von Michael Lünstroth, 15.02.2019

Auf dem Weg zum kleinen Stadttheater?

Auf dem Weg zum kleinen Stadttheater?
Alle in einem Boot (von links): Giuseppe Spina, Simon Engeli, Noce Noseda, Rahel Wohlgensinger, Judith Zwick und Joe Fenner von der Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld. | © Michael Lünstroth

Ein Blick zurück und viele nach vorn: Was bei der Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 im vergangenen Jahr gut lief und was in diesem Jahr noch besser werden soll. 

Na klar: Wer „Der alte Mann und das Meer“ spielen will, der braucht ein Boot. Gut, dass in der Kulisse der Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 eines rumliegt. Das eignet sich auch gut für ein Bild zur Medienkonferenz über das neue Jahresprogramm. Die Botschaft ist klar: Alle in einem Boot irgendwie. Seit 2013 gibt es die Theaterwerkstatt und wollte man in dem maritimen Sprachbild bleiben, dann war 2018 ein Jahr voller Böen und Brisen - das Schiff Theaterwerkstatt kam gut voran. „Rückblickend war es für uns ein Superjahr“, sagt Giuseppe Spina, Regisseur, Schauspieler, Musiker und einer der Gründer der Theatergruppe. Rund 2800 Leute kamen demnach zu den vier verschiedenen Produktionen der Bühne. „Wir konnten uns als Theaterort gut positionieren, die Leute wissen inzwischen, was sie von uns erwarten können“, so Spina. 

Damit das Schiff auf Kurs bleibt, soll auch 2019 viel Dampf gemacht werden. Die meisten Zuschauer erreicht die Theaterwerkstatt regelmässig mit ihrem Sommertheater im Greuterhof Islikon. Der wird auch in diesem Jahr noch einmal bespielt, bevor es dann 2020 wegen Umbaus eine Pause geben muss. Auf dem Programm des Open-Air-Theaters in diesem Jahr: Eine Bühnenadaption (Fassung: Noce Noseda) von Ernest Hemingways Klassiker „Der alte Mann und das Meer“. Premiere ist am 15. August. Und es soll wieder dem Untertitel „Kammertheater unter freiem Himmel“ gerecht werden. Der Stoff des Stücks - der zähe Kampf eines alten Anglers mit einem grossen Fisch - ist weithin bekannt, die konkrete Umsetzung wird die Theatertruppe noch eine Weile beschäftigen. Klar ist bislang zumindest: Die Bühne wird sich verändern. Statt klassischem Tribünen-Aufbau werden die Zuschauer rings um das Geschehen sitzen. „Da wird man auch den Ort nochmal ganz anders kennenlernen“, sagt Noce Noseda. Jean Martin Roy übernimmt die Hauptrolle, Regie führt Carin Frei und es gibt Live-Musik von Goran Kovacevic (Akkordeon) und Vincenzo Ciotola (Gitarre).

Ein Theaterstück aus Gedichten und Erzählungen 

Vor dem Sommer stehen aber zwei andere Produktionen im Fokus. Bereits am 22. März steht die Premiere von „Dieser Himmel zum Beispiel“ in der Theaterwerkstatt an. Das wird wohl eine klassische Theaterwerkstatt-Produktion, weil sich die Gruppe hier auf ganz eigene Weise einem Stoff nähert: Aus Gedichten des amerikanischen Schriftstellers Raymond Carver soll ein Theaterstück über die Liebe werden. „Die Probenarbeit ist spannend, wir improvisieren viel zu den Texten von Carver“, sagt Noce Noseda, der bei dieser Produktion als Schauspieler zu sehen sein wird. Zwei Männer stehen im Zentrum des Stücks: „Auf einem sich drehenden Podium finden die zwei Schauspieler immer wieder neue Wege, um den Boden unter den Füssen nicht zu verlieren“, heisst es im Pressetext zur Inszenierung. Das als Collage und eher episodenhaft angelegte Stück ist eine Koproduktion mit der italienischen Gruppe Compagnia Dimitri/Canessa.

Kinder ab 5 Jahren kommen ab dem 28. April auf ihre Kosten: Dann startet die Aufführung vom „Sängerkrieg der Heidehasen“, ein Stück von James Krüss aus dem Jahr 1952. Bekannt wurde der Stoff vor allem als Hörspiel. Die Theaterwerkstatt bringt den Sangeswettstreit um eine Prinzessin unter Hasen als Hinterhof-Open-Air-Puppen-Theater im Museumshof des Naturmuseum Thurgau auf die Bühne. Nach der Biber-Produktion im vergangenen Jahr ist dies nun eine weitere Kooperation zwischen Naturmuseum und Theater. Wer wissen will, ob der junge Hase Lodegrün die Intrigen von Direktor Wackelohr und dem Gesangsminister übersteht, der sollte sich den Termin vormerken. Rahel Wohlgensinger und Simon Engeli übernehmen das Puppen- und Schauspiel, Giuseppe Spina führt Regie.

Kann man durch Mord zum Helden werden?

Erwachsenentheater gibt es dann wieder im September und November. In „Klärli und der belgische Pilot“ wird die wahre und dramatische Geschichte einer innerschweizer Arztfrau erzählt (27. & 28. September) und in „Der Held der westlichen Welt“ (ab 15. November), eine Komödie von John Millington Synge, soll es schwarzhumorig werden. Im Zentrum steht ein junger Mann, der seinen tyrannischen Vater mit einem Spaten erschlagen hat und dafür auf erstaunliche Weise zum Helden gemacht wird. „Der Autor erzählt eine Geschichte über den Umgang mit dem Fremden, der sich auch 111 Jahre nach der Uraufführung nich wesentlich verändert zu haben scheint. Nur wenn das Fremde überhöht wird, ihm magische Eigenschaften zugeschrieben werden, kann es auf übertriebene Weise sowohl bewundert als auch gefürchtet werden“, heisst es im Medientext zur Inszenierung. Erstmals will die Theaterwerkstatt hier auch mit Profi- und Laiendarstellern gemeinsam arbeiten. 

Ein Anfang: 50.000 Franken gibt es aus dem Lotteriefonds

Inhaltlich sieht sich die Theatertruppe gut aufgestellt, hinter der Bühne geht es jetzt aber auch darum, den Betrieb zu professionalisieren und zu konsolidieren. „Wir sind gerade dabei herauszufinden, wie sich so ein Betrieb führen lässt, ohne, dass wir Raubbau am Einzelnen betreiben?“, erklärt Giuseppe Spina den strukturellen Zustand der Theaterwerkstatt. Ziel ist es, langfristig ein verlässliches Budget aufzubauen, mit dem sich dann auch zuverlässiger planen lässt. Hilfreich dabei war unlängst eine Nachricht aus der Politik: Der Regierungsrat hat der Theaterwerkstatt 50.000 Franken aus dem Lotteriefonds zugesprochen „für die Programmation des Hauses 2019“, wie es in einer Medienmitteilung heisst. Der Beitrag soll unter anderem dazu genutzt werden, um die angestrebte Teil-Professionalisierung des Betriebs weiter voranzutreiben. 

So schön diese Nachricht ist, für die Theatermacher wäre es hilfreich, wenn diese Gelder nicht von Jahr zu Jahr erkämpft werden müssten, sondern es eine Vereinbarung über mehrere Jahre gäbe. Die Hoffnung darauf ist da und das Ziel des Ganzen ist klar visiert: „Wir wollen so etwas wie das kleine Stadttheater von Frauenfeld werden“, sagt Giuseppe Spina.

 

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