von Michael Lünstroth, 26.06.2018

Wer sind wir?

Wer sind wir?
Wie könnte eine Identität des Thurgau aussehen? Kann es so etwas heute überhaupt geben angesichts der Heterogenität und Dezentralität des Kantons? | © Michael Lünstroth

Der Thurgau hat seine Seele verloren, sagt der Historiker André Salathé. Wenn das stimmt, stellt sich vor allem eine Frage: Kann er sie wieder zurück gewinnen? Ein Vorschlag

Männer, die in die Jahre kommen, bekommen regelmässig Sinnkrisen. Zwischen 25 und 30 nennt sich das quarterlife crisis, es ist die kleine Schwester von der viel bekannteren midlife crisis, die Männer um die 50 dazu veranlasst, einen Porsche zu kaufen oder auf andere beknackte Ideen zu kommen. Beiden Seelenkrisen gemein sind diese Fragen: „Wozu das alles?“, „Wohin führt mich das?“, „Wohin will ich eigentlich?“ und natürlich die eine grosse Frage: „Wer bin ich eigentlich?“ Dass man selbst im stolzen Alter von 215 Jahren (1803 wurde der Kanton Thurgau selbständiger und gleichberechtigter Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft) auch all diese Fragen noch nicht zwangsläufig abschliessend beantwortet haben muss, zeigt die Diskussion, um das Interview, das Markus Schär für uns mit dem Historiker André Salathé unlängst geführt hat.

Darin fällt unter anderem dieser eine Satz: „Dieser Kanton hat seine Seele verloren.“ Der Beitrag ist einer der meistgelesenen auf unserer Seite in den vergangenen Wochen - und alleine das zeigt, dass das Thema offenbar bewegt. Zwei Fragen, die sich daraus nun stellen, lauten: Erstens: Was soll die Seele dieses Kantons überhaupt sein? Zweitens: Wenn der Kanton seine Seele verloren hat, kann er sie vielleicht auch irgendwie wieder zurück gewinnen? Im Interview muss selbst André Salanthé zugeben, dass das mit der Seele eines Kantons gar nicht so einfach ist: „Allerdings wäre es schwierig, die Seele zu definieren. Ich weiss nur, dass sie nichts mit Steuerprozenten oder mit Wirtschaftswachstum zu tun hat. (…) Man war nicht Zürcher, nicht St. Galler, nicht Süddeutscher, einfach eine Restmenge – das hielt uns zusammen.“ 

Aussenorientierung macht kantonale Selbstvergewisserung kompliziert

Wer über Seelen redet, redet eigentlich über Identität. Schaut man dazu in ein ganz gewöhnliches Lexikon, steht dazu unter anderem das hier: „Identität ist die Gesamtheit der ein Objekt kennzeichnenden und als Individuum von allen anderen unterscheidenden Eigentümlichkeiten." Psychologen würden wohl ergänzen, Identität sei „die als »Selbst« erlebte innere Einheit der Person“. So was kann ja auch für Regionen gelten. 

Aber: Wie könnte in diesem Sinne eine Identität des Thurgau aussehen? Kann es so etwas überhaupt geben angesichts der Heterogenität und Dezentralität des Kantons? Wie wollte man auch so etwas wie eine Identität schaffen, wenn ein Orientierung gebendes Zentrum fehlt und die Blickrichtung immer eher nach aussen als nach innen geht: Die Romanshorner und Arboner schauen nach St. Gallen, in Weinfelden und Frauenfeld blickt man nach Winterthur und Zürich und in Kreuzlingen sind viele Augen auf Konstanz gerichtet. Eine solche Aussenorientierung macht eine kantonale Selbstvergewisserung, nun ja, kompliziert. Und da fangen die Probleme gerade erst an.

Definitionen von Identität enden schnell in Klischees

Eine Definition von so etwas wie einer Seele oder Identität ist schon alleine deshalb schwierig, weil man allzu schnell bei Klischees und Stereotypen landet: Die Äpfel. Die Landwirtschaft. Die Ruhe. Das Ländliche. Wer allein das essentiell für die Identitätsgewinnung hält, muss sich nicht wundern, dass der Thurgau jenseits seiner Grenzen eben genauso wahrgenommen wird. Und eher belächelt als bewundert wird.

Dabei ist der Kanton in vielen Punkten heute weiter als das von aussen (und manchmal auch von innen) oft beurteilt wird. Auch deshalb ist eine neue, oder besser erweiterte, Identität des Thurgau längst überfällig. Nicht, dass all die alten Dinge keine Rolle mehr spielten, aber sie spielen eben nicht mehr die Hauptrolle, auch wenn sie unwiderruflich in die DNA dieses Landstrichs eingeschrieben sind. Aber da draussen ist noch so viel mehr an erstaunlichen Eigentümlichkeiten in diesem Kanton. Und damit meine ich für dieses eine Mal jetzt nicht die immer noch vorhandene Angst vor öffentlichen Debatten und die immer wieder anzutreffende Haltung, sich im Zweifel lieber klein zu machen als aufzufallen. 

Neu im Angebot: Mut, Lässigkeit und Selbstbewusstsein

Davon wollen wir jetzt nicht reden. Es gibt ja auch positive Entwicklungen: Mehr Mut, Lässigkeit  und Selbstbewusstsein zum Beispiel. Alle drei Dinge waren unlängst in der Kulturförderpolitik des Kantons zu beobachten: Die Vergabe der mit 25 000 Franken dotierten Förderbeiträge an Künstlerinnen und Künstler, die sich auch kritisch mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzen, die in Kunstvermittlungsprojekten mit Kindern und Jugendlichen arbeiten oder die für ihr eigenes Werk mit halluzinogenen Pflanzen experimentieren, zeugte von Mut und einer erstaunlichen Coolness, die man dem Thurgau bislang eher nicht zugetraut hätte. 

Zweites Beispiel: Die Verleihung des Thurgauer Kulturpreises an so unterschiedliche Menschen und Künstler wie Olli Hauenstein und Judit Viliger in zwei aufeinanderfolgenden Jahren, zeigt, dass die vorschlagende Kulturkommission und der entscheidende Regierungsrat verstanden haben, wie vielfältig und divers das Kulturleben im Thurgau ist. Und wie bereichernd das sein kann. Von aussen betrachtet hat man derzeit das Gefühl, dass sich in den Köpfen der Menschen etwas verändert. Gefühlt wird die Offenheit für Ungewöhnliches jedenfalls spürbar grösser.

Der erste Schritt: Sich neuer, eigener Stärken bewusst werden

Hinter dieser Entwicklungen kann man auch so etwas wie ein allmählich erwachendes Selbstbewusstsein vermuten. Sollte das tatsächlich so sein, wäre das ein erster Schritt zu einer neuen Identität. Sich neuer Stärken bewusst zu werden und diese zwar nicht arrogant, aber doch offensiv auszustellen, könnte tatsächlich dazu führen, dass vermeintliche oder tatsächliche Sinnkrisen überwunden werden. Der Weg dahin ist lang, aber nicht vergebens.

 

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