Pascal Beer tut, was er muss: Schreiben, verlegen, an Welten tüfteln. Sein Verlag schluckte alles Pensionskassengeld, neu gibt’s auch CDs im Angebot. Die Eltern denken: Wann endlich heiratet der Bub?

Rolf Müller

Wer schon zum Frühstück Bukowski liest, muss einen starken Magen haben. Pascal Beer tut das regelmässig und verfügt nebst robustem Verdauungssystem offenbar auch über gute Nerven. Wer sonst käme auf die Idee, in Romanshorn einen Verlag zu gründen?

Gut, die Band Aeronauten hatte ihre Anfänge da. MocMoc, das kommunikationsbürodesignte Fabelwesen, steht weiter ungeliebt am Bahnhof rum. Hackbrettler Nicolas Senn, Sohn des 2011 abgewählten Gemeindeammanns, macht bei SRF Karriere. Aber sonst?

Skaterboy, die Revolution im Hinterkopf

Sonst ist da eben Verleger Beer. Sechsunddreissig Jahre alt. Ledig. Gelernter Lehrer. Geduldig werkelt er an der publizistischen Zukunft in einer Eineinhalb-Zimmer-Dachwohnung, die halb in Büchern, halb in CDs ertrinkt.

Beer betreibt da seinen 2012 gegründeten Verlag „Muskat Media“, weil er nicht anders kann und will, und das mit beständigem Enthusiasmus. Fünfzig Prozent arbeitet er für das tägliche Brot als heilpädagogischer Mitarbeiter an einer Schule, die restlichen hundert Prozent für sich.

Selbst Schriftsteller, gab er 2013 sein erstes Lyrikprosa-Werk im Eigenverlag heraus. Es heisst „messer in einer blumenvase, auf die rückkehr der geliebten wartend“ und ist gediegen in Leinen gebunden. Das Logo des Verlags: Eine erhobene, geballte Faust wie aus Zeiten des Klassenkampfs; fast meint man, im Hintergrund die „Internationale“ zu hören. Das passt zu Beer, der – Typ urbaner, älterer Skaterboy – als Revolutionär des Worts die Klinge auch mit Ironie sanft zu führen weiss.

Erleben, um zu schreiben

Der Verlagsname „Muskat Media“ geht auf den Titel einer prämierten Kurzgeschichte zurück, mit der sich Beer 2012 an einem Literaturwettbewerb des Kulturmagazins Saiten und dem St. Galler Gallusjubiläum beteiligte. Die Anfänge des Verlags liegen jedoch weiter zurück. Denn bevor verlegt wird, muss geschrieben werden. Beer aber ist keiner, der über imaginierte Dinge schreiben kann - er muss sie selbst erlebt haben. Schreiben wollte er. Unbedingt. Also brauchte er Erlebnisse.

Konsequenterweise trennte er sich 2010 von angehäuftem irdischen Plunder und ging ein Jahr lang guten Mutes, aber ohne Geld, Krankenkassen- und andere Versicherungen auf Reisen. Frankreich, Spanien, Marokko, Kuba und weitere Länder durchstreifte er; erlebte, staunte, genoss, wurde ausgeraubt und kam zurück in die Schweiz, wo sich die schreiberischen Ambitionen zum erklärten Willen verdichteten. Beer legte los.

Alles auf eine Karte: Pascal Beer investiert in seinen Verlag "Muskat Media", was er hat. (Bild: Rolf Müller)

Er schliff an seinem Sound, gab Texte dem Kollegen Christian Rechsteiner, ebenfalls Autor, zum Gegenlesen – überarbeitete, feilte, schrieb um, litt – und hielt 2013 schliesslich sein erstes eigenes Buch in Händen.

Zwischendurch reiste Beer 2012 nochmals – in die andere Richtung: Neuseeland, Australien, Malaysia, Indien. Die Mittel für die Gründung von „Muskat Media“ sowie „Muskat Media Records“ – einer „Untergrund-Plattenfirma“ – machte er bei seiner Pensionskasse locker. Da hat er jetzt zwar keinen roten Cent mehr auf dem Konto, dafür ist er zufrieden.

Etwas beunruhigt ob der eigenwilligen Karriere zeigten sich alleine seine Eltern, die den Bub lieber unter der Haube sähen. Aber auch sie haben sich angesichts der Konstanz arrangiert. Unterdessen verarbeitet er die Erlebnisse seiner Reisen – das Manus hatte satte 1000 Seiten.

Kunst und Kommerz

„Mittlerweile ist der Verlag mit der jüngsten Herausgabe von ‚DAS WEINBERGER-ARCHIV‘ des Kreuzlinger Autors Christian Rechsteiner auch kein Eigenverlag mehr“, meint Beer stolz. Allerdings stösst er in der Distribution der Werke an Grenzen. Bücher verkaufen sich nur dann, wenn sie in den Medien besprochen werden und auch in Buchhandlungen ein geeignetes Schaufenster erhalten. Da blitzte Beer bisher mehrheitlich ab.

Beispielsweise waren weder die Bodan-Buchhandlung in Kreuzlingen noch Marianne Sax in Frauenfeld dafür zu gewinnen. Einzig im Ostschweizer Kulturmagazin Saiten ist bisher eine Kurzbesprechung erschienen.

Auf die harte Tour

Aber auch widrige Umstände entmutigen den Verleger aus Leidenschaft nicht. „Ast für Ast“ nähere er sich dem kommerziellen Geschehen, beschreibt er seine Strategie. Für die Promotion von „DAS WEINBERGER-ARCHIV“ tourt er durch die Lande, vernetzt sich mit Medien und der Literaturszene. Dabei verteilt er Postkarten und Kunstplakate, wie es grosse Verlage tun. Um sich kundig zu machen, besuchte der Antikapitalist jüngst auch die Frankfurter Buchmesse. Ein Widerspruch: Kunst und Kommerz? „Don’t ask“, schreibt er dazu auf der Muskat-Facebookseite.

„Muskat Media Records“ - hier geht’s zum Punk

Verleger Pascal Beer ist auch Musiker und war als Slampoet unterwegs. Und weil es ihm zuwider läuft, wenn Talente keine Plattform finden, hat er halt auch noch eine Plattenfirma gegründet: „Muskat Media Records“. Bisher erschienen ist auf dem Label die Arboner Band „The Ithaka Chronicles“ mit dem Album „III“. Ihr Sound ist eine Mischung aus alternativem Rock und Post-Punk, versehen mit etwas Elektro. Im Frühling soll bereits der Zweitling erscheinen, derzeit wird in Los Angeles abgemischt und gemastert. „Das Internet ist dafür ein Segen“, so Beer. Die Scheibe kommt als Scheibe raus – auf Vinyl. Er hält es da gar nicht mit Tocotronic, die 1995 noch behaupteten: „Digital ist besser“. Aber definitiv mit dem Albumtitel derselben Band von 2005: „Pure Vernunft darf niemals siegen“. (rom)