von Brigitta Hochuli, 06.11.2012

„My Fair Lady“ in Bottighofen und was Eliza Doolittle mit Tägerwilen zu tun hat

„My Fair Lady“ in Bottighofen und was Eliza Doolittle mit Tägerwilen zu tun hat
Eliza Doolittle (Rita Bänziger) und Henry Higgins (Mathias Begemann) bei der Probe für „My Fair Lady“ auf der Zentrumbühne Bottighofen. | © Brigitta Hochuli

Sie proben für die Musical-Aufführung ab 15. November und sind zu einem auch gesanglich starken Team zusammengewachsen. Die Truppe der Zentrumbühne ist parat für den Auftritt und den Vergleich mit der wahren Geschichte, die ihren Anfang ganz in der Nähe hatte.

Brigitta Hochuli

Pressekonferenz im Dorfzentrum. Produktionsleiter Fritz Wirz, Zentrumbühne-Vereinspräsident Werner Spirig und Finanzchef Ueli Claus haben fast das ganze Kernteam zusammengetrommelt. Insegsamt sind es 15 Amateurdarsteller, fünf Tänzerinnen und fünf Musiker. Im Stab arbeiten weitere 17 Personen mit. Man spürt Teamgeist und Begeisterung. Regisseurin Astrid Keller und der musikalische Leiter Andreas Bung haben so etwas wie ein Familie hier versammelt. Jeder der Anwesenden bringt dies zum Ausdruck.

Unverstärkter Stimmenschmelz

Keller schwärmt von Ohrwürmern wie „Es grünt so grün...“ und Bung vom unverstärkten Stimmen-Schmelz der Hauptdarsteller. Die Herisauer Schauspielerin Rita Bänziger (Eliza) und der deutsche Prorektor der Pädagogischen Hochschule Thurgau Matthias Begemann (Higgins) stellen sich nicht nur mit Bravour dem Gesang, sondern auch der Herausforderung der Hoch- durch die sogenannte Yugosprache. Jean-Pierre Golliez (Pickering) behauptet, ohne ihn gäbe es das Stück nicht, denn er sei Lehrer und spiele mit Geld. Enza Freienmuth - seit der Bühnengründung 1982 mit dabei - geniesst ihre ordinär schlampige Rolle als Freundin von Vater Doolittle und Barbara Büttner jene der Mutter Higgins. Sie ist die einzige Konstanzerin der Truppe und war von Astrid Keller und ihrer ebenfalls mitspielenden Tochter Maria Huber quasi von der Strasse weg engagiert worden. Erwähnenswert ist auch Heinz Roth, der schon zum sechsten Mal auf der Zentrumbühne steht und nun als ehemaliger Banker ein typisches Opfer der Finanzkrise wird.

Kein Happy End

In "My Fair Lady" soll Eliza Doolittle, ein Mädchen aus der Unterschicht, zu oberschichttauglichem Benehmen umerzogen werden. In der Beziehung zu ihrem Sprachbändiger Professor Henry Higgins kommt es in Bottighofen aber zu keinem Happy End. Darin unterscheidet sich Astrid Kellers und Leopold Hubers Bearbeitung des Stücks von jener der berühmten Musicalverfilmung von 1964. Als Vorgaben dienten ihnen Shakespeares Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ und George Bernard Shaws Theaterstück Pygmalion.

Elise Egloff

Shaws Bühnenfigur Eliza Doolittle hiess in Wahrheit Elise Egloff, wurde 1821 in Tägerwilen geboren und starb 1848 in Heidelberg. Das Näh- und KIndermädchen war die erste Ehefrau des prominenten Anatomieprofessors Jacob Henle und zu diesem Zweck in einem Mädchenpensionat für höhere Töchter extra herangebildet worden, weil, wie auf wikipedia nachzulesen ist, deren schweizerische Bildung „für seinen hohen Rang nicht genügte“. Elise Egloff starb nicht nur an Lungentuberkulose, ihre Krankheit wurde auch mit der „Versuchsanordnung des Bildungsexperiments“ erklärt. Neben George Bernard Shaw und anderen hat auch Gottfried Keller die Geschichte verarbeitet, und zwar in der Novelle „Regine“. Keller hatte das Ehepaar Henle 1846 in Zürich kennengelernt und bei Professor Henle später in Heidelberg Vorlesungen besucht. Kellers „Regine“ soll die Vorlage für Shaw gewesen sein.

***

Budget 230‘000 Franken

Das Budget für „My Fair Lady“ beträgt gemäss Auskunft von Finanzchef Ueli Claus 230‘000 Franken und damit doppelt so viel wie beim letzten Mal. Er sei zuversichtlich, die Kosten decken zu können. Mit dem Verkauf der Plätze à 35 bis 40 Franken sollen 130‘000 Franken eingenommen werden. Der Lotteriefonds und die Gemeinde Bottighofen steuern je 15‘000 Franken. Weiter helfen der Verein Kultursee, Stiftungen, grosszügige Privatpersonen und der Trägerverein, der mit seinen gegen 90 Mitgliedern viel Freiwilligenarbeit leistet.(ho)

***

Literatur zu Elise Egloff:

● Tägerwilen Ein Thurgauer Dorf im Wandel der Zeit, 1999, Sonderegger Druck AG, Weinfelden, ISBN 3-907598-00-8, am Schalter der Gemeindeverwaltung Tägerwilen für 48.50 Franken erhältlich

● diverse weitere Buchhinweise auf de.wikipedia.org

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Was es mit dem Theaterfundus auf sich hat, lesen Sie bitte im Blog.

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