Seite vorlesen

von Christian Brühwiler, 01.09.2013

Chapiteau statt Konzertsaal

Chapiteau statt Konzertsaal
Mammern classics 2013: Vor dem riesigen Notenschlüssel, der über den besten Plätzen schwebt, braucht sich niemand zu fürchten, weil ihm die Leichtigkeit des Styropors von weitem anzusehen ist. | © Christian Brühwiler

Mammern Classics: Ein Konzertbesuch am Freitag, 30. August 2013. Sympathische Volksnähe, sehr hohe Erwartungen und einige Defizite.

Christian Brühwiler

Chapiteau statt Konzertsaal, Dirigenten statt Dompteure und zirzenisch-akrobatische Darbietungen für einmal nicht von Jongleuren und Zauberern, sondern von Musikern, von professionellen Musikern eines Spitzenorchesters. Das Festivalgelände von „Mammern Classics“ hat durchaus Charme, der improvisierte Brunnen neben dem VIP-Zelt wird wohl dem Feng Shui des Anlasses gut bekommen, und vor dem riesigen Notenschlüssel, der über den besten Plätzen schwebt, braucht sich niemand zu fürchten, weil ihm die Leichtigkeit des Styropors von weitem anzusehen ist. Sympathisch volksnah und niederschwellig soll es zu und her gehen, in gehobener Festzeltambiance, warum eigentlich nicht?

Hohe Erwartungen geschürt

Intendant David Lang lässt keine Gelegenheit aus, den internationalen Charakter der „Mammern Classics“ zu betonen. Das Sinfonieorchester der Philharmonie aus der ukrainischen Industriestadt Lugansk sei, so hiess es im Vorfeld, in seiner Heimatstadt eine „ganz grosse Nummer“, ihm sei, was immer dies auch heissen mag, 2006 sogar der akademische Status verliehen worden. Unabhängige Informationen übers Orchester sind allerdings nur spärlich zu finden. Seltsam mutet es an, dass die offizielle Website nur in kyrillischer Schrift zu lesen ist. Noch seltsamer ist jedoch der Umstand, dass die Aktivitäten offenbar nur bis 2006 nachgeführt sind. Mit dem Erhalt des akademischen Titels scheint das Orchester in einen Dornröschenschlaf versunken oder das Geld für den Unterhalt der offiziellen Website ausgegangen zu sein. Links auf Google und auf der offiziellen Website führen nicht weit, nur nach Österreich zum Dirigenten Kurt Schmid, der wie der Meisterdirigent Liutauras Balciunas im schweizerischen Baden Dirigierkurse anbietet.

Konventionelles, stimmiges Programm

Die Erwartungen ans Konzert vom Freitag, den 30. August waren dementsprechend hoch. Das klassisch-romantische Programm mit Ludwig van Beethovens Eleonoren-Ouvertüre Nr.3, op. 72b, dem Beethoven-Violinkonzert op. 61 und Johannes Brahms Sinfonie Nr. 2, op. 73 ist zwar konventionell, aber durchaus anspruchsvoll und in sich stimmig. Das Chapiteau war ansprechend besetzt, wohl gut zur Hälfte mit geladenen Gästen der TKB, die vorher beim Apéro riche im VIP-Zelt Hunger und Durst stillen durften.

Exzellente Solistin

Unüblich für klassische Konzerte führte David Lang als Moderator erst durch die lange Sponsorenliste und anschliessend mit kurzen Einführungen zu den Kompositionen durchs Konzert. Leider offenbarten schon die ersten Takte der Leonoren-Ouverture die Probleme und Mängel, die die ganze Veranstaltung prägen sollten. Dabei soll es nicht darum gehen, die Leistung des engagierten Dirigenten Christian Knüsel und des Orchesters, das sich beflissen und willig zeigte, schlechtzureden. Es gab durchaus Beeindruckendes zu erleben. Lichtblick und Ohrenschmaus war die Geigenvirtuosin Bogdana Pivnenko, die ihren Solopart in Beethovens Violinkonzert souverän und brillant meisterte. Anders als der Geiger Franz Clement, für den Beethoven das Konzert ursprünglich schrieb, brillierte sie nicht mit Showeinlagen. Doch die mit technischen Schwierigkeiten gespickten Solokadenzen waren auch so spektakulär genug und dem Genius loci entsprechend durchaus zirkusreif. Es geht in der Folge vor allem darum, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität anzusprechen.

Grauenhafte Akustik

Leider ist die Zeltakustik nicht gemacht für klassische Konzerte. Das Klangbild wirkt sehr trocken, trotzdem fehlt ihm die Transparenz. Spielt das Orchester laut, tönt es breiig und undifferenziert, spielt es leise, trägt es nicht. Mittlere Frequenzen werden betont, kernige, tragende Bässe sind überhaupt nie zu hören. Die Holzbläser und die Violinen wirken sehr präsent, das Blech erstaunlicherweise nicht. Die Zeltarchitektur lässt zudem keine Räumlichkeit entstehen. Der Klang wirkt platt, flächig, Klänge schweben nicht und bleiben vorne an der Bühne kleben, es wirkt so, als könnten die Töne nicht fliegen, sie scheinen vom Instrument direkt auf den Boden zu plumpsen.

