von Alex Bänninger, 17.06.2014

Die Zeitung stirbt in Raten

Die Zeitung stirbt in Raten

Die Auflehnung gegen die bisher nicht dementierten Pläne, die Kultur im Tagblatt und in der Thurgauer Zeitung amputativ zu behandeln, verdient mit ein paar Argumenten zusätzliche Unterstützung. Auch als Wink an die grossen Kulturorganisationen und die Initianten der Expo Ostschweiz, sich zu einem die Identitätsstiftung berührenden Problem zu äussern.

Alex Bänninger

Ein Speiserestaurant, dessen Umsätze schwinden, entlässt zur Verbesserung der Ertragslage den Küchenchef. Eine unrentable Buchhandlung verzichtet sparbewusst aufs Angebot von Neuerscheinungen. Ein Theater, das Einnahmen verliert, behilft sich mit Stücken, die nur zur Hälfte aufgeführt werden. Ein Schuhgeschäft, dem die Kunden davon laufen, beschränkt sich auf den Verkauf von Badeschlappen.

Ob solcher Sanierungsmassnahmen würden wir den Kopf schütteln. Denn wir wissen, dass das Verfeuern des eigenen Dachstuhls keine Lösung für die Senkung der Heizkosten ist. Die Zeitungen scheinen es nicht zu wissen. Ihre Not macht offenbar nicht erfinderisch, sondern verzweifelt. Es entwickelt sich eine Lust am Ableben auf Raten.

Das falsche Rezept

Die wirtschaftliche Wetterlage veranlasst die Tagblatt-Medien, die Kulturseite der Stadt St. Gallen im Tagblatt und die Seite Regionalkultur in der Thurgauer Zeitung zusammenzulegen und mithin die Kulturberichterstattung um die Hälfte zu kürzen. Mit dem Leistungsabbau verlieren die Kultur, die Zeitungen, die Leser und Inserenten einen Mehrwert. Das kann kein Ergebnis sein, das im Konkurrenzkampf mit den Internetmedien Stärke verleiht.

Die Chancen der gedruckten Zeitungen liegen im Lokalen und Regionalen. Noch. Sie müssten in der unmittelbaren Lebenswelt ihres Publikums redaktionell und journalistisch eine Spitzenarbeit erbringen, mit der Breite der Themen und der Tiefe ihrer Behandlung überzeugen und mit spannenden Geschichten und brillanten Fotografien überraschen.

Missverstandenes Lob

Das gelang in der Kultur bisher so gut, dass über 1.500 Petitionäre die als Verschlechterung verstandenen Änderungen vehement ablehnen. Anders gesagt: Die Petition ist ein Lob. Ihre Unterzeichner bekunden die Zufriedenheit mit der Kulturberichterstattung im Tagblatt und in der Thurgauer Zeitung. Ein "Weiter so!" ist motivierende Anerkennung im Sinne des Leitbildes der Tagblatt-Medien: "Als führendes Medienunternehmen der Region wollen wir einen wesentlichen Beitrag zur Identität und zum Selbstbewusstsein der Ostschweiz leisten." Die Übereinstimmung dieses Credos mit dem Ziel der Bittschrift könnte grösser nicht sein.

Das wollen die Verantwortlichen in St. Gallen nicht wahrhaben. Sie relativieren den breit abgestützten Zuspruch mit dem Einwand, die Petition sei auch von Nicht-Abonnenten und Nicht-Lesern unterschrieben worden. Das trifft wohl zu. Doch eine solche Einschränkung missachtet, dass auch Personen, die weder zum Abonnenten- noch zum Leserkreis gehören, durchaus die Meinung vertreten dürfen, die Kulturberichterstattung sei wichtig und solle nicht zurückgeschraubt werden. Es handelt sich um einen allgemeinen zivilisatorischen Anspruch an Zeitungen, auch an jene, die wir nicht einmal dem Namen nach kennen.

Im Weiteren und ebenfalls befremdlich wollen die Verantwortlichen in St. Gallen die Petition tiefer hängen mit der Rüge, es gehe den Unterzeichnern ausschliesslich um die kostenlosen PR-Effekte. Diese Beanstandung blendet aus, dass es zu den natürlichen Unvermeidlichkeiten eines Zeitungsartikels gehört, auch als Gratisreklame zu wirken. Das ist für Kulturschaffende und Kulturvermittler zweifellos angenehm, nicht weniger als für Gewerbetreibende, Politiker und Vereine. Es kann deshalb nicht unverschämt sein, wenn die Petitionäre auch an den werbenden Nachhall denken und ihn nicht missen möchten.

Die Katze beisst sich in den Schwanz

Nein, von der Kultur her lässt es sich nicht begründen, ihr verlegerisch an den Kragen zu gehen. Jede Zeitung von Rang besitzt einen kompetent betreuten Kulturteil. Das gebührt sich auch In der Ostschweiz. In ihr sind kluge, kreative und kräftige Kulturschaffende und Kulturvermittler aktiv. Sie verdienen für ihre Arbeit die gleiche journalistische und redaktionelle Aufmerksamkeit wie die Wirtschaft, die Wissenschaft, der Sport und die Politik. Theater, Museen, Orchester und Bibliotheken sind KMUs, die Arbeitsplätze bieten und notwendige Dienstleistungen erbringen.

