Der Aargauer Beat Fehlmann hat die Südwestdeutsche Philharmonie in einer ihrer schwersten Krisen übernommen. Jetzt geht es dem Orchester so gut wie nie. Die Geschichte eines kleinen Wunders

Von Michael Lünstroth

Natürlich war das damals auch ein symbolischer Akt. Ein Zeichen des Neuanfangs. Als Beat Fehlmann im September 2013 den Job des Intendanten der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz übernahm, zog er aus dem grossen und stuckverzierten Intendantenbüro aus und in eine deutlich kleinere Kammer auf der anderen Seite des Flurs ein. Das alte Chefbüro wurde zum Gemeinschaftsbüro für einige Mitarbeiter, die bislang getrennt voneinander arbeiteten. Natürlich war das ein Zeichen, nach innen wie aussen, dass ab jetzt alles ein bisschen anders werden würde bei dem 85 Jahre alten Orchester. Aber es war auch mehr als das, es deutete an, wie dieser Mann, von dem damals noch keiner so recht wusste, ob er der Richtige sein würde für diese Aufgabe, tickt. Zwei Grundregeln stehen für ihn fest: Im Zweifel zählt das Wir vor dem Ich. Und: Pragmatismus vor Ideologie. Denn auch das ist ja richtig - die Aufgabe des Chefbüros war kein altruistischer Selbstzweck, sondern es war nüchtern betrachtet, einfach pragmatisch und für die Arbeitsabläufe sinnvoll, die Mitarbeiter gemeinsam oder zumindest näher beieinander arbeiten zu lassen.

Eigentlich ist es ein kleines Wunder, was Beat Fehlmann in den vergangenen vier Jahren in Konstanz geschafft hat. Der Schweizer hat die Südwestdeutsche Philharmonie in einer ihrer grössten finanziellen Krisen übernommen. Fast 800 000 Euro gross war das Loch zeitweise in der Orchesterkasse, sein Vor-Vorgänger hatte den Klangkörper mit künstlerischen Ambitionen und wirtschaftlichem Unverstand fast an die Wand gefahren. Das Image der Musiker in der Stadt war verheerend - das Klischee der wohlhabenden und gleichzeitig das Geld Anderer verprassenden Kulturfuzzis lebte nicht nur an Stammtischen wieder auf. Nicht wenige stellten damals die Existenz des Orchesters in Frage. „Brauchen wir das wirklich?", war eine der Fragen, die unter kommunalpolitischen Entscheidern umher geisterte. Und dann kam dieser stille Aargauer Kulturmanager - und alles wurde anders. 2015 gelang es ihm sogar einen veritablen Überschuss von mehr als 210 000 Euro zu erwirtschaften. Mit einem Klassik-Orchester! Die Abozahlen sind mit mehr als 3000 auf einem Allzeithoch. Die Stimmung in Konstanz hat sich längst gedreht. Die Philharmonie ist wahrscheinlich so fest in der Stadt verankert, wie noch nie seit ihrem Bestehen.

Der Intendant bei der Arbeit: Beat Fehlmann im Gespräch mit seinen Musikern vor einer Probe.Der Intendant bei der Arbeit: Beat Fehlmann im Gespräch mit seinen Musikern vor einer Probe. Bild: Ilja Mess/Theater HTWG

Wer wissen will, wie aus dem talentierten Musiker einer der aktuell vielleicht besten Kulturmanager des Landes wurde, muss ein bisschen in die Vergangenheit reisen. Beat Fehlmann, heute 42 Jahre alt, wächst in einem kleinen 1500-Seelennest im Aargau auf. Seine Eltern sind keine besonderen Klassik-Fans, aber es gibt Platten mit Orchesteraufnahmen. Der kleine Beat ist fünf Jahre alt, als er das erste Mal eine dieser Scheiben hört. Es sollte sein Leben verändern: „Mich hat das fasziniert. Dieser pompöse Klang, diese Vielstimmigkeit. Alles war irgendwie rätselhaft und nicht so leicht durchschaubar", sagt Fehlmann heute. Später hört er auch Popmusik. Nena, Abba, so was. Er findet das nett, aber es klingt für ihn irgendwie hohl. Fehlmann spielt ab dem Alter von elf Jahren in der heimischen Blasmusik-Kapelle Klarinette. Das aber auch nur, weil es im Ort niemanden gibt, der Oboe unterrichtet. Sein eigentliches Lieblingsinstrument. Dann eben Klarinette, denkt er sich. Fehlmann registriert schnell, dass er ein Talent dafür hat, es fällt ihm leicht, Töne zu produzieren. Der Weg scheint vorgezeichnet.

