von Kathrin Zellweger (1948-2019), 14.04.2014
Ergötzlich, aber nicht zwackend

Thomas Götz kündigte anfangs Jahr sein neues Format als „aktuell, forsch, frech und doch wieder ganz zahm“ an. In der April-Staffel von „Ergötzliches“ wurde vor allem Erstes und Letztes eingelöst. Auf das Forsche, Freche musste man verzichten. Schade. Denn Thomas Götz hätte sowohl schauspielerisch wie auch inhaltlich das Zeug für Bissigeres. Mit Daniel Felix hat er einen versierten Filmer zur Hand, der gute Einfälle forsch und frech umsetzen kann.
Kathrin Zellweger
Der Abend steuert einem ersten Höhepunkt zu, als Götz als Schnyders Schwester Sabine auftritt. Sabine, eine gelungene neue Figur in „Ergötzliches“, auf deren Auftritte man sich auch in künftigen Staffeln freut. Sie hat sich an der Bar mit Tante Martha (Wechsler) im intimen Gespräch unter Frauen über die Erotik der Männer unterhalten. Ein verblüffend einfach, aber gekonnt verkleideter Götz brüstet sich albern kichernd, weil beschwipst, dass sie ihr Silber mit Sigolin putze, während einer in Frankreich dazu die königliche Version, will heissen Ségolène Royal, brauche. Doch in der Schweiz sei es auch nicht besser: Maurer sei bloss ein Heugabler und kein erotischer Überflieger.

Angefangen hat die Vorstellung an diesem Abend mit dem offenen Widerstand der Musiker, die einfach weggeblieben sind, mit der Renitenz des Filmers Daniel Felix, der ostentativ in einer Illustrierten blättert, und der Weigerung des Beleuchters, überhaupt einen Regler zu berühren. Das schert Götz keinen Deut: „Ich bin auf niemanden angewiesen.“ Natürlich hat Götz alles und alle, vom Filmer, über die Band und den Beleuchter, im Griff. (Als Musikband treffen diesmal die Neighbours auf, bei denen vor allem die Instrumentalisten überzeugen.) Die vorgegeben vertrackte Situation auf der Bühne schafft die Möglichkeit, dass ein neues Element eingeführt werden kann: die Webcam in der Garderobe, mit der man Götz als nicht mehr so souveräne Hauptperson des Abends genervt in die Musikschule telefonieren sieht. Spass machen vor allem die von Daniel Felix gekonnt montierten Filme, wo sich Götz als Kantonsrat Schnyder und Götz als Napoleon im selben Raum gegenüber treten.
Die traditionelle Gesangseinlage, diesmal zur Lage auf der Krim, bediente sich der Melodie KRIM-inaltango, wo sich „dunkle Gestalten und Diplomaten“ begegnen. Das soll einer Putin nachmachen, der sich über 95 Prozent Zustimmung freuen kann, wo man sich in der Schweiz mit mageren 30 Prozent begnügen muss. „Wer wünschte sich nicht, wenigstens einmal im Leben Wladimir Blocher zu sein!“ Die Situation am Schwarzen Meer ist immerhin für Ueli Maurer eine Freude: „Er sieht schon den Gripen am Himmel.“ Der Krieg darf aber auf keinen Fall vor oder nach den Bürozeiten stattfinden. Wie auch immer: Für Götz ist die Abstimmung im Mai sowieso ein Blindflug und dies erst recht, seit die CVP-Frauen den Kauf der Flugzeuge ablehnen, zum Ärger der Männer der Partei, die nach dem Motto handeln: „Liebe die Bürgerlichen wie dich selbst.“
Dann werden die Thurgauer Vertreter in Bern mit Gelächter bedacht: „Ha, Ha, Ha – Häberli, Hausammann, Herzog.“ Was sie wert seien, zeigten ja jeweils die Ratings in den Zeitungen, wo sie am äussersten linken Rand der Doppelseite noch knapp Platz fänden. Ab und an wird gelacht. Dass es bei einer wohltemperierten Heiterkeit bleibt, liegt zum Teil an den Pointen, die wenig überraschen, zum anderen auch daran, dass Götz wie ein mittelmässiger Redner seinen Text abliest, als hätte er ihn nicht selbst geschrieben.
Zurück im Thurgau: Jakob Stark sieht man in einer Einspielung mit seinem externen Berater. (Es ist im Thurgau tatsächlich ein Novum, dass sich ein Amtsträger zur Vorbereitung auf sein neues Departement persönlich und von unabhängiger Seite beraten lässt. Etwas, das Roland Eberle, wie er im eingespielten Interview sagt, nie getan hätte. Er habe sich auf seinen eigenen Verstand verlassen. Dieser externe Berater, Götz, versuchte auf jede möglich Weise, dem neuen Finanzdirektor Stark beizubringen, wie man 16 Millionen auf vier Gemeinden gerecht verteilt. Stark bleibt bei seinem (falschen) Resultat. Leidet der neue Chef im Finanzamt an Dyskalkulie, ist er stur oder – was auch zutreffen kann – ist er schlicht beratungsresistent?
A propos Regierungsräte und Prominenz: Ausser Regierungspräsident Bernhard Koch waren auch wichtige Männer des Hochbauamtes da: Stark, Friedli, Sacchetti. Peter Hinder, CEO der Thurgauer Kantonalbank, sass ebenfalls in den proppenvollen Reihen. Offenbar lässt man es sich nicht nehmen, für „Ergötzliches“ nach Weinfelden zu kommen. Eine Besucherin meint denn auch: „Solange Regierungsräte freiwillig zu diesem Anlass kommen, ist die Vorführung zu brav.“ Eine andere entgegnet versöhnlich und hoffnungsvoll: „Ich bleibe Götz trotzdem treu.“ Wahrscheinlich wird auch die nächste Staffel im Juni wieder ein ausverkauftes Haus haben. Damit diese Abende nicht zu einem Anlass von Sehen-und-gesehen-werden absinken, wünscht man sich einen – wie versprochen – frecheren und forscheren Inhalt. Thomas Götz selbst hat die Latte durch frühere Vorführungen hoch gesetzt.
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Nächste Staffel: 26. / 27. / 28. Juni, 20:15 Uhr, Theaterhaus Weinfelden
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Bericht in der "Thurgauer Zeitung"

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