Der Auftrag der Kulturredaktionen ist weitaus anspruchsvoller, als einzelnen Künstlerinnen und Künstlern zu Gefallen zu sein. Es geht darum, Kultur im gesellschaftlichen Zusammenhang zu beleuchten, kritisch Relevanz einzufordern und über die Befunde unabhängig zu informieren. Dafür braucht es in den Zeitungen auch Platz. Fehlt er, wird die Berichterstattung auf knapp kommentierte Veranstaltungshinweise eingeengt, die gähnend langweilig sind und den Vorwurf nähren, die Kultur genüge sich in kleinen Nischen selber. Die Katze beisst sich in den Schwanz.

Keine Drückebergerei

Auch gegenüber der Kultur ist das Wächteramt der Medien gefragt. Die Kultur wird massgeblich von der öffentlichen Hand finanziert. Es ist darum geboten, dass Zeitungen die Verwendung der Gelder sorgfältig prüfen. Die "vierte Gewalt" darf sich nicht drückebergerisch aufführen.

Ob die Kultur mehr als lediglich Insiderzirkel anspricht, hängt nicht allein von der Kultur, sondern entscheidend auch davon ab, wie sie von den Zeitungen aufbereitet wird: ob in Häppchen und oberflächlich oder ausführlich, argumentativ und packend geschrieben. Die Frage, ob hier Verbesserungsbedarf auszumachen wäre, würde weiterführen, nicht jedoch die Überlegung, wie weit sich die "Rationalisierung" treiben lässt, um dem Tagblatt und der Thurgauer Zeitung gerade noch knapp den Vorwurf der völligen Kulturlosigkeit zu ersparen.

Solidarität ist keine Einbahnstrasse

Wir stehen vor einem Teufelskreis. Die Zeitungen verarmen inhaltlich, weil wir sie nicht im genügenden Umfang abonnieren und dadurch unsererseits verarmen lassen. Fatalerweise beschleunigt jeder Leistungsabbau der Zeitungen die Teufelsfahrt.

So wenig wie die Kultur, so wenig lebt auch ein Printmedium von Bekenntnissen. Es genügt nicht, an einer Vernissage die Gläser zu erheben, sich in einer Buchhandlung durch die Neuerscheinungen zu blättern, Schauspieler um Autogrammkarten zu bitten, dem Film höhere Bundessubventionen zu wünschen und Musik kostenlos herunterzuladen. Wenn wir keine Bilder, Bücher, CDs und Eintrittskarten kaufen, läuft die Kultur ins Leere.

Wir sind im Recht, von der Thurgauer Zeitung und dem Tagblatt ein starkes Kulturengagement zu verlangen. Die beiden Zeitungen sind im Recht, uns als Abonnenten gewinnen zu wollen. Solidarität ist keine Einbahnstrasse.

***

Frühere Artikel und Links zum Thema:

TZ schafft Kulturseite aus (kommentiert)

Petition für Kulturseiten lanciert

 

KOMMENTAR *

 

Andreas Notter • vor 3 Jahren
Der Verteilkampf der Inhalte hat schon seit langem begonnen,
jetzt scheint er auch auf den Kulturteil überzuschwappen. Dies hat kaum mit einer Geringschätzung der Kultur zu tun als vielmehr mit dem Strukturwandel, der die Qualitätsmedien malträtiert: In den Augen vieler Medienkonsumenten ist Information gratis und jederzeit verfügbar. Der Erfolg von «20 Minuten» etc. belegt diese Hypothese. Der Trend setzt die Medien vor fast unlösbare Probleme, weil sie kein Geld mehr verdienen können.

Vielleicht könnten Kulturschaffende ihre Kreativität dahingehend einsetzen, indem sie neue, innovative Ideen für die Medien schaffen,
die sie aus ihrem Schlammassel holen. Selbstmitleid und Forderungen von Kulturschaffenden machen Zeitungsverlage jedenfalls nicht rentabler.

 


Sascha Erni, .rb • vor 3 Jahren
... und mit Alex Bänninger meldet sich nun ein dritter Schreibenden für den Kulturteil der Thurgauer Zeitung zu Wort. Und wie auch bei den Ausführungen von Alex Meszmer und mir werden zwei Dinge klar: Erstens geht es nicht um das Vertreten von Eigeninteressen, selbst wenn wir für die betroffenen Kulturseiten schreiben. Denn dazu sind die Eigeninteressen zu wenig relevant, auch in Sachen Geld. Zweitens ist das Zusammenstreichen von lokal-regionalen Inhalten für ein lokal-regionales Medium ziemlich kontraproduktiv.

Philipp Landmark hat auf Twitter, wie man es sich von ihm langsam gewohnt ist, recht flapsig ein Statement angekündigt, sobald die Sache spruchreif sei. Zu ungelegten Eiern wolle er sich nicht äußern. Nun denn, ich bin auf dieses Statement gespannt. Dialog wäre mir allerdings lieber. Und mindestens einem Teil der 1500+ Unterzeichnenden der Petition wohl auch.

 

 

* Seit März 2017 haben wir eine neue Kommentarfunktion. Die alten Kommentare aus DISQUS wurden manuell eingefügt. Bei Fragen dazu melden Sie sich bitte bei sarah.luehty@thurgaukultur.ch

 

 

www.openpetition.de

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