von Michael Lünstroth, 07.05.2019

Ein Egotrip und seine Folgen

Ein Egotrip und seine Folgen
Schön verpackt, aber nichts drin: Alissia (Pascale Hilber) gewinnt am Ende formell das abgekaterte Spiel. Ihr ist aber selbst nicht ganz wohl dabei. Im Hintergrund stehen Frieda (Hannah Kohlmeyer), Laura (Vera Schläpfer), Ivy (Caroline Nef), Alexa (Leoni Tobia), Dani (Mattia Leonetti) und Viola (Leslie McLaren). | © Hans Schneckenburger

In «Der perfekte Preis» zeigt das Wiler Jugendtheater momoll, wie verführbar die Menschen durch ein bisschen Glücksversprechen sind. Eine Inszenierung mit Stärken und Schwächen.

Mal angenommen, es gäbe einen Wettbewerb bei dem die Veranstalter dem Gewinner einen für ihn perfekten Preis versprächen - wer würde da nicht überlegen, mitzumachen? Hoffnung auf das grosse Glück hat die Menschen schon immer verführbar gemacht. Und so kommt es, dass sich an einem Samstagabend sechs junge Menschen in den Räumen des Unternehmens „Game Time“ wiederfinden und sich auf einen Wettstreit der gemeineren Art einlassen. Das ist die Ausgangslage des Stückes „Der perfekte Preis“ (Regie: Claudia Rüegsegger), das das Jugendtheater momoll am vergangenen Samstag in der Lokremise Wil als Uraufführung auf die Bühne gebracht hat. Der Text dazu stammt von der Autorin und Literatur-Studentin Bettina Scheiflinger

Das Setting ihrer Geschichte ist einem der gerade so beliebten Escape Rooms nachempfunden. Hier treffen sich Menschen, um gemeinsam Rätsel zu lösen unter dem Druck einer grösseren Aufgabe, beispielsweise eine Bombenexplosion in einer Stadt zu verhindern. Ein solches höheres Ziel gibt es in „Der perfekte Preis“ nicht, die Handlung konzentriert sich auf die gruppendynamischen Prozesse, lotet aus, zu was die Verlockungen auf einen Preis Menschen treiben können und hinterfragt den Leistungsgedanken unserer Gesellschaft.

Die Ausgangslage: Melanie (Linda Barberi, ganz rechts) erklärt den Teilnehmern die Spielregeln von "Game Time". Bild: Hans Schneckenburger

Statt zusammenzuhalten spaltet sich die Gruppe auf

Ohne grosse Bedenken lassen sich die sechs Teilnehmer - fünf Mädchen, ein Junge - auf das Experiment ein und schon nach den ersten Aufgaben stellt sich heraus, dass sie all dem, was da auf sie zukommt, nicht gewachsen sind: Sie wollten Spass und bekommen doch eine Lektion ernsten Lebens serviert. Ihre Charaktere haben klare Konturen: Die selbst verliebte Instragram-Influencerin Frieda (Hannah Kohlmeyer), der freiheitsliebende Idealist Dani (Mattia Leonetti), die naive Träumerin Alexa (Leoni Tobia), die unter einer schweren Kindheit leidende Laura (Vera Schläpfer), die fiese Streberin Viola (Leslie McLaren) und der Durchschnittstyp Ivy (Caroline Nef). Es kommt, wie es kommen muss: Die Gruppe bröckelt zügig. Statt zusammenzuhalten spaltet sie sich auf. Erst in zwei Lager, dann zunehmend in sechs Einzelteile. Es wirkt wie eine Parabel auf unsere zu Zersplitterung und Vereinzelung neigende Zeit.

Genüsslich beobachtet wird das alles von Melanie (Linda Barberi). Sie ist so etwas wie die Spielleiterin des ganzen Unterfangens und hat vor allem ihre eigenen Interessen im Sinn: Sie sammelt physische und psychologische Daten der Wettbewerbs-Teilnehmer während des Experiments. Sie hofft, diese Daten mögen ihr den Weg zu einem Praktikum in einem grossen Internet-Konzern ebnen. Unterstützt wird sie dabei von dem allerdings zunehmend an seiner Aufgabe zweifelnden Beni (Valentin Hüppi). Als Zuschauer ahnt man an diesem Abend früh - das wird nicht gut ausgehen. Für keinen der Beteiligten. Auch die später auftauchende Alissia (Pascale Hilber) kann das Blatt nicht mehr wenden.