Verstaubtes Provinzorchester

Das akademische Orchester der Philharmonie Lugansk spielt zwar solide, aber altmodisch. Wie bei manchen anderen Orchestern aus dem ehemaligen Ostblock hat man den Eindruck, dass die Entwicklung der letzten Jahrzehnte fast spurlos an ihnen vorbeigegangen ist. Grundsätzlich wird mit relativ viel Druck, Vibrato und Spannung gespielt, dies mag grosses emotionales Engagement suggerieren, ist jedoch auf Dauer einfach ermüdend. Am besten wirken Passagen, in denen die Violinen grosse Bögen mit viel Emphase aussingen. Sublimere, leichter gespielte Passagen sind selten, und tänzerische, federnde Elemente sind Fehlanzeige.

Heute wird in wesentlichen Punkten anders gespielt. Aktuelle Orchesterkultur strebt in jeder einzelnen Stimme eine viel grössere Binnendifferenzierung an. Phrasen werden prägnanter gestaltet, Akzente deutlicher gesetzt, Töne grundsätzlich stärker entlastet. Dies führt zu einem viel plastischeren Spiel, Musik wird durchhörbarer und mehrdimensionaler.

Wie schon erwähnt, fehlt dem Orchesterklang die Energie, die von der Tiefe, von den Bässen und den Celli ausgehen sollte. Dafür ist zum Teil die Akustik verantwortlich, aber nicht nur. Das Orchester ist mit zwei Kontrabässen wohl zu schwach besetzt, und als Hörer gewinnt man den Eindruck, dass sich viele Musiker nicht gewohnt sind, mit Eigeninitiative zu agieren. Da wird brav und gehorsam dem Dirigenten gefolgt, der mit grossen und beschwörenden Gesten das Energiebündel mimt. Leider ist das Orchester an den verschiedenen Pulten auch qualitativ sehr heterogen besetzt. Wenig ausgewogen ist beispielsweise der wichtige Holzbläsersatz. Klanglich und auch dynamisch fällt besonders die quäkende erste Oboe ab und heraus.

Problematisches Suggerieren

Dem Publikum gefiel es trotzdem, und an sich ist es ja eine gute Sache, wenn sich neues und weniger kundiges Publikum angesprochen fühlt. Viele Besucher haben beschränkte Vergleichsmöglichkeiten und stehen einem Anlass grundsätzlich positiv gegenüber. Diesem Publikum zu suggerieren, dass es hier Musik auf höchstem Niveau zu hören bekommt, von Radio und Fernsehen gefragte Stars, begleitet von einem international renommierten Orchester, ist jedoch sehr problematisch. Jede grössere Schweizer Stadt, auch Konstanz über der Grenze, unterhält ein teures professionelles Orchester, das auf deutlich besserem Niveau spielt.

Fragwürdige Produktionsbedingungen

Klassische Musik ist nicht gratis zu haben. Unter den Produktionsbedingungen von „Mammern Classics“ ist „höchste Qualität“ schon rein zeitlich ein Ding der Unmöglichkeit. Kaum ein Orchester spielt sechs verschiedene Programme mit fünf verschiedenen Dirigenten innert etwas mehr als einer Woche auf höchstem, auch nicht auf hohem Niveau, das ist einfach nicht seriös. Die Probebedingungen sind das eine, die Honorierung des Orchesters wohl das andere. Dieser Frage soll in einem separaten Blogbeitrag nachgegangen werden.

***

www.symphonylugansk.org

www.mammernclassics.ch

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Musik

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kritik

Werbung

Literaturwettbewerb «Das zweite Buch» 2026

Die Marianne und Curt Dienemann Stiftung Luzern schreibt zum achten Mal den Dienemann-Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Schweiz aus. Eingabefrist: 15. Juni 2026

Ähnliche Beiträge

Musik

Stimmen der Anderswelt

Mit «The Deers Cry» präsentierte der Oratorienchor Kreuzlingen ein mutiges Programm zwischen Renaissance und Gegenwart – nicht immer makellos, aber eindrücklich. mehr

Musik

Zwischen Sofas und Selbstoffenbarung

Kerzenlicht statt drängender Festivaldynamik, leise Töne statt Ekstase: Beim Wohnzimmerkonzert im Presswerk Arbon präsentierte sich die Ostschweizer Rapcrew 2kmafia von einer ungewohnt intimen Seite. mehr

Musik

Elegante Frühlingsklänge

Mendelssohn, Stamitz und Schubert mit Extraklasse: Das Jugendorchester Thurgau setzte in seinem Frühlingskonzert auf Kammermusikalisches mit Grösse. mehr