sterben auch unsere Arten. Tag für Tag. Die Biomasse der Insekten hat sich nachweislich radikal verringert, die Forschung geht davon aus, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis es keine Amphibien mehr auf der Erde gibt. Unser Egoismus muss jetzt enden.

Wir brauchen die Natur. Wir brauchen die Wälder. Sie sind der ultimative, der letzte unberührte Lebensraum. Nicht nur für Tiere, sondern eben auch für uns. Sie gilt es zu schützen – mit allem Nachdruck. Dass 2021 immer noch komplett Wälder für den rückständigen Braunkohleabbau abgeholzt werden, spottet eigentlich jeder Beschreibung.

Gehen Sie raus an die frische Luft!

Wir Menschen müssen unsere Beziehung zur Natur grundlegend überdenken und überarbeiten. Im Kleinen wie im Grossen. Und deshalb folgt zum Ende dieses Textes genau jener Appell, vor dem Sie sich vermutlich seit dem Einstieg in diesen Text gefürchtet haben: Gehen Sie raus! Wann immer es nur geht. Führen sie Ihre Kinder in die Natur. Bauen Sie Baumhäuser, beobachten Sie Tiere, sammeln Sie Pflanzen, verfolgen Sie Spuren, verbrennen Sie sich an Brennnesseln, schlagen Sie sich die Knie auf, bleiben Sie im Schlamm stecken. Hören Sie hin. Und hören Sie zu. Und vor allem: Atmen Sie tief ein. Und Atmen Sie tief durch. Es wird Ihr Leben verändern.

„Gehen Sie raus! Wann immer es nur geht. Führen sie Ihre Kinder in die Natur. Bauen Sie Baumhäuser, beobachten Sie Tiere, sammeln Sie Pflanzen, verfolgen Sie Spuren, verbrennen Sie sich an Brennnesseln, schlagen Sie sich die Knie auf, bleiben Sie im Schlamm stecken.“

Jeremias Heppeler

Gehen Sie raus und atmen Sie tief durch! | Bild: Jeremias Heppeler
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