Die Abkehr von der eigenen Musik war eine rationale Entscheidung

Erst im Musikstudium merkt er, dass er vielleicht doch nicht gut genug ist für eine Solo-Karriere. Zu dem Zeitpunkt hat er schon selbst eigene Reihen und Veranstaltungen organisiert. „Ich hatte das Gefühl, mich entscheiden zu müssen - zwischen dem Musiker-Weg und dem Intendanten-Weg - um den nächsten Schritt zu machen", erinnert sich der 42-Jährige. Ob ihm der Abschied von der Kunst schwer gefallen ist? Fehlmann überlegt kurz und sagt dann: „Nein, eigentlich nicht. Es war eine logische Entscheidung. Für mich war diese Entwicklung sogar eher befreiend. Ich wusste jetzt, ich würde etwas machen, was mit mir zu tun hat, was ich spannend finde und was ich selbst beeinflussen kann." Eine Konsequenz dieser Entscheidung: Fehlmann schreibt sich an der Universität Zürich ein und legt seinen „Executive Master in Arts Administration" ab. Das Praxis-Grundwerkzeug lernte er anschliessend bei der Kammerphilharmonie Graubünden. Es folgte ein Kurzgastspiel bei Justus Frantz'Philharmonie der Nationen in Hamburg. Nach nicht mal ein Jahr schmeisst er dort hin. Nicht nur, aber wohl auch wegen der Unberechenbarkeit von Frantz. Und weil er dort weniger gestalten und verändern konnte, als er wollte. Also packte er seine Sachen und zog weiter - nach Konstanz zur damals sehr schlingernden Südwestdeutschen Philharmonie.

Vielleicht ist das eine der grössten Stärken von Beat Fehlmann: Diese nüchtern-analytische Art, Prozess zu durchdenken. Oder anders gesagt: Dass er sich klare, wohlüberlegte Gedanken zu einem Thema machen und die Ergebnisse dann auch schnörkellos umsetzen kann. Mit allen Konsequenzen. Und ohne Sentimentalitäten. So handelt er noch heute, so hat er die Philharmonie wieder auf Kurs gebracht. Sein Stil war für Gesprächspartner (inklusive Journalisten) am Anfang ungewohnt. Da war plötzlich einer, der nicht nur möglichst wohlklingende Worte absondern wollte, sondern jemand, der wirklich zuhörte. Und jemand, der sich auch die Freiheit nahm, über Fragen, die ihm gestellt wurden ernsthaft nachzudenken ohne Angst davor, dass womöglich peinliche Gesprächspausen entstehen könnten.

Die üblichen Intendanten-Prahlereien? Nicht sein Stil

Will man dem Erfolgsgeheimnis des Schweizers auf die Spur kommen, sollte man auch mit Menschen reden, die schon mit Beat Fehlmann gearbeitet haben. Felix Strasser zum Beispiel. Strasser ist Theaterpädagoge und leitet das Studententheater der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung. Die beiden haben schon mehrere Projekte miteinander umgesetzt. Zuletzt sorgten sie mit einer Shakespeare-Adaption in der Bodensee-Therme für Furore. Fragt man Strasser nach den Stärken von Fehlmann, dann weiss er gar nicht wo anfangen: „Er ist sehr schnell im Kopf, mutig, pragmatisch, unheimlich gründlich und sehr offen für neue Ideen", erzählt der Theatermacher. Was ihn zudem beeindruckt hat: „Auf die üblichen Intendanten-Prahlereien und politischen Ränkespiele hat er gar keine Lust, das interessiert ihn nicht. Beat geht es immer um die Sache", ist Strasser überzeugt. Dass sich der Philharmonie-Intendant für seine interdisziplinären Projekte ein Studententheater aussuchte, überrascht nur im ersten Moment. Auch das folgte einem klaren Ziel.

