«Die Kulturstiftung braucht mehr Geld!»

«Die Kulturstiftung braucht mehr Geld!»
«Wir unterstützen Visionen, wir unterstützen Neues, wir unterstützen Projekte, die vielleicht auch mal ein bisschen schräg und ungewöhnlich sind. » Renate Bruggmann, scheidende Präsidentin der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, im grossen Abschieds-Interview mit thurgaukultur.ch | © Michael Lünstroth

Renate Bruggmann war 12 Jahre lang Stiftungsrätin der Kulturstiftung des Kantons, die letzten fünf Jahre davon sass sie dem Gremium als Präsidentin vor. Jetzt zieht sie sich aus dem Amt zurück. Im Interview spricht sie offen über erreichte Ziele, verpasste Chancen und worauf es jetzt ankommt. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Frau Bruggmann, die Kulturstiftung ist in diesem Jahr 30 Jahre alt geworden. Wie geht es dem Geburtstagskind in diesem Jahr?

Dem geht es eigentlich gut. Es ist immer im Wandel, im Wachsen. Es entwickelt stets neue Ideen und passt sich an die neuen Gegebenheiten an. Mein Eindruck ist, dass es dem Geburtstagskind wirklich gut geht.

Was muss passieren, dass das auch in den nächsten 30 Jahren noch so bleibt?

Es muss unbedingt lebendig bleiben. Es ist auch wichtig, dass man im Austausch bleibt mit den Kulturschaffenden und den Kulturvermittelnden. Wir als Kulturstiftung müssen immer genau beobachten, was abgeht in der Szene und die eigene Förderpolitik dem immer wieder anpassen. Und noch mehr als das: Wir müssen auch vorausschauend sein, Trends erahnen und an Formate denken, die jetzt vielleicht noch nicht so gängig sind. Wichtig wäre auch, dass die Stiftung weiterhin unabhängig bleibt. Das ist in den vergangenen Jahren schon etwas eingeschränkt worden. Früher bestimmte nur der Regierungsrat über unser Budget, heute ist es der Grosse Rat.

Wenn Sie sagen, dass die Unabhängigkeit der Stiftung etwas aufgeweicht wurde: Hat das bereits Konsequenzen in Ihrer Arbeit? Hat sich die Arbeit der Stiftung durch diese veränderten Strukturen und die unterschiedlichen Entscheidungswege verändert?

Nein, das hat sich zum Glück noch nicht geändert. Gleichzeitig muss man aber ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es eine reale Gefahr ist, dass dies passieren könnte. Wir müssen aufpassen, dass die Stiftung nicht in eine Abhängigkeit von politischen Mehrheiten gerät und in ihren Entscheidungen frei bleibt. Bei der Gründung vor 30 Jahren wurde sehr weitsichtig agiert, in dem die Gründer klar gesagt haben, die Stiftung müsse frei von politischem Einfluss sein. Das müssen wir zwingend verteidigen. Sonst können wir unsere Aufgabe nicht richtig erfüllen.

„Wir müssen aufpassen, dass die Stiftung nicht in eine Abhängigkeit von politischen Mehrheiten gerät und in ihren Entscheidungen frei bleibt.“

Renate Bruggmann, scheidende Präsidentin der Kulturstiftung

An welche Aufgaben denken Sie da?

Unsere Aufgabe ist es ja gerade nicht, mehrheitsfähige, populäre Formate zu fördern. Wir machen die Dinge möglich, die ohne uns sonst nicht möglich wären. Wir unterstützen Visionen, wir unterstützen Neues, wir unterstützen Projekte, die vielleicht auch mal ein bisschen schräg und ungewöhnlich sind. Das ist ja genau die Chance der Kulturstiftung - solche Dinge zu ermöglichen. Aber ich habe die Hoffnung, dass auch der Grosse Rat die Weitsicht hat, dies zu verstehen. Da ist es auch wichtig, dass wir als Stiftung immer im Gespräch mit der Politik bleiben.

Seit Gründung der Stiftung wurden ihre Mittel nur in geringem Masse erhöht. Warum hat sich die Stiftung nicht schon früher für ein deutlich höheres Budget eingesetzt?

