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von Brigitta Hochuli, 16.09.2016

Das Papier der Anderen

Das Papier der Anderen
Ausschnitt aus dem Facetten-Band von Daniela Gugg: "Das Papier der Anderen" | © tkg

Der 17. Band der Reihe Facetten der Kulturstiftung des Kantons Thurgau handelt von Papier und von Serbien. Die Künstlerin Daniela Gugg berichtet von zwei Reisen nach Belgrad. Am Spätsommerfest der Stiftung vom 20. September werden der Band und eine Videoarbeit vorgestellt.

Brigitta Hochuli


Das neue „Facetten" ist auf Šrenc gedruckt, einem Papier aus der Fabrika Hartije Beograd. Um dieses Papier, dessen Herkunft und Herstellung und um die Menschen, die davon betroffen sind, handelt der 17. Band „Das Papier der Anderen". Die Künstlerin Daniela Gugg (*1981) berichtet in Wort und Bild von zwei längeren Reisen nach Serbien, wo sie in Belgrad dem Wiederverwertungskreislauf dieses Papiers auf der Spur war und intensive Begegnungen mit Papiersammlern und Fabrikarbeitern hatte.


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Am sichtbarsten innerhalb des Entstehungsprozesses des Recyclingpapiers seien die Papiersammler in den Strassen Belgrads. Sie stammten meistens aus Familien der serbischen Minderheit der Roma, berichtet Daniela Gugg. Deren Tätigkeit führe direkt zum privaten Abfall der Städter - zum „Papier der Anderen" eben.


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In der Fabrik erlebt die Künstlerin die Produktion, die lärmenden Maschinen, den unangenehmen Geruch, die trichterförmigen Behälter, in denen wie in einem Katastrophenfilm „tief unten im wassergefüllten Schlund ein Tornado tobte, der selbst die grössten Kartonstücke verschluckte". Das sei der eigentliche Moment der Abstrahierung, wenn die früheren Nutzungen des Papiers verschwänden, „wenn die ganze Vorgeschichte des Papiers ausgelöscht" werde und etwas Neues entstehe, „das wieder bespielt werden kann".


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Zu diesem Ergebnis braucht es Lieferanten. In der südserbischen Sadt Niš begegnet Daniela Gugg dem Sammler Vlada, was sie zu einem detaillierten Exkurs in die Geschichte der serbischen und kosovarischen Roma veranlasst. Schliesslich besucht sie eine Elendssiedlung, eine sogenannte Karton City, und versucht, mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen. Ihr Report wird immer beklemmender. Sie schliesst mit einem Zitat von Boban, den sie fragt, was er sich erhofft: Schulbildung für die Kinder, Arbeit für die Männer und ein Zuhause für die Familie. Um das zu erreichen, brauche es Hilfe, die es in Serbien nicht gebe. „Du kopfst an verschiedene Türen sozialer Hilfsprogramme, die aber scheuchen dich weg. Dann lebst du weiter wie gehabt, gehst von einem Container zum nächsten, holst Papier und Pappe raus, Metall, Schuhe, Bücher. Alles, was die anderen wegwerfen."

 

Daniela Gugg

Daniela Gugg (*1981) ist in Stettfurt aufgewachsen und lebt schon viele Jahre in Deutschland. Nach einer Holzbildhauer-Ausbildung in München studierte sie in Berlin an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee und im Chelsea College of Art and Design in London. Seit 2010 ist Daniela Gugg freischaffend und beteiligt sich an Ausstellungen und Kunstprojekten im In- und Ausland.

 

- 2010 Kulturförderbeitrag des Kantons Thurgau
- 2013 Teilnahme an der ersten „Werkschau TG" im Kunstmuseum Thurgau

 

Aktualisierung am 22.9.2016

facetten#17, „Das Papier der Anderen", der Künstlerin Daniela Gugg (Benteli Verlag) und ihre neue gleichnamige Videoarbeit, die sie gemeinsam mit dem Filmemacher und Fotografen Alex Ferrate entwickelt hat, wurden am Spätsommerfest der Kulturstiftung des Kantons Thurgau am 20. September in Frauenfeld vorgestellt. Zudem wurde der Bericht 2015 der Kulturstiftung präsentiert.

Spendenaufruf

Am Sommerfest der Kulturstiftung wurde bekannt, dass der Papiersammler Boban einem Stromschlag erlegen ist. Daniela Gugg hat auf der Crowdfunding-Plattform 100-Days einen Spendenaufruf lanciert.

Mehr dazu auch auf thurgaukultur.ch: Hilfe für Bobans Familie

 

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