29.01.2021

Zungenfertigkeit

Zungenfertigkeit
Vielfach ausgezeichnet: Die in Müllheim (Thurgau) lebende Autorin Zsuzsanna Gahse. | © Maurice Haas

#meinerstesmal: Die Autorin und Grand-Prix-Preisträgerin Zsuzsanna Gahse über erste Male und erste Mahle. Und was das eine mit dem anderen verbindet. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Angenommen, ein Kind ist gerade zwei oder drei Jahre alt, und es kommen Gäste. Die kleine Person muss nun zeigen, wie hübsch er oder sie sprechen und lächeln kann. Die Gäste sind hell begeistert von diesem ersten Auftritt. Um einen ersten Auftritt geht es übrigens auch, wenn die Besucher schweigen und ungerührt ihren Tee trinken. Aber selbst bei einer negativen Ersterfahrung geht es Schritt für Schritt weiter.

Eine erste Präsentation in der Schule, dann in einer hübschen kleinen Galerie, nachher ist die kleine Person bereits erwachsen, genauer gesagt handelt es sich um eine erwachsene Frau, und die Lesung ihrer Texte findet in einem beachtlichen Saal statt. Diesmal sind Journalisten dabei und das örtliche Radio. Auch das ist ein Ersterlebnis.

Reaktionen des Publikums sind immer spürbar

Was ist überhaupt ein erstes Mal? Später folgen weitere Erstereignisse, falls sie weiterschreibt und erst recht, wenn sie die Zuhörenden als ihre Gesprächspartner betrachtet. Die Reaktionen des Publikums sind ja bei jeder Lesung spürbar.

Beziehungsweise ist derzeit vom Publikum wenig zu spüren. Lesungen gibt es bestenfalls per Zoom, die man auch als Phantomlesungen bezeichnen könnte, und die sind besser als nichts, aber halt nur besser.

Die Lesenden sitzen zu Hause. Und dort sitzt auch das gesamte Personal aller Restaurants.

Zsuzsanna Gahses Arbeitsplatz in ihrem Haus in Müllheim. Bild: Maurice Haas

Lesungen als Ausgangspunkt für Gespräche

Früher habe ich Lesungen auch in Restaurants erlebt und mochte die jeweiligen Tischgesellschaften in einem überschaubaren Raum. An den einzelnen Tischen hatten wir miteinander zunächst gute Speisen und Unterhaltungen, dann folgte die Lesung, hinterher gab es wieder Gespräche, und Lesungen sind ein geeigneter Ausgangspunkt für Gespräche, vor allem, wenn die Leute an den Tischen noch einzelne Sätze in den Ohren haben und Getränke gereicht bekommen.

Kellnerinnen, Kellner und Wirte haben den ältesten Beruf der Welt. Die Zuwendung und Aufmerksamkeit der Gastgeber dem Gast gegenüber ist eine uralte Kunstform, was oft übersehen wird, und deshalb habe ich vor Jahren in meinem „Kellnerroman“ die Bewirtenden ins Zentrum des Geschehens gestellt.

Von KellnerInnen und AutorInnen

Jetzt, da die Restaurants geschlossen sind und die Gastgeber ihre Freundlichkeiten einfach trocken schlucken müssen, sollte ich (oder sonst jemand) einen zweiten „Kellnerroman“ schreiben und Wirtinnen mit den zwangs-schweigenden Autorinnen und Autoren in Verbindung bringen.

Sobald die Gaststuben wieder geöffnet sind, haben sie dann ein erstes Mal eine gemeinsame Beachtung, und dann gibt es kleinere oder grössere Lesungen in kleineren oder grösseren Lokalen. Dabei wird es in jeder Hinsicht um mundgerechte Kommunikation gehen, um Sprache und um Zungenfertigkeiten.

Weiterlesen: Ein Porträt über Zsuzsanna Gahse findet ihr hier. Die Website der Autorin: http://www.zsuzsannagahse.ch/

 

Die Serie #meinerstesmal

Dinge zum ersten Mal zu tun, ist immer etwas Besonderes. Der erste Schultag, der erste Kuss, die erste eigene Wohnung - fast jeder kann sich an diese ersten Male erinnern. Bei Kulturschaffenden ist so ein besonderer Moment - das Debüt. Oder das erste Mal vor Publikum stehen. Genau dieses Gefühl wollen wir mit der neuen Serie einfangen.

 

Was treibt diese Menschen an? Wie fängt man so was an? Und wie fühlt sich das an, wenn man mit einem künstlerischen Debüt, ganz gleicher welcher Sparte, vor ein Publikum tritt? Wenn man gewissermassen über sein eigenes Leben hinaus und in das Leben der anderen hinein tritt? Man plötzlich öffentlich wahrnehmbar wird, sich zeigt und, nun ja, heraus ragt?


Jeder kann mitmachen: Möchtest Du uns auch Deine Geschichte von Deinem ersten Mal erzählen? Dann mach das doch! Das Format ist aber offen für jeden Künstler: Wer seine Geschichte mit uns teilen möchte, schreibt einfach eine Mail mit seinem Text (auch Video- und Audiodateien sind möglich) an unsere Mailadresse: michael.luenstroth@thurgaukultur.ch

 

Alle Texte auf einen Blick: Wir sammeln alle Beiträge der Serie in einem Themendossier. Das findet ihr hier.

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