Wir haben immer mal wieder darüber geredet. Aber der entscheidende Schritt hat tatsächlich gefehlt. Aber jetzt ist die Zeit gekommen. Nach 30 Jahren sind wir im Grunde immer noch auf demselben finanziellen Level, wenn man die Inflation und die Teuerung berücksichtigt. Das muss sich jetzt ändern.

Falls der Grosse Rat zustimmt, dann könnte das Budget ab dem Jahr 2023 tatsächlich erhöht werden. Was würden Sie mit dem zusätzlichen Geld machen?

Ideen gibt es genug, da muss sich keiner Sorgen machen. Zum Beispiel: Es gibt immer mehr Projekteinreichungen und bei gleichbleibendem Budget beutetete das zuletzt, dass wir immer mehr absagen müssen als wir wollen. Die Recherchestipendien wollen wir ausbauen, wir stellen eine neue digitale Gesuchsplattform zur Verfügung. Es läuft inzwischen so viel kulturell im Thurgau. Da kann man stolz darauf sein. Und um dieses kulturelle Leben weiter klug und nachhaltig unterstützen zu können, braucht die Kulturstiftung jetzt einfach ein höheres Budget.

„Nach 30 Jahren sind wir im Grunde immer noch auf demselben finanziellen Level, wenn man die Inflation und die Teuerung berücksichtigt. Das muss sich jetzt ändern.“

Renate Bruggmann, scheidende Präsidentin der Kulturstiftung

Über wie viel Geld reden wir da?

Etwas mehr als 400‘000 Franken. Wir erhoffen uns eine Erhöhung von 1,1 Millionen auf rund 1,5 Millionen Franken pro Jahr.

Nach 12 Jahren im Stiftungsrat, zuletzt 5 Jahre als Präsidentin, geben Sie das Amt nun ab. Ist da mehr Bedauern oder mehr Freude über den nahenden Abschied?

Es ist beides. Ich finde es einerseits gut, dass es einen regelmässigen Wechsel gibt. Jeder hat seinen eigenen Stil und eigene Ideen. Deshalb finde ich einen Tausch nach einigen Jahren in solchen Positionen sinnvoll. Aber ich habe diese Aufgabe auch sehr gerne gemacht, ich habe viel gelernt und ich habe Dinge kennengelernt, die ich ohne diese Aufgabe vermutlich nicht kennengelernt hätte. Insofern ist da auch Bedauern, dass diese Zeit nun zu Ende geht.

Als wir vor 5 Jahren zum Start ihrer Präsidentschaft miteinander sprachen, sagten Sie, dass sich die Stiftung immer erneuern muss, offen sein muss und die zeitgenössische Szene im Blick haben muss. Ist das gelungen in den vergangenen 5 Jahren?

Ja, ich denke, das haben wir auf allen Ebenen erreicht.

Gerade die vergangenen beiden Jahre brachten sehr viele Änderungen: Etablierte Formate wie die Werkschau oder die Lyriktage Frauenfeld wurden eingestellt, mit „Ratartouille“ ein neues Format entwickelt, das nicht jedem gefiel. Ist die Kulturstiftung auf dem richtigen Weg?

Ja. Wir finden, es ist der richtige Weg. Es ist ein Wechsel in der Haltung gewesen. Wir wollen  nicht mehr nur Initiantin sein von einem bestimmten Projekt wie der Werkschau und dann jahrelang als Veranstalterin agieren, sondern wir wollen Grösseres anstossen und immer wieder neue, innovative Formate initiieren und entwickeln. „Ratartouille“ ist bewusst als Mehrspartenformat konzipiert, wir wollen den Austausch und das Miteinander der verschiedenen Künste fördern, weil so die Wahrscheinlichkeit steigt, dass tatsächlich etwas ganz Neues entstehen kann. Die Ergebnisse der ersten Runde von Ratartouille zeigen für mich, dass es die richtige Entscheidung war.

Renate Bruggmann, Präsidentin der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, gratuliert im Juli 2021 Richard Tisserand und Reto Müller zum Sieg beim Wettbewerb «Ratartouille». Bild: Michael Lio

 

„Wir unterstützen Visionen, wir unterstützen Neues, wir unterstützen Projekte, die vielleicht auch mal ein bisschen schräg und ungewöhnlich sind. Das ist ja genau die Chance der Kulturstiftung!

