von Barbara Camenzind, 25.10.2021

Geniale Ruhestörung

Geniale Ruhestörung
Mit Stoppuhr auf ins Tastengewitter: Das Kukuruz Quartett im Thurgauer Staatsarchiv | © Barbara Camenzind

Das Kukuruz-Quartett um die Thurgauer Pianistin Simone Keller gastierte mit Musik von Julius Eastman im Thurgauer Staatsarchiv. Was für eine berauschende Begegnung! (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Julius Eastman war ein musikalisches Multitalent. 1940 geboren, war er ein begabter Pianist, Sänger und Komponist. Mitglied des Buffalo‘s Center for the Creative and Performing Arts. Er lehrte Musiktheorie und arbeitete mit Morton Feldman und John Cage zusammen. Ein angesehener Mann in der Welt der neuen Töne seiner Zeit.

Da war aber auch Eastman, der schwule schwarze Mann, mit dem sich Cage überwarf. Eastman, der drogenabhängige, von Alkohol gezeichnete Obdachlose, der 1990 fast unbemerkt starb, von der Musikwelt quasi vergessen. Wäre da nicht die Komponistin und Archivarin Mary Jane Leach gewesen, die seine handschriftlichen Noten rettete und sie seither Interpreten zur Verfügung stellt.

Und wäre da nicht das Kukuruz Quartett um die Thurgauer Pianistin Simone Keller, das seit 2018 mit seiner Musik in Europa und in den USA unterwegs ist. So gesehen, passte Eastman wunderbar in die stille Location des Staatsarchivs – mitsamt ihrer knackigen und transparenten Akustik. Dort gastierte das Quartett im Rahmen des Kulturstiftungs-Jubiläums mit einem Programm namens „Ruhestörung“.

Pachelbel hat den Blues

Vier Klaviere, vier Stoppuhren und vier mal die Kopie der Originalhandschrift des Komponisten, das ist die Ausgangslage dieses berauschenden Abends. „Eins, zwei, drei, viiier“.. und los hämmern die Saiten. Präzise auf die Sekunde mussten die  Spielenden die Pattern wechseln, diese musikalischen Fäden, mit denen Eastman seine Werke gewoben hatte. Simone Kellers Stimme beim Einzählen liess alle noch eine Schippe drauflegen.

Ganz schön sportlich, was Duri Collenberg, Vera Kappeler, Philipp Bartels und Keller da in die Hände gelegt wurde. Eastman kannte keine Gnade, vorwärts, vorwärts, aber hoch achtsam.  Hören, wo der Ball weiterzugeben war mit den Figuren, wann sich die Klangfarbe änderte. Das Quartett spielte sich zu, keiner durfte vom Zug fallen.

Dieses 21‘45“ lange Stück „Evil Nigger“ ist so gnadenlos wie sein Titel, so selbstironisch und gleichzeitig utopisch. Ein wunderbar klares Bassmotiv, ein Ostinato, als ob Pachelbel den Blues erwischte, klabauterte durch alle vier Instrumente. Gross, berührend, freakig, verspielt und handwerklich gnadenlos stringent komponiert und gespielt. Schade, dass dieser spannende „Mais“ so schnell vorbei war.

Reinhören: So klang der Abend  mit dem Kukuruz-Quartett in Frauenfeld

Gay Guerrilla mit zwei rr

Leises Pochen in Duodezimen, leerklingende Akkorde, die sich unendlich zart in die Terzen schleichen, damit es wie bei der Wiener Musik schön a bissl weh tut: Sowas ist Klangguerilla, dieses „Gay Guerrilla“ von Eastman, die Töne erobern sich einfach die Herzen.

Wie auch die jazzig anmutenden Soli und das klare Bekenntnis zu der stabilen Harmonik, den Phasenverschiebungen und dem fragmentarischen Kontinuum musikalischer Zitate. Verschoben, verwoben und in weitere Dimensionen vorstossend: Das ist Minimal Music at his best - wohingegen Eastmans harmonisches Schaffen doch klar darüber hinausreicht. Die vier Musizierenden trugen diesem Aspekt auf jedem Fall Rechnung. Einfach gut gespielt.

Was der Komponist mit dem Zitat aus dem Lutherchoral „Ein feste Burg ist unser Gott“, der durch alle Klaviere und Sphären wanderte, wollte, bleibt ein zauberhaftes Rätsel.

Die Parallelen zu Franz Schubert

A propos Wandern, Guerrilla und Frranz Schubert: Julius Eastmans Talent, sein Schicksal, das präzise kompositorische Können und Schaffen am Nerv der Zeit, dazu seine Liebe zu seinem Instrument - und sein Aussenseiterstatus erinnern doch an den „verkrachten“ Hilfslehrer aus dem Alsergrund in Wien. Der die Maispflanze in seinem Dialekt „Kukuruz“ nannte, wie wir die Ruhestörung hierzulande als „Mais“ bezeichnen.  Franz Schubert starb ohne festen Wohnsitz, an Typhus und Syphilis. Komponierte in Wirtshäusern. Trotz allem zauberte er mit dem Klavier.

Julius Eastman konnte das offensichtlich auch, auf seine Weise. Stellen Sie sich vor: Die „Ruhestörung“ Simone Kellers an der ehrwürdigen Schubertiade Schwarzenberg in Vorarlberg. Mit Julius Eastman und dem Kukuruz Quartett: Was wäre das für eine wunderbare Entstaubung….

 

 

 

 

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