von Barbara Camenzind, 24.03.2026
Elegante Frühlingsklänge

Mendelssohn, Stamitz und Schubert mit Extraklasse: Das Jugendorchester Thurgau setzte in seinem Frühlingskonzert auf Kammermusikalisches mit Grösse. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Gerade mal 13 Jahre alt war Felix Mendelssohn, als er die Streichersinfonie Nr. 1 komponierte. Und das Wunderkind machte es besonders im ersten Satz seinen jugendlichen Interpreten nicht einfach. Es dauerte einen Moment, bis die knackigen, verschachtelten, kontrapunktischen Gruppen in der Steckborner Hallenkirche akustisch zu einer Einheit zusammenfanden.
Dirigent Gabriel Estarellas Pascual, ganz Herr der Lage, bekam seine vielsaitigen Rösser jedoch bald an die Zügel und verwob die hellen und dunklen Linien zu einem klingenden Ganzen. Elegant gelang dem Orchester das Andante, das in Tempo und Formgebung sehr an Mendelssohns Vorbild Haydn erinnerte.
Freigespielt und auf einem Atem glänzten die jungen Streicherinnen und Streicher dann im fröhlichen Allegro mit rasanten Passagen und schnellen Wechseln. So gespielt, rockte «Young Felix’» Musik auch noch nach über 200 Jahren.
Empfindung als Klangerlebnis
Warum Carl Philipp Stamitz (1745–1828) zu den Komponisten gehört, die in der Aufführungsrezeption immer wieder hinter der Türe vergessen gehen, ist unerklärlich. Umso aufmerksamer vom Jugendorchester Thurgau (JOTG), dem Publikum diese selten gehörte musikalische Delikatesse in Form seines Cellokonzerts Nr. 3 in C-Dur zu servieren.
Der klare klassische Aufbau mit Introduktion und Solo, die eleganten Begleitgirlanden und die Solokadenz mit anschliessendem Tutti – das ist allerbeste zweite Mannheimer Schule. Stamitz’ Musik, dieser kühle Rokoko mit den zarten, empfindsamen Wechseln in den Affekten, schmeichelte sich sehr angenehm ins Ohr.
Johanna Schweizers Cello war an diesem Sonntag die klangfarbige Sängerin. Erst noch etwas verhalten, liess Schweizer ihr Spiel und die Emotionen immer mehr aufblühen, glänzte in den wohl strukturierten Phrasierungen, und wie sich’s für die Epoche gehört, spielte die junge Solistin selber komponierte Solokadenzen, die in charmanten barocken Girlanden durch die Kirche irrlichterten.
Im zweiten Satz – Andante poco moderato – sang sich das Cello im besten Streicher-Belcanto in die Herzen der Zuhörenden. Im dritten Satz, dem flotten Rondo mit den witzigen Pizzicati, hätten sich die Zuhörenden ebenfalls häuslich einrichten können. Das war pure Wohlfühlmusik.
Schuberts Klanguniversum
Dass Gabriel Estarellas Pascual seine JOTG-Programme gern mit der grossen Kelle anrührt, ist bekannt. So war er mit Mendelssohn und Stamitz im ersten Teil fast spartanisch kammermusikalisch unterwegs, und ja, es war da und dort noch zu hören, dass das Orchester im Zusammenspiel noch mehr zusammenwachsen kann.
Franz Schuberts Sinfonie Nr. 5 in B-Dur war dann doch eine andere, etwas grössere Liga, obwohl der Hilfslehrer aus dem Alsergrund in Wien dieses Werk 1816 für ein Wohnzimmerorchester schreiben musste. Und diese Liga war genau die Kragenweite des Orchesters.
Zum Heulen schön gespielt
Schubert war – anders als seine Zeitgenossen Mendelssohn und Stamitz – ein «Working Poor» als Komponist. Und ein totaler Antiheld als Selbstvermarkter. Sehr gut verkaufte sich an diesem Abend Schuberts unendlich schöne, alterslose Musik, gespielt von so vielen jungen Talenten. Perfektes Tempo und Timing, leuchtende Bläserpassagen, runde Klangbögen: Vor allem der zweite Satz, der wie eine würdige Paraphrase auf Mozarts Zauberflöte ertönte, war zum Heulen schön gespielt.
Das elegische Menuett wurde abgelöst von einem frechen Galopp durch das Allegro vivace, und der feine wienerische Schalk klabauterte heiter hinaus in den Steckborner Frühlingsabend. Danke für das spannende Konzerterlebnis.

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