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von Brigitta Hochuli, 22.01.2014

Akkordeontage mit einigen Premieren

Akkordeontage mit einigen Premieren
Paolo Fresu, Trompete und Flügelhorn bei einem Auftritt mit Daniele di Bonaventura, Bandoneon (v.l.). An den 2. Akkordeontagen spielen sie das erste Mal mit der Schlagzeugerlegende Pierre Favre zusammen. | © Felipe Fuenzalida

Vom 14. bis 16. Februar finden in Kreuzlingen, Frauenfeld und Romanshorn mit vier Konzerten die zweiten Akkordeontage statt. Musiker und Mitorganisator Christian Brühwiler* erklärt, was das Akkordeon alles möglich macht. Jedenfalls gebe es wenige Festivals, in denen ein Schubert-Abend, Jazzkonzerte und neuere Musik einträchtig vereint sind.

Interview: Brigitta Hochuli

Herr Brühwiler, die ersten Akkordeontage im September 2012 waren ein grosser Erfolg. Einer der Höhepunkte war die Uraufführung eines Stückes des Komponisten Daniel Fueter, geschrieben für das Oberthurgauer Jugendorchester. Kann man das noch toppen?

Christian Brühwiler: Ich habe mir diese Frage noch nie gestellt. Wenn ich mich als Veranstalter und auch als Musiker ständig selbst überbieten müsste, wo würde dies hinführen? Was für mich zählt, ist die Vorfreude auf ein Konzert, die Vorfreude auf die Magie des Augenblicks, die in einem guten Konzert Musiker und Hörer gefangen nimmt.

Und was erwarten Sie als Veranstalter?

Christian Brühwiler: Als Veranstalter macht man dem Publikum ein Geschenk. Das Geschenk soll schön verpackt sein und dem Beschenkten Freude bereiten. Zum Schenken gehört aber auch die Überraschung, die einen guten Teil der Vorfreude des Schenkens ausmacht. Es gehört zum Spiel, beim potenziellen Konzertbesucher Erwartungen zu wecken, die sich dann in der Veranstaltung idealerweise auf originelle Weise erfüllen.

Erwartungen können aber auch enttäuscht werden.

Christian Brühwiler: Ja, es kann natürlich auch schiefgehen. In der Halbzeit des „silenzio“-Konzertes mit Paul Giger, Srdjan Vukasinovic und Cobus Swanepoel verliess ein Pärchen Türen schlagend das Konzert mit dem Kommentar, die Spieler sollten doch endlich beginnen, Musik zu machen… Doch bei den bevorstehenden Konzerten wird es kaum lange Gesichter geben, das kann ich mir nicht vorstellen.

Was zeichnet die Akkordeontage gegenüber anderen Jazz- oder Folklore-Festivals aus?

Christian Brühwiler: Die Veranstaltungen vom September 2012 waren mehrheitlich Produktionen, die speziell für die Akkordeontage einstudiert worden waren. Als Veranstalter engagieren wir also nicht nur Musiker und bestehende Bands oder Ensembles, sondern produzieren oder initiieren auch Projekte. Dies ist auch in der aktuellen Ausgabe der Akkordeontage der Fall.

Was heisst das im konkreten Programm?

Christian Brühwiler: Der Hornist Martin Roos führt beispielsweise sein „unheimlich virtuos“- Programm erstmals mit einem neuen Partner auf, Schuberts „Winterreise“ wird in dieser Besetzung erstmals zu hören sein, und das Trio um den Trompeter Paolo Fresu erlebt seine Premiere. Wie bereits in der ersten Ausgabe des Festivals ist das Akkordeon ein Dreh- und Angelpunkt für ein stilistisch offenes Konzept. Das macht Spass, es gibt wenige Festivals, in denen ein Schubert-Abend, Jazzkonzerte und neuere Musik einträchtig vereint sind. Das Akkordeon macht es möglich.

Nicht nur das Akkordeon, auch die Zusammenarbeit verschiedener Veranstalter macht es möglich.

Christian Brühwiler: Ja, das ist zwar nicht einzigartig, aber doch bemerkenswert. Gerade in der etwas verzettelten Thurgauer Kulturlandschaft sind die Akkordeontage ein Versuch, durch die Zusammenarbeit Synergien zu nutzen. Häufig wäre durch Kooperationen mehr möglich, es wäre schön, wenn dieses Beispiel Schule machen würde.

Wenn Sie Schlagzeilen über die diesjährigen vier Konzerte setzen müssten - wie lauteten sie?

Christian Brühwiler: Schuberts „Winterreise“ eignet sich deshalb für Bearbeitungen, weil nicht nur Text und Melodie, sondern auch der Klavierpart so reich und ausdrucksstark sind. Durch die Instrumentation wird dieser Reichtum auf eine neue Art hör- und erlebbar. Aus dem Dialog zwischen Sänger und Begleiter entsteht ein ebenso vielschichtiges wie berührendes Gespräch. „Bewegende, winterliche Gruppenreise“ würde dies vielleicht als Schlagzeile einfangen.

Die Schlagzeile zum Konzert mit Fresu, Bonaventura und Favre?

Christian Brühwiler: Mit Paolo Fresu, Daniele di Bonaventura und Pierre Favre treffen drei Ausnahmetalente aufeinander, die als Künstlerpersönlichkeiten ihre Genregrenzen längst gesprengt haben. Fresus Gespür für die archaischen Wurzeln der sardischen Volkskultur trifft auf die Präsenz und Intensität des musikalischen Augenblicks, deshalb die Schlagzeile „Musikalische Momente für die Ewigkeit“.

Die Schlagzeile zum Konzert für Alphorn und Akkordeon?

Christian Brühwiler: Hier geben Martin Roos' Alphorn und Srdjan Vukasinovics Akkordeon eine ganz andere Antwort auf die Spannung zwischen Tradition und Gegenwart. Beim Alphorn wie beim Akkordeon sind die Traditionen so stark und die Klischees so prägend, dass es umso schwieriger scheint, diese zu hinterfragen und zu durchbrechen. Die Kompositionen, die in diesem Programm zu hören sein werden, machen dies auf ganz unterschiedliche, überraschende, zum Teil amüsante, aber auch eindrückliche Weise. Da es sich hier um Blasinstrumente handelt, würde ich als Schlagzeile „Unheimliche Tradition, frischer Wind“ vorschlagen.

Und das Konzert mit mit Trovesi und Coscia?

Christian Brühwiler: Über die Musik von Gianluigi Trovesi und Gianni Coscia schrieb der Schriftsteller Umberto Eco, dass es „nichts Verführerisches gibt als Raffinesse, wenn sie die Demut hat, sich als Naivität zu maskieren.“ Hohe Musikalität, grosse Gefühle, subtiler Humor und ein Hang zur leicht clownesken Inszenierung machen das Duo Trovesi-Coscia einzigartig. Der Schlussakzent bekommt deshalb die Schlagzeile: „Italianità, Humor und Melancholie“

*Christian Brühwiler spielt und unterrichtet alte und moderne Posaune. In Romanshorn veranstaltet er seit vielen Jahren Konzerte, er schreibt gelegentlich und gestaltet Plakate und andere Drucksachen.

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