Die Inszenierung findet einige schöne Bilder

Regisseurin Claudia Rüegsegger findet in ihrer Inszenierung ein paar schöne Bilder für das, was sie mit dem Stück will. Zum Beispiel die Idee, dass alle Teilnehmer Kletterausrüstung tragen und Seile über die Bühne gespannt sind. Das ist praktisch bei mancher Aufgabe. Es ist aber auch eine schöne Metapher auf die Unsicherheit und Unbestimmtheit gerade im Leben der jüngeren Generation: Im Spiel wie im Leben hängt man manchmal an einem Seil in der Luft und weiss nicht so recht, wohin mit sich. Bemerkenswert auch der beinahe poetry-slam-hafte Vortrag von Frieda, in dem sie ihre eigene Oberflächlichkeit erkennt und sich so etwas wie eine Einsicht andeutet.

Allerdings hat der Text auch seine Schwächen: Nicht nachvollziehbare Handlungssprünge zum Beispiel. Wenn aus Banalitäten plötzlich Handgreiflichkeiten werden, dann kommt man da als Zuschauer nicht immer mit. Die Eskalationsstufen im Konflikt der Gruppe folgen zu schnell aufeinander. Das soll die Handlung vorantreiben, unterläuft aber letztlich ihre Glaubwürdigkeit. Ein anderes Problem sind die Figuren selbst: Sie wirken schablonenhaft und bleiben zweidimensional. Das liegt weniger an den engagierten jungen Darstellern, sondern mehr an der Anlage der Charaktere. Nur selten haben sie Gelegenheit aus ihrer Rolle herauszubrechen, zu oft erstarren sie in Klischees: Die oberflächliche Instagram-Tussi, die naive Träumerin, die hinterhältige Streberin, der rebellische Idealist.

Helfen oder nicht? Alissia und Dani streiten, wie sie mit Laura nach deren Verletzung umgehen sollen. Bild: Hans Schneckenburger

Raus aus dem Raum, rein in die alten Rollen

Am Schluss, so viel darf man verraten, wird keiner einen Preis bekommen. Das bei den Rätseln ermittelte Lösungswort heisst „Egotrip“ und es beschreibt einerseits ganz gut, was in den vergangenen 70 Minuten auf der Bühne der Lokremise vorgeführt wurde. Andererseits fragt man sich aber auch, weshalb Melanie, die Veranstalterin des Wettbewerbs, eine solche Botschaft versteckt haben sollte. Sie hatte ja selbst eher egoistische denn pädagogische Absichten. Eine Begründung dafür liefert die Inszenierung nicht. Sie lässt das Wort im Raum hängen.

In die Köpfe der Protagonisten scheint es indes nicht eingedrungen zu sein. Sie verlassen den Rätselkeller, wie sie ihn betreten haben: Raus aus dem Raum, rein in die alten Rollen. Man hat nicht das Gefühl, dass sie etwas gelernt hätten. Gut möglich, dass sie beim nächsten Mal wieder genauso handeln würden. Auf diesen Unterschied zwischen Erleben und Verstehen hinzuweisen, ist am Ende vielleicht die grösste Leistung des Stückes. 

Weitere Aufführungen: 7./9./10./14./16./17. Mai, Beginn jeweils 20.15 Uhr in der Lokremise Wil. Mehr zum Theater: www.momoll-theater.ch  

Das Theater

Das momoll theater wurde 1985 als professionelles Tourneetheater gegründet. «Der perfekte Preis» ist die 13. Produktion des Wiler Theaters. Seit 2007 wird jedes Jahr ein Stück erarbeitet, das auf das jeweilige Ensemble zugeschnitten ist. Einige der aktuellen Schauspielerinnen und Schauspieler haben schon mehrfach mitgewirkt, andere sind zum ersten Mal dabei. Dem Verein momoll theater gehören rund 200 Mitglieder an. Weitere sind jederzeit willkommen. 

 

Selber spielen: Die nächste Gelegenheit zum Einsteigen bietet der Schnupper-Theaterkurs vom 6. bis 20. Juni. Hier können Jugendliche ab Oberstufe (von 13 bis 20 Jahren) aus der Region Wil während drei Abenden (18.30 bis 20.45 Uhr) herausfinden, on ihnen das Theaterspielen Spass macht. Der Kurs findet statt im Saal der Rudolf-Steiner-Schule Wil und kostet 55 Franken. Anmeldung möglich unter www.momoll-theater.ch 

 

 

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