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von Brigitta Hochuli, 25.01.2013

Roxy vor dem Start

Roxy vor dem Start
Marlis Cunningham und Andrea Röst (v.l.) vor dem Schaufenster des „Roxy“. Im Innern des künftigen Romanshorner Kinos ist ein Zwischenboden eingezogen worden. Freiwillige renovieren hier, was das Zeug hält. | © Brigitta Hochuli

Im Romanshorn wird hart an der Kino-Zukunft gearbeitet. Sie ist nicht nur digital, sondern findet auch in einem neuen Ambiente statt.

Brigitta Hochuli

Noch ist das künftige „Roxy“ eine Baustelle. Mitglieder des Vereins Feines Kino haben im ehemaligen Kino Modern eine Zwischenbühne eingezogen; von hier aus werden die Wände frisch bemalt. Freigelegte Farbflecken deuten eine gräuliches Blau und ein Altrosa an. Die neue Farbe ist aber noch geheim. Auch was auf der Empore geplant ist, darf noch nicht verraten werden...

Pionier Albert Jäggin

Dass das Projekt längst Fahrt aufgenommen hat, spürt man schon bei der Begrüssung. Vereinspräsidentin Andrea Röst und Kassierin Marlis Cunningham strahlen nämlich um die Wette. Andrea Röst erzählt, was sie recherchiert hat: Das Kino an der Salmsacherstrasse 1 gab es schon 1920! Damals hiess es Orpheum. 1960 wurde es mit einem Anbau in den heutigen Zustand gebracht. Die Präsidentin kennt die Geschichte gut, die mit dem Kinopionier Albert Jäggin-Oppold und seinem „Ersten ständ. Kinematograph ,Fata-Morgana‘„ in Basel begonnen hat. Jäggin kam später in den Thurgau und eröffnete in Kreuzlingen und Arbon mehrere Kinos, bevor er in Romanshorn eine Kinotradition begründete, die bis heute anhält. Seine Schwiegertochter Olga Jäggin hörte ihrem Mann Rudolf jeweils begeistert zu, wenn er die Stummfilme eigenhändig auf dem Klavier begleitete. Dabei lässt Andrea Röst nicht unerwähnt, dass auch der Verein Feines Kino im letzten Jahr eine Live-Vertonung angeboten hat.

Es begann mit einem Gutschein

Der Leistungsausweis des Vereins kann sich überhaupt sehen lassen. Seit Gründung im Jahr 2011 organisiert Andrea Röst zusammen mit den Mitgliedern acht Studiofilme pro Jahr. Kassierin Marlis Cunningham attestiert ihr ein inzwischen grosses Fachwissen. Das musste sich die Präsidentin aber erst einmal aneignen. Denn das Interesse entsprang vor 13 Jahren eher dem Zufall. Und einem Kinogutschein. Bei Rita Coradazzi, die im Kino seit 1986 tätig und später Mieterin war, durfte man zudem Filme wünschen. Andrea Rösts erster Wunsch war Lars von Triers „Dancer in the Dark“. Zur Vorstellung trommelte sie 60 Kinofreunde zusammen und half fortan bei der Programmation. Es entstand 2001 die Interessengemeinschaft für die Filmkultur in Romanshorn, die „IG für Feines Kino“. „Das war eine wichtige Pionierzeit“, erinnert sich Marlis Cunningham. „Wir wurden damals von allen Familienmitgliedern unterstützt, inzwischen sind wir ein verschworener Haufen von Freunden geworden.“

Neue Strukturen nötig

Alles ging gut, bis 2011 für „The rising sun“ des Romanshorners Fabian Kimoto eine digitale Anlage gemietet werden musste. Das und die schon früher eingeleitete Entwicklung hin zur digitalen Projektionstechnik habe grundsätzlich nach einer neuen Struktur gerufen, sagt Andrea Röst. Doch hier begannen dann die Schwierigkeiten; Rita Coradazzi und ihr Helfer Nedaim Bilali wollten keine Erneuerung, während die politische Gemeinde Romanshorn als Eigentümerin der Liegenschaft auf die Digitalisierung und eine Trägerschaft pochte. In der Folge bot der Verein seine Filme in der Kantonsschule an. Andrea Röst und Marlis Cunningham wollen auf den Streit nicht mehr eingehen, schliesslich ist er Grund dafür, dass sich die ursprünglich auf 19. Januar geplante Eröffnung um ein paar Wochen verzögert. Zuletzt hatte Bilali die Kinostühle aus dem Saal entfernt. Auf den bereits gekauften Ersatz wartet man noch.

180‘000 Franken für Projektion und Ton

Seit Dezember 2012 ist der Verein mit seinen 180 Mitgliedern allein für das Kino verantwortlich. Die Anlage für die Digitalisierung liegt in Zürich bereit zum Abholen. 40‘000 Franken hat die Thurgauer Regierung aus dem kantonalen Lotteriefonds dafür bewilligt. 50‘000 Franken trägt die Gemeinde Romanshorn zur Anschaffung bei. Das Projektionsgerät und die neue Tonanlage kosten zusammen 180‘000 Franken. Um die ganze Summe bezahlen zu können, betreibt der Verein aktives Fundraising.

Dass im Kinosaal gearbeitet wird, sieht man an allen Ecken und Enden. In dicken Bündeln sind neue 25 Meter lange Kabel hinter die Wände gezogen worden, es wird eine neue Lüftung gebaut. Geleistet werden die vielen Stunden freiwillig von Vereinsmitgliedern und kinofreundlichen Handwerkern. Ist einmal alles getan, soll das „Roxy“ anfänglich mindestens viermal pro Woche geöffnet sein. Die Filme werden in Originalversion gezeigt; bewusst soll neben internationalen Beiträgen der Schweizer Film gepflegt werden; Themenreihen mit Reprisen und Klassikern stehen ebenso auf dem Programm wie Sonderanlässe mit Regisseuren oder Schauspielern.

„Länger Leben“

Zahlreiche Prominente aus der Region und aus Politik, Kultur und Wirtschaft unterstützen den Verein Feines Kino ideell. So wünscht etwa der Kabarettist Lorenz Keiser gleichlautend wie seine erste Filmkomödie, das Kino in Romanshorn solle „Länger Leben“. - Und Markus Landert, Direktor der Ittinger Museen meint auf Anfrage, bei diesem Kinoprojekt sei es besonders wichtig, dass "diese engagierte Truppe spürt, dass ihr Einsatz gesehen und geschätzt wird". Er ist überzeugt, das 'eigene' Kino im Thurgau leiste einen wichtigen Beitrag zur Identitäsbildung der Region. - Filme seien schöner als Apps. Eine Leinwand sei eindrücklicher als ein Monitor. Darum müsse die Vielfalt der Medien erhalten bleiben, meint Alex Bänninger, der in der UBS Kulturstiftung verantwortlich ist für die Filmförderung und früher Chef der Sektion Film im Eidgenössischen Departement des Innern war. Gabi Badertscher schliesslich, die ehemalige FDP-Kantonsrätin aus Uttwil, gibt quasi das Motto vor: „Ein Landkino passt sehr gut in unsere Region - klein aber fein!“

***

Der Vorstand des Vereins feines Kino

Andrea Röst, Präsidentin
Clara Mathis, Aktuarin
Marlis Cunningham, Kassierin
Marianne Ringli, für die Freiwilligen zuständig
Pau von Hoef, Chef Infrastruktur

 

www.feineskino.ch

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Kommt vor in diesen Interessen

  • Spielfilm

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