Renate Bruggmann, scheidende Präsidentin der Kulturstiftung

Eine Konsequenz aus den Querelen um die Stiftung im Herbst 2016 war, dass Stiftungsräte keine eigenen Gesuche mehr einreichen dürfen für die Dauer ihrer Amtszeit. Das führte dazu, dass im Stiftungsrat inzwischen noch mehr Mitglieder sitzen, die nicht im Thurgau zuhause sind. Wie verändert das die Arbeit im Stiftungsrat?

Eigentlich gar nicht. Also nicht darüber hinaus, dass jede neue Person neuen Einflüsse einbringt. Was man aber sicher sagen kann: Es hat die Arbeit auf keinen Fall verschlechtert. Klar: Was ein Stück weit verloren geht, ist der direkte Bezug zum Thurgau. Aber Stiftungsrät:innen haben auch die Aufgabe sich hier zu tummeln, präsent zu sein an Veranstaltungen. Dieser Kontakt zur Szene sollte sich also über die Tätigkeit im Stiftungsrat automatisch herstellen. Es ist einfach schwer, Thurgauer Kulturschaffende für diese Aufgabe zu gewinnen, wenn Bedingung ist, dass sie keine Gesuche eingeben können solange sie im Stiftungsrat sitzen. Man muss sehen: Eine mögliche Unterstützung der Kulturstiftung ist für viele Künstler:innen ein wichtiger Teil ihres Einkommens.

Hört man sich in der Kulturszene um, dann heisst es manchmal: Der Stiftungsrat kennt sich gar nicht mehr aus im Thurgauer Kulturleben. Was entgegnen Sie da?

Ich glaube nicht, dass man das so pauschal sagen kann. Abgesehen davon gibt es ja durchaus auch positive Aspekte der neuen Einflüsse von aussen und des frischen Blickes. Wenn man sich nicht allzu gut kennt, objektiviert das vielleicht auch manches Urteil. So etwas wirkt auch dem Filz in Förderprozessen entgegen. Ich finde es aber auch sonst bereichernd. Neue Leute bringen neue Vernetzungen. Ich finde ja, wir sollten insgesamt doch diese Grenzen im Kopf abbrechen. Die Verwurzelung der Stiftung im Thurgau sehe ich überhaupt nicht in Gefahr: Wir achten beispielsweise darauf, dass die Personen des öffentlichen Lebens, die im Stiftungsrat vertreten sind, aus dem Thurgau stammen.

„Wenn man sich nicht allzu gut kennt, objektiviert das vielleicht auch manches Urteil. So etwas wirkt auch dem Filz in Förderprozessen entgegen.“

Renate Bruggmann, scheidende Präsidentin der Kulturstiftung

Wir sind inzwischen im zweiten Corona-Winter - wie erleben Sie die Stimmung bei den Thurgauer Kulturschaffenden angesichts der aktuellen Lage?

So wie jeder und jede langsam müde ist von der Situation, so geht es natürlich auch den Künstlerinnen und Künstlern. Für sie ist es sogar doppelt schwierig. Sie leiden darunter, dass sie nicht mehr so auftreten können wie vor Corona. Für viele bricht ein grosser Teil vom Lohn weg. Ganz ehrlich: Ich weiss nicht, ob sich die Szene jemals wieder auf das Niveau von Vor-Corona erholen kann. Ich habe so ein bisschen Angst um das Ganze. Gerade für jüngere Künstler:innen ist es wahnsinnig schwierig. Die müssen sich andere Bereiche suchen, um ihren Lebensunterhalt zu decken und gehen womöglich für die Kunst verloren. Und ob das Publikum wieder in dem Masse kommt wie vor der Pandemie, ist auch noch so eine Frage.

Was bedeutet das für die Gesellschaft, wenn ein Stück Kultur verloren geht?

Gesellschaftlich ist das ein grosses Problem: Ohne Kultur oder mit viel weniger Kultur als vorher - das wäre eine verheerende Vorstellung. Da fehlt etwas ganz Wesentliches, das Gespräch der Gesellschaft über das, was gerade wichtig ist, würde verstummen. Mein Gefühl ist: Auch das Publikum muss sich erst wieder daran gewöhnen, dass man ausgeht und einen das bereichert. Fast scheint es so als müssten wir dieses Miteinander nach den Pandemiejahren erst wieder einüben. Das ist alles eine schwierige Situation. Ich hatte mal die Hoffnung, dass Ende 2021 alles durch ist. Jetzt müssen wir wahrscheinlich froh, sein, wenn es Ende 2022 wieder normaler wird. In dieser Zeit dürfen wir die Kultur und die Kulturschaffenden nicht vergessen.