Junge Menschen gehen jetzt auch mal in die Philharmonie - ein Erfolg von Beat FehlmannJunge Menschen gehen jetzt auch mal in die Philharmonie - ein Erfolg von Beat Fehlmann. Bild: Südwestdeutsche Philharmonie

Denn: Wenn ein Orchester-Intendant an das Publikum von morgen will, dann hilft ihm, sagen wir mal, ein Stadttheater mit ähnlichem Zuschauer-Altersschnitt wie die Philharmonie ihn hat, nicht wirklich. Da ist er wieder, der Fehlmannsche Pragmatismus. Für Strasser schön zu beobachten war zudem: „Es ist immer eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Er hat da überhaupt keinen Standesdünkel nach dem Motto, dass wir kleines Studententheater froh sein dürfen mit einem Profi-Orchester auf der Bühne zu stehen. So tickt er einfach nicht." Die Erfolge der vergangenen Jahre hätten daran auch nichts geändert. „Natürlich ist er durch all das viel selbstbewusster geworden, aber er ist immer er selbst geblieben", findet Strasser, der auch sagt, dass sie über die Projekte längst Freunde geworden seien.

Vielleicht ist das die grösste Leistung: Die Philharmonie ist jetzt cool

Tatsächlich ist die von Felix Strasser angesprochene grundsätzliche Offenheit für alles Neue ein wesentlicher Inhaltsstoff des Erfolgsrezeptes. „Wir müssen auch dahin gehen, wo man uns nicht erwartet. Wir müssen dahin gehen, wo die Menschen sind und sie davon überzeugen, dass so ein Orchester mehr ist als ein elitäres Vergnügen für die Wohlhabenden", sagt Fehlmann. Das ist so gut gelungen, dass sich das Orchester mittlerweile einen ganz eigenen Coolness-Ruf erspielt hat. Und das nicht nur, weil die Philharmonie seit Fehlmann auch mal mit Popgrössen wie Peter Fox, Max Herre und Joy Denalane auftritt. Tatsächlich hat der Intendant immer wieder alte Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt und seine Musiker neu heraus gefordert.

Das Orchester ist inzwischen auch sehr aktiv in den Sozialen Medien

Sei es mit dem Projekt in der Bodensee-Therme, mit einem Gastspiel auf dem Konstanzer Oktoberfest oder wie zuletzt als er seine Musiker eine neue Hymne für die Konstanzer Handballmannschaft HSG einspielen liess. Grenzen einreissen, Brücken bauen, Erwartungen konterkarieren, vermeintliche Gewissheiten durchbrechen; das ist der Fehlmann-Stil. Auch deshalb hat er seinen Ruf als Mr. Crossover. Und in der Form geht es weiter: Im Juni tritt die Südwestdeutsche Philharmonie gemeinsam mit dem DJ-Team Moonbootica beim Campusfestival in Konstanz auf. „Ich freue mich sehr darauf, das wird eine inspirierende Erfahrung", ist der Intendant überzeugt. Mit dieser Offenheit ist es ihm gelungen, dem Orchester nicht nur ein neues Publikum zu erschliessen, sondern ihm auch ein ganz neues Image zu geben. Sollte es irgendwann in Konstanz doch nochmal eine Diskussion um den Bau eines Konzerthauses geben, könnte das von Vorteil sein.

