von János Stefan Buchwardt, 18.06.2018

Oper ohne Opernhaus

Oper ohne Opernhaus
Die Aufführung von «Die Jüdin» wird mit zwei glänzenden Sopranistinnen bestritten: die Russin Yana Kleyn (links) als Rachel und die Polin Justyna Samborska als Prinzessin Eudoxie, hier in der Konstanzer Lutherkirche. | © János Stefan Buchwardt

Mit der Oper «La Juive», bedeutendstes Werk des französichen Komponisten Halévy, erfährt das Konziljubiläum in Konstanz seine Abrundung. Hochgenuss für Kulturbegeisterte wird selbst in der Minimierung fulminant zum publikumsnahen und ohrenbetäubenden Event. Das überzeugt und verstört gleichermassen.

Auf dem Programm steht «La Juive», als sogenannte Konziloper verfasst und jetzt Finale des 600-jährigen Konziljubiläums in Konstanz. Das Publikum wird durch drei Spielstätten geführt, von denen die erste sich im Laufe der Aufführung als bühnentechnisch aufwendigste und dennoch, vom Eindruck her, provisorischste entpuppt. Anfangs wollen sich die klassischerweise erwarteten Elemente einer Opernaufführung nicht recht einstellen: Ruhe, Konzentriertheit und Fokussierung fehlen. Eine Prise zu viel Open Air zum Auftakt? Noch suhlt der Sachunkundige erwartungsfroh in Naivität. Vogelgezwitscher und Glockengeläut lenken ab, Besucherinnen und Besucher tröpfeln nach. Sie haben Mühe, den verwinkelten ersten Aufführungsort (Innenhof des Kulturzentrums am Münster) ausfindig zu machen.

Auch dürfte der Komponist namens Jacques Fromental Halévy nur einer Kennerschaft bekannt sein. Selbst der erfahrene Operngänger mag im ersten Drittel noch ein wenig die Nase rümpfen. Auf den Brettern eines Gerüstgestänges positioniert sich das «Vokalensemble Konstanz» und agieren die hervorragenden Sängerinnen und Sänger. Drunten, wie in einem Verschlag, intoniert das Orchester vor sich hin. Ein mit modernen Architektursprengseln ausstaffiertes Real-Altstadt-Bühnenbild und echtes Grünzeug geben die Kulisse. Der Münsterturm blinzelt hindurch, gespielt wird mit den Farben Rot und Blau. Zusehends nimmt die Freude der «Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz» für sich ein. Für die Musikerinnen und Musiker ist Oper etwas, womit sie sich im normalen Konzertleben wenig bis gar nicht beschäftigen. Sie nutzen die Chance und wachsen über sich hinaus.

Beim ersten Bühnenwechsel wird auf dem Weg nach Sankt Johann ein Sauflied von Oswald von Wolkenstein (Ritter und Minnesänger) eingebunden und somit weiterer Bezug zum Konzil hergestellt. Das «Vokalensemble Konstanz» erweist sich hier als feierlauniges, wendig-virtuoses Sangesvolk.⎟Foto: János Stefan Buchwardt

Dickes Gerät

Beat Fehlmann, Intendant der Philharmonie, erläutert: «Wir haben es mit einer ‹Grand Opéra› zu tun, die alles, was dieses Wort suggeriert, auch verspricht. Richtig dickes Gerät, weit über den Möglichkeiten unserer normalen Besetzung. Also haben wir uns für den Weg einer Reduktion entschieden. Das grosse Ding soll respektvoll und kreativ in die Schauplätze hineingetragen werden.» Wichtiges Schlagwort im Kontext des Jubiläums sei immer gewesen: Aufführung an Originalschauplätzen. Mit dieser «Kammermusik-Fassung» exponierten sich die nur noch 18 Orchestermitglieder auf herausfordernde Weise, doppelt der versierte musikalische Leiter Hermann Dukek nach. Der Arrangeur Alexander Krampe habe eigens für Konstanz eine überzeugende und nach wie vor klangstarke Spielfassung erstellt.

Alles in allem weiss der Abend sich kontinuierlich und mit sicherem Zugriff von allen Seiten her zu steigern. Die beiden anderen Aufführungsstätten – der Concept Store Sankt Johann, zu Konzilzeiten ein Kirchenraum, und die Lutherkirche – bieten frappante Bedingungen, was Akustik und Originalambiente angeht. Zur willkommenen Abwechslung steht das Publikum im zweiten Aufführungsteil, bevor es im letzten Part auf Kirchengestühl Platz nimmt. Das Pendel des aussergewöhnlichen Projekts schlägt immer weiter aus. Man gerät in die Extreme: betört oder verwirrt vom schleichenden Verschmelzen zwischen Stadtraum und Bühnensituation, überwältigt oder erschlagen von der Nähe zu den Darstellerinnen und Darstellern, zu guter Letzt wirkungsmächtig für die Sache eingenommen, sofern sie sich einem denn erschliesst.

