28.03.2012
„Fremd bin ich eingezogen...“

Schuberts Winterreise begleitet das Stück „Hereinspaziert“ des Freien Theaters Thurgau. Premiere ist am Donnerstag, 12. April, im Projektlokal Kultur im Shop, Kreuzlingen.
Brigitta Hochuli
„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus. (...) Was soll ich länger weilen, dass man mich trieb hinaus?“. Markus Keller erhebt sich vom knallrot gestrichenen Tisch und singt dieses untröstlich traurige erste Lied von Schuberts Winterreise. Es ist Probe im ehemaligen Schiesser-Schnäppchenladen, in dem es zurzeit nicht um Konsum, sondern um Kultur geht.
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Peter Höners Stück „Hereinspaziert“ bezieht sich ganz auf die Situation in Kreuzlingen: Mehr als die Hälfte der Bewohner sind hier Ausländer, im Empfangszentrum des Bundes kommen täglich Asybewerber an. Das prägt die Stadt. Und so spielen im Theater auch Laien mit Migrationshintergrund. In einer improvisierten Küche rühren sie in ihren heimischen Gerichten und erzählen, wie es ihnen ergangen ist in der Schweiz: Avni Avdyll, Harald Gessner, Pilar Perez Guerara, Mara Macedo, Teresa Papa und Ana Tomàs. „Sie spielen stark“, sagt Regisseur Jean Grädel. „Man muss sie manchmal etwas bremsen.“
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Der Küche vorgelagert agieren am Nachmittag unseres Probenbesuchs auf einem separaten Podest die professionellen Schauspieler Katharina Alder, Annette Kuhn, Markus Keller und Uwe Schuran. Sie befragen Asylbewerber, weisen sie zur Mitarbeit an. Oder sie schlüpfen selber in deren Haut, spielen die Rollen von Renitenten, erinnern an ihre traumatische Erlebnisse.
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„Das wird spannend werden“, denkt man. Ob es auch perfekt wird? Jean Grädel will von seinen Spielern wissen, wie die Übergänge zwischen den vielen Einzel-Szenen am besten zu schaffen sind. Sie werden immer und immer wieder ausprobiert. Nichts darf hier holprig wirken, der Raum ist eng für eine Theateraufführung. Zudem erweist sich das Stück von Peter Höner nicht als eingängiger Wurf. Es ist sehr vielschichtig angelegt, beim Lesen fallen ein paar zu Klischees verfestigte Sichten auf Ausländer auf. Dagegen gilt es anzuspielen.
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„Jeder Abend wird anders werden“, sagt Regisseur Jean Grädel. Auf der einen Bühnenebene agieren die Schauspieler unter anderem als Stichwortgeber. „Sie spielen die Geschichten der Laien an.“ Auf der Ebene der improvisierten Küche herrsche das Chaos. Den Laien komme jeden Abend etwas Neues in den Sinn. Es handle sich hier nicht um die Dramaturgie eines Theaterstücks. „Es sind Flashs auf Asylanten- und Migrationsgeschichten.“
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