Alles ist kalkuliert, nichts geschieht aus Zufall

Beat Fehlmann ist sich dessen bewusst und arbeitet wohl auch deshalb sehr kontinuierlich an der Verankerung des Klangkörpers in der Stadt. Aus seinen Wünschen macht er auch keinen Hehl: „Es wäre der Stadt und dem Orchester zu wünschen, dass es irgendwann mal einen angemessenen Konzertsaal gibt. Aktuell beschränkt uns die räumliche Situation in unserer künstlerischen Entwicklung. Mit einem guten Saal könnte das Orchester weiter wachsen und in seine volle Stahlkraft kommen."

Die Politik hat er mit seinem offenen Stil längst erobert. Während andere grosse Reden im Gemeinderat schwingen und eher ungern Kennzahlen ihres Betriebes herausgeben, gewinnt Fehlmann mit ungewöhnlicher Transparenz. Gemeinsam mit seinem Marketing-Chef Rouven Schöll hat er unter anderem ein Controlling-Tool entwickelt, das den Betrieb des Orchesters sehr gründlich auf Schwachstellen durchleuchtet und frühzeitig auf Probleme hinweist. Er wolle es den gewählten Vertretern im Gremium eben so einfach wie möglich machen, den komplexen Prozess in so einem Betrieb zu verstehen, sagt der Intendant dazu. Und: „Nur wer gute Informationen hat, kann auch gute Entscheidungen treffen", ist Fehlmann überzeugt.

Auch wenn diese ungewöhnliche Offenheit auf den ersten Blick verwundert: Der Intendant weiss ziemlich genau, was er da tut. Seine Handlungen sind wohl kalkuliert. Nichts geschieht zufällig, vielmehr ist Fehlmanns Leben eher ein Kampf gegen den Zufall. Dieses klare Denken, gezielt auf den nachhaltigen Erfolg seines Orchesters, ist wahrscheinlich seine grösste Stärke. Der Intendant, Dirigent, Klarinettist und Komponist, für sein Werk „mosaique" erhielt er den Komponistenpreis des Göttinger Symphonie Orchesters, ist aber nicht nur der nüchterne Zahlenmensch. Menschen, die ihn privat kennen, erzählen, dass er durchaus an weltlichen Genüssen interessiert sei. Gutes Essen, guter Wein, so was. Und wer mit ihm mal einen Abend verbracht hat, der erlebt sehr schnell, dass er nicht nur Kopfmensch, sondern auch Bauchmensch ist. Trifft man ihn zum ersten Mal, glaubt man es nicht, aber der 42-Jährige kann sehr unterhaltsam und humorvoll sein.

Die Zukunftsfrage? Fehlmann hat Zeit, sein Marktwert ist gestiegen

Fragt man ihn, ob er in seinen Konstanzer Jahren mit all den Schwierigkeiten und Fallstricken mal dachte „Mein Gott, was habe ich mir da angetan", sagt er klar „Nein". „Für mich war von Vorteil, dass ich mich weder gegen alte Strukturen noch gegenüber einem erfolgreichen Vorgänger behaupten musste. Allen war klar, dass sich etwas wird ändern müssen. Das hat es mir einfacher gemacht". Was die Zukunft bringt, wie lange er noch in Konstanz bleiben wird, dazu äussert sich Beat Fehlmann nur vage. Ihm ist natürlich bewusst, dass sein Marktwert in der Branche in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen ist. Erfolg weckt Begehrlichkeiten. An ganz verschiedenen Orten. Trotzdem bleibt der Intendant entspannt. Sein Vertrag bei der Südwestdeutschen Philharmonie läuft noch bis 2018. Und dann? „Ich fühle mich sehr wohl hier, geniesse die schöne Aufgabe mit einem tollen Team", sagt er. Um dann einen Satz anzuschliessen, der in Konstanz für akute Verlustängste sorgen könnte: „Ich habe natürlich auch Lust auf Anderes, aber man wird sehen", so Fehlmann.

Videos:

Auftritt der Südwestdeutschen Philharmonie mit Max Herre, Joy Denalane und Peter Fox in der Bodensee-Arena Kreuzlingen


Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie und ihr Instrument