Tadas Girininkas aus Litauen (links) als Kardinal Brogny, Yana Kleyn als Rachel, Justyna Samborska als Prinzessin Eudoxie.⎟Foto: János Stefan Buchwardt

Warnung vor Fanatismus

Der Regisseur Johannes Schmid bringt die Oper eindrucksvoll an ihren Handlungsort zurück. Den Umgang mit drei unterschiedlichen Spielstätten, mit Publikums-, Orchester- und Sängerverschiebung managt er zielsicher. Inhaltliche Verdichtung geschieht über eine gescheite Fokussierung auf die Konflikte unter den Hauptfiguren. Zwischenspiele, Chor- und Ausstattungstableaus, alles, was die Handlung nicht vorantreibt, wurde strikt getilgt. Komplimente für die Strichfassung und Umsetzung hat er sich redlich verdient. Trotzdem, ohne Blick ins umfangreiche Programmheft ist man – wie nicht selten im Musiktheater – aufgeschmissen. Auf eine Unter- oder Übertitelung der mehrheitlich auf Französisch gesungenen Texte hat man verzichtet.

«La Juive» spielt Religionskonflikte durch und legt den Fokus dabei auf die private Ebene schicksalhaft miteinander verbundener Menschen. Hass sät Hass, wenn Sturheit im Denken und die Unfähigkeit, über das eigene Weltbild hinauszudenken, schliesslich zu grosser Zerstörung führen. Die Person, die alle am meisten lieben, endet auf dem Scheiterhaufen. Das gezeigte Dilemma zwischen christlicher und jüdischer Bevölkerung ist auf jede Art von religiösen oder weltanschaulichen Zwist übertragbar. Gut, dass man sich hier an das Ursprungssetting hält. So werden breite Assoziationen möglich: Nahostkonflikt, Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und anderswo. Aber auch ohne den Holocaust lässt sich ein solches Stück nicht denken.

Chorisch sondert das mit Phantasie-Büsserhüten ausgestattete «Vokalensemble Konstanz» Verfluchungstexte aus dem Mittelalter und der Inquisition ab. | Foto: János Stefan Buchwardt

Überzeugung versus Verstörung

Das grosse künstlerische Bemühen darum, der Darbietung fassbaren Sinn und Nachhaltigkeit zu verleihen, ist beeindruckend und anerkennenswert. Die international rekrutierte Sängerschaft ist delikat anzuhören und rundum erlebenswert. Die musikalische Hingabe ist so viel mehr als nur bestechend. Das Publikum zu direkten Teilhabern zu machen, sei es beim grossen Festakt im dritten Akt oder bei der Phantasie-Prozession zur Lutherkirche, ist packender Einfall und dramaturgisch ausgereifte Raffinesse. Die insgesamt dreieinhalb Stunden mit Pause sind kurzweilig und intensiv. Sie legen alles darauf an, dazu zu animieren, sich auf Oper als Abenteuer und im Besonderen auf die Odyssee «Menschlichkeit» einzulassen. Historie und Aktualität gegenüberstellen, Ressentiments und Antipathien hinterfragen, dazu sind wir aufgerufen.

Ob es gelingen kann, 230 mögliche Besucherinnen und Besucher zum kritischen Blick in die Vergangenheit und auf die Gegenwart zu bewegen? Wenn die Inszenierung und das Medium Oper an sich hier mit allen Mitteln ausholen, das Bessere im Menschen hervorzukehren, ihn zu veranlassen, wahnbesetzten Fanatismus vor Ort zu reflektieren, wie viel Gelingen, wie viel Scheitern ist dem Unterfangen dann eingeschrieben? Trotz Reduktion, der Darstellungsaufwand ist immer noch immens. Der Unterhaltungswert schlägt penetrant zu, die aufrüttelnden Szenerien umspülen den Geist. Kontrapunkte hallen durch die Abendluft, theatralisch und musikalisch Überhöhtes fegt einem um die Ohren. Zu befürchten bleibt, dass säuselnde wie schmetternde Stosskraft alles überdeckt. Ob das Überborden des Gefühls nun Überforderung oder Euphorie auslöst, bleibt der Verfassung und Psyche des Einzelnen überlassen. Vielleicht gerade deswegen: Ausverkaufte Vorstellungen sind hier ein Muss! 

Das Publikum, hier im «Concept Store Sankt Johann» an der Premiere, wird immer wieder sensibel und tückisch zugleich eingebunden. | Foto: János Stefan Buchwardt

 

«La Juive» wartet mit glänzenden Darstellern auf. Im Bild: Der aus Litauen stammende Kristian Benedikt (oben) als Goldschmied Eléazar, dessen Rolle an zwei Abenden im Juli Gustavo de Gennaro übernimmt. Unten: Tadas Girininkas (ebenfalls aus Litauen) als Kardinal Brogny. | Foto: János Stefan Buchwardt

 

Weitere Rezensionen zu «La Juive» im Tagblatt, Südkurier und auf seemoz

Informationen:

Termine:
Die Oper wird noch bis zum 9. Juli 2018 in Konstanz, teilweise unter freiem Himmel, aufgeführt. Hier gehts zu den Terminen.

 

Dauer:
ca. 3 Stunden, inkl. einer Pause im 2. Teil

Einführung:
Jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn im Astoriasaal, Katzgasse 7 (Dauer ca. 20 Minuten), auch bei Regen.

Spielorte:
Innenhof Kulturzentrum am Münster (Zugang über die Torgasse), Concept Store Sankt Johann, Lutherkirche.
Bei Regen findet die Vorstellung in der Lutherkirche statt, bei unsicherem Wetter Infos unter 07531 363 27-29.

 

Weitere Informationen unter www.philharmonie-konstanz.de

 

 

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