„Das war nicht sehr weitsichtig und auch ein bisschen mutlos.“

Renate Bruggmann, zur Entscheidung des Regierungsrats die Recherche-Stipendien nicht weiter zu fördern

Müsste die Kulturstiftung in diesen Zeiten die Kulturschaffenden nicht noch mehr unterstützen?

Wir hätten zum Beispiel die Vergabe von Recherche-Stipendien gerne auch im kommenden Jahr fortgeführt, aber der Kanton wollte dafür kein Geld mehr aus dem Lotteriefonds geben. Das war nicht sehr weitsichtig und auch ein bisschen mutlos. Ich bedaure sehr, dass dieses Programm nicht fortgeführt wird. Zum einen gibt es ja ausreichend Mittel im Lotteriefonds, der ist prall gefüllt mit fast 40 Millionen Franken. Und zum anderen muss man sagen: Die Künstler:innen sind noch lange nicht über den Berg, gerade wenn man die aktuellen Corona-Entwicklungen anschaut und welche Auswirkungen das auf die Kulturbranche haben könnte. Da wäre jeder Beitrag gut und hilfreich.

Transparenz-Hinweis: Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau ist eine von zwei Aktionär:innen der gemeinnützigen Thurgau Kultur AG, die thurgaukultur.ch betreibt. Alle Details zur Struktur und Finanzierung von thurgaukultur.ch findet ihr hier.

 

Renate Bruggmann, ihr Nachfolger Anders Stokholm und die Aufgaben des Stiftungsrats

Renate Bruggmann (65) stammt aus Schaffhausen, heute lebt sie in Kradolf. Ihre Laufbahn hat sie als Primarlehrerin in Buchberg (SH) begonnen. Drei Jahre lang unterrichtete sie auch an der Schweizerschule in Madrid. Von 1987 bis 2020 war sie Kursleiterin Weiterbildung am BZW Weinfelden. Sie hat sich in den vergangen Jahren intensiv in der Politik engagiert. Zunächst als Gemeinderätin in Kradolf-Schöneberg, später auch als Mitglied und Präsidentin des Grossen Rats Kanton Thurgau. Von 2009 bis 2012 war Bruggmann Fraktionspräsidentin SP und Gewerkschaften. Sie war darüber hinaus Mitglied des Hochschulrates der PH Thurgau. Seit 2010 war sie Stiftungsrätin bei der Kulturstiftung des Kantons, seit 2017 sass sie dem Gremium als Präsidentin vor. Wegen der in den Statuten der Stiftung festgelegten Amtszeitbegrenzung auf maximal 12 Jahre, muss sie nun ihr Amt abgeben.

 

Bruggmanns Nachfolger und neuer Kulturstiftungspräsident wird der Frauenfelder Stadtpräsident Anders Stokholm ab 1. Januar 2022.

 

Die Aufgaben des Stiftungsrats: Der Stiftungsrat ist zuständig für die Stiftungspolitik und die programmatische Ausrichtung, beobachtet die kulturellen Szenen und Tendenzen, entscheidet über Gesuche und Eigeninitiativen der Stiftung.

 

Wer sitzt im Stiftungsrat? Der Stiftungsrat setzt sich aus neun Mitgliedern zusammen: drei Kulturschaffende, drei Kulturvermittlerinnen oder -vermittler, drei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Die aktuelle Besetzung des Gremiums ist hier nachzulesen. Die Mitglieder des Stiftungsrates werden vom Regierungsrat gewählt. Die Amtsdauer der Mitglieder beträgt vier Jahre. Ihre Amtszeit ist auf maximal acht Jahre begrenzt. Übernimmt ein bisheriges Mitglied das Präsidium, beträgt die maximale Amtszeit zwölf Jahre.

 

Klare Regel: Mitglieder des Stiftungsrates dürfen während ihrer Amtszeit keine eigenen Gesuche einreichen.

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