10.10.2012
Von Amtfrauen und Frisierpersonen

Katrin Zürcher
Schon seit geraumer Zeit sähe die Ortsvorsteherin von Sommeri sich und ihre Geschlechtsgenossinnen im Amt lieber als Gemeindepräsidentinnen denn als Frauen Gemeindeammänner bezeichnet. Diesen Wunsch, als Motion vorgebracht, wollte der Grosse Rat erfüllen; schliesslich sind auch im Thurgau die Zeiten vorbei, in denen nur Männer Ämter versahen. Doch nun erwächst dem Ratsbeschluss so grosser Widerstand aus eigenen Reihen, dass womöglich das Volk über diese existenzielle Frage wird entscheiden müssen.
Dabei gehört dem Grossen Rat ein Kränzchen gewunden, dass er sich nicht für den aus dem Partizip Präsens gebildeten Begriff „Gemeindepräsidierende“ entschieden hat. Abwegig wäre das nicht, heisst doch etwa die Studentenzeitung der Universität Zürich „Studierendenzeitung“. Dumm nur, dass auch Studentinnen und Studenten mal eine Auszeit von den Vorlesungen und dem Büffeln brauchen – und in diesen Stunden dann keine Studierenden mehr sind.
Nicht in diese Falle getappt ist die Thurgauer Volksschule, wohl weil sie noch näher an der Grammatik dran ist als die Hochschule. Um aber ihre Krux mit den Lehrerinnen und Lehrern zu lösen, hat sie sich für die Lehrperson entschieden. Dieser Begriff ist ebenso korrekt wie blutleer. Wir können nur hoffen, dass das Beispiel keine Schule macht. Sonst müssen wir unser Brot künftig bei der Verkaufsperson holen, die Bestellung in der Beiz bei der Serviceperson aufgeben und uns die Haare von der Frisierperson kürzen lassen. Modemacher und Parfümeure beschwören zwar gern das Androgyne, doch dürften sich die meisten Menschen mit weiblichen oder männlichen Berufsbezeichnungen wohler fühlen.
Der Begriff Gemeindepräsident hätte durchaus Wohlfühlcharakter. Einzelne Thurgauer Gemeindeoberhäupter bezeichnen sich denn auch seit Längerem als Gemeindepräsidenten. Umso erstaunlicher mutet es an, dass zwei Gemeindevorsteherinnen – jene von Uttwil und jene von Uesslingen-Buch – mit Nachdruck an der althergebrachten Berufsbezeichnung festhalten wollen. Vielleicht schätzen sie es, in einem noch weitgehend patriarchal geprägten Umfeld wenigstens in ihrer Berufsbezeichnung ein Stück Männlichkeit zu führen.
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Zur PersonKatrin Zürcher Wunderlin wird künftig im Blog von thurgaukultur.ch mitschreiben. Sie ist freie Journalistin, macht Führungen in der Kartause Ittingen und lebt in Frauenfeld. |


