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von Brigitta Hochuli, 02.07.2013

„Die Kulturstiftung ist politisch eine Meisterleistung“

„Die Kulturstiftung ist politisch eine Meisterleistung“
Die Unabhängigkeit der Kulturstiftung des Kantons Thurgau sei politisch eine Meisterleistung, sagt Stefan Keller, der nach 12 Jahren aus dem Stiftungsrat zurückgetreten ist. | © Caroline Minjolle

Stefan Keller, geboren 1958 in Birwinken TG, Germanist, Historiker, Autor und literarischer Programmleiter, ist nach 12 Jahren statutengemäss als Mitglied der Kulturstiftung des Kantons Thurgau zurückgetreten. Er ist klüger geworden.

Interview: Brigitta Hochuli

Herr Keller, als Sie im Jahr 2001 vom Regierungsrat in den Stiftungsrat gewählt wurden, waren Sie da als links-kritischer Geist gegenüber dem Thurgau als Kulturplattform skeptisch?

Stefan Keller: Ja, natürlich. Allerdings passierte die erste Überraschung schon früher. Die Kulturstiftung hatte 1998 ein kritisches Buchprojekt von mir - «Die Zeit der Fabriken» über das rote Arbon und seine Arbeiter - umstandslos mit einem Werkjahr gefördert.

Die Auseinandersetzungen im Stiftungsrat seien dann intensiv gewesen, schreiben Sie auf Facebook. Sie hätten Ihr Verhältnis zum Thurgau ziemlich stark verändert. Inwiefern?

Stefan Keller: Intensiv im intellektuellen Sinn. Man sitzt mit Leuten zusammen, deren politische Positionen man sonst vielleicht gar nicht teilt und hat ein gemeinsames, wichtiges Anliegen. Man strengt sich gemeinsam an für die Kunst und wird klüger dabei. Ich jedenfalls habe viel gelernt: auch über demokratische Kultur.

Ihr Fazit für die künftige persönliche Kulturarbeit im Thurgau?

Stefan Keller: Als Thurgauer, der sich in Zürich, in Oberschwaben oder im Jura ebenfalls recht wohl fühlt, bin ich mit der Arbeit für die Kulturstiftung und jetzt für das Bodmanhaus sozusagen zurückgekommen. Ich habe auch zwei Buchprojekte im Thurgau, die mich die nächsten Jahre beschäftigen werden.

A propos Buchprojekt. Wann hören wir Konkretes von der „Schweinezüchterin“, die 2010 als Werk über ihre Grossmutter von der Kulturstiftung unterstützt wurde?

Stefan Keller: Das Romanprojekt heisst inzwischen «Frau Vorsteher», es handelt aber nicht direkt von meiner Grossmutter, sondern von einer Frau, die ihr ähnlich ist. Ich hatte Probleme beim Schreiben, aber irgendwann wird das Buch fertig werden, da bin ich sicher.

Ein Wort zur Kulturstiftung selber. Nachdem Claudia Rüegg 2010 Präsidentin geworden war, begann sich der Stiftungsrat gegen aussen zu öffnen. Zum Beispiel mit einer Serie von Debatten oder nächsten Herbst mit der werkschau tg 2013. Hat es während Ihrer zwölfjährigen Mitgliedschaft weitere sichtbare und grundsätzliche Veränderungen in der Stiftungstätigkeit gegeben?

Stefan Keller: Etwa ein Jahr vor Claudia Rüeggs Antritt ist Klaus Hersche zum Beauftragten gewählt worden. Auch das war eine Veränderung. Eigentliche Kurswechsel hat es aber nicht gegeben - kleine Veränderungen gibt es zum Glück ständig.

Der Stiftungsrat berät über unzählige Künstlergesuche - was fällt da über 12 Jahre gesehen positiv oder negativ auf?

Stefan Keller: Positiv fällt auf, wie viele interessante Kulturschaffende es gibt, die aus dem Thurgau stammen, sich im Thurgau oder mit dem Thurgau auseinandersetzen. Negativ fällt auf, wie viele Kulturmanagerinnen und Kulturmanager es gibt, die Gesuche in einer Sprache schreiben, dass es mich graust.

Gibt es unter den interessanten Kulturschaffenden aus dem Thurgau auch ein Beispiel für eine nachhaltige künstlerische Entdeckung?

Stefan Keller: Persönlich habe ich viel entdeckt. Die Stiftung aber hat meines Erachtens nicht die Aufgabe, Leute zu entdecken. Sie soll jene fördern, die sich bemerkbar machen und gut sind.

Eine Frage, die der Kulturstiftung immer wieder gestellt wird, ist jene nach den Doppelrollen der Mitglieder als Stiftungsräte und Beitragsbezüger. Sie selber sind etwa Programmleiter des von der Stiftung unterstützten Bodmanhauses oder haben wie erwähnt den Werkbeitrag für das Projekt „Die Schweinerzüchterin“ bekommen. Was entgegnen Sie Kritikern?

Stefan Keller: Entweder hat man Kulturschaffende im Stiftungsrat, dann kann man ihnen auch nicht verbieten, weiter zu arbeiten und also selber gelegentlich einen Antrag zu stellen. Oder man hat keine Kulturschaffenden im Stiftungsrat, was dessen Geist vollständig verändern würde. Das Verfahren bei Anträgen von Stiftungsratsmitgliedern ist sauber und streng geregelt. Es wäre in meinem Fall ohne weiteres auch eine Ablehnung möglich gewesen. Ich weiss nicht, wer für mein Projekt gestimmt hat und wer vielleicht dagegen, ich weiss auch nicht, was in den zwei externen Gutachten stand und wer sie geschrieben hat. Ich war nicht dabei, habe kein Protokoll erhalten. Als Programmleiter im Bodmanhaus bin ich übrigens dem Kulturamt verpflichtet, nicht der Kulturstiftung.

Die Thurgauer Kombination von kantonaler Breitenförderung und Eliteförderung durch die Stiftung wird immer wieder als vorbildlich bezeichnet. Sehen Sie das auch so oder gibt es allenfalls offene Wünsche?

Stefan Keller: Eliteförderung passt mir als Begriff nicht, weil er die anderen herabsetzt und nicht stimmt. Die Kulturstiftung fördert zeitgenössische und innovative Künstlerinnen und Künstler. Das Kulturamt fördert stärker die Infrastruktur, die Konservierung, die Institutionen, die Traditionen, aber auch den Film. Die Aufteilung auf zwei Kulturförderstellen ist sicher gut, und die Unabhängigkeit der Kulturstiftung ist politisch eine Meisterleistung.

***

Nachfolgerin von Stefan Keller im Stiftungsrat der Kulturstiftung des Kantons Thurgau ist Irina Ungureanu.

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Literatur
  • Kulturpolitik

Kommt vor in diesen Interessen

  • Interview
  • Porträt

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