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von Christian Brühwiler, 06.05.2013

Kindertastenspiele

Kindertastenspiele
mixed media collage von Kathrin Spycher zum Thema Kindertastenspiele |

Christian Brühwiler

Als ich vom diesjährigen Thema „tastenspiele“ des Bodenseefestivals hörte, schien der Zeitpunkt gekommen:  Schon lange trug ich mich mit dem Gedanken, bei passender Gelegenheit einen Klavierabend zu veranstalten, der sich Werken für Kinder widmet. Anlass dazu boten gleich mehrere Gründe. Die Alte Kirche Romanshorn, in der ich Konzerte veranstalte, ist für Klavier eher überakustisch. Tastendonner passt nicht ideal, dafür entfalten sich leise Töne umso besser. Zudem interessiere ich mich für gute Musik, die selten im Konzert gespielt wird.
Vom Barock bis in die Neuzeit, vom Clavierbüchlein für Anna Magdalena Bach über den „Children’s Corner“ von Claude Debussy und den „Mikrokosmos“ Bela Bartoks bis hin zu den „Children’s Songs“ des Jazzpianisten Chick Corea gibt es vielfältigste Werke, die mit Kindheit und Jugend in einem engen Zusammenhang stehen.  Ein Teil dieser Werke wurde für Unterrichtszwecke geschrieben. Komponisten liessen sich aber auch von Kindern inspirieren oder widmeten ihnen Werke. Spannend ist auch der Gegensatz zum „üblichen“ Klavierabend. An Stelle von Virtuosität tritt Einfachheit, und an Stelle der grossangelegten, komplexen Komposition mit ihren vielfältigen Bezügen und Entwicklungen dominiert die simple, aber klare Form.

Mit dieser Idee eines „Kinderklavierabends für Erwachsene“ klopfte ich bei Benjamin Engeli an, einem exzellenten, weit über die Region hinaus bekannten Pianisten. Benjamin Engeli freute sich über die ungewöhnliche Anfrage und erarbeitete in der Folge ein Programm, das er letzten Freitag in der Alten Kirche Romanshorn spielte. Vorfreude und Neugier waren gross, hatte doch Benjamin Engeli Werke ausgewählt, die auch ich nur teilweise kannte.

Inzwischen ist der Klavierabend vorbei, doch er klingt nach. Für mich war das Konzert ein grosses Erlebnis, und ich hatte Freude daran, dass die ursprüngliche Idee das Programm doch auf eine besondere, nicht alltägliche Weise prägte. Auffallend waren natürlich die durchwegs kurzen Werke, klar und prägnant formulierte, originelle Kompositionen mit, gerade bei Schumanns „Kinderszenen“, grosser und berührender emotionaler Tiefe.

Als sperrig, kantig und auch klanglich überraschend erwies sich Helmut Lachenmanns „Ein Kinderspiel“, mit dem er seinem Sohn moderne Spieltechniken vermitteln wollte. „Ein Kinderspiel“ nutzt lustvoll auch die ganz tiefen und ganz hohen Lagen der Tastatur. In der Art, wie es die ganze Tastatur auskundschaftet, erinnert es tatsächlich an ein Kind, das ganz unbefangen und respektlos die Möglichkeiten des Klaviers erforscht, und der Hörer imaginiert sich die Mutter, die zum kleinen Helmut sagt: „ Hör endlich auf, du machst den Flügel kaputt“.

Im nächsten Moment entlockt „ein Kinderspiel“ dem Flügel mit raffiniertem Einsatz beispielsweise des Dämpfungspedals, aber auch mit Clustern und liegengelassenen Tönen wunderbar zarte Resonanzeffekte und geräuschhafte Klänge. Doch auch die Virtuosität kam nicht zu kurz, beispielsweise in Engelis eigener Reduktion des vierhändigen Satzes von Maurice Ravels „Ma mère l’Oye“, doch die Glanzlichter setzten für einmal die schlichten und poetischen Passagen, die in der Akustik der Alten Kirche wunderbar zur Geltung kamen. Vielleicht zeigte sich darin die besondere Meisterschaft Engelis. Das Leichte auch wirklich leicht wirken und schweben zu lassen, ist wohl das ganz Schwere.

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