von Brigitta Hochuli, 13.02.2013
„Lesen Sie keine Kritiken!“

Brigitta Hochuli
„Lesen Sie keine Kritiken!“, sagte Leopold Huber an der Vernissage von Andrea Gersters Roman „Ganz oben“.
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„Immerzu dieses Wiederholen von Vergangenem, er hatte sein Gehirn in den letzten Wochen darauf programmiert. Erinnern und vergegenwärtigen. Wiederholen. Aus der Erinnerung holen. Ausbreiten. Wahnsinnig werden.“ Wird Rechtsmediziner Olivier Kamm wirklich wahnsinnig? Immerhin war er einmal „ganz oben“, reist um den Erdball, sitzt in verschiedenen Zellen, könnte mehr als ein Verbrechen begangen haben und probiert dauernd neue Entwürfe einer Verteidigungsrede aus.
Reden, reden um des Redens willen. Andrea Gersters neue Geschichte ist unter der spannungsvollen erzählerischen Oberfläche auch ein Buch über scheiternde Kommunikation. Reden, schreiben, Rollen spielen, stillhalten, sich in der Stille verlieren, Adjektive umkehren, schweigen, dolmetschen, schnorren, verschütten, variieren, einüben, sich etwas vorstellen, Identität obduzieren – sag endlich, was war, Kamm!
Leopold Huber schwärmt von Andrea Gersters Fähigkeit, spezielle Sprachbilder zu erschaffen, in ungewöhnlichen Winkeln scheinbar Bekanntes neu aufscheinen zu lassen. „Diese Sprache findet man nur über das Schreiben“, sagt der Regisseur. Zudem findet er die „Architektur“ von Gersters Büchern bemerkenswert. Die Form des Nebeneinanders erzeuge Bilder in uns, die wir neu zusammenzusetzen hätten. „Nichts ist didaktisch, alles ist harmonisch“, meint Huber zum früheren Roman „Schandbriefe“ und zum Theaterstück „Der Zwerg in mir“, das er uraufführen wird. Alles harmonisch? Am Ende bleibt dem Protagonisten des neuen Romans „die Fratze eines Snobs“!
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„Ganz oben“ erinnert an Kafkas „Prozess“, an Dürrenmatts „Justiz“, an Frischs „Gantenbein“. Auch Andrea Gersters Buch handelt von Schuld und Unschuld, Tätern und Opfern und Doppelmoral. An den Vorbildern muss es sich messen lassen. Aber lesen Sie, liebe Leserinnen und Leser. Und lesen Sie keine fremden Kritiken. Kritisieren und kommentieren Sie selbst! „Benutzen Sie dazu den Blog von thurgaukultur.ch“, hat Leopold Huber den zahlreichen Vernissagegästen geraten.
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Andrea Gerster las im Kulturforum Amriswil mit schöner Stimme; die ausgewählten Textpassagen suggerierten die gerade Lebenslinie eines Mannes, der von unten wieder nach oben will. Erst Goran Kovacevics wunderbare Begleitung auf dem Akkordeon deutete Abgründe an.
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Kommentar zu «„Lesen Sie keine Kritiken!“»
Leopold Huber | 17.02.2013, 20.13 Uhr
Mit “harmonisch” habe ich nicht den Inhalt von Andrea Gersters Buch beschrieben, sondern die musikalische Sprache und die Form des Erzählens, die gekonnt den Inhalt fasst.

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