von Barbara Camenzind, 27.04.2026
Im Versuchslabor der Unerbittlichen

Eine Performance zwingt ihr Publikum ins Warten – und macht daraus ein ebenso absurdes wie präzises Versuchslabor über Kontrolle, Zeit und die Zumutungen des Alltags. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Zum Auftakt wurden wir zum Hintereingang bestellt und dort stehen gelassen. An diesem strahlenden Frühlingsmorgen am letzten Aprilsonntag. Alles musste seine Ordnung haben, wie zeitgleich in Appenzell an der Landsgemeinde.
Versuch über das Warten, also. Ein Rechercheprozess, der herausfordern soll. Vor allem das eingespannte Publikum, hiess es in der Ankündigung. Wir besuchten die drei Laborant:innen Micha Stuhlmann, Christoph Luchsinger und Thomas Kessler trotzdem im Goldenen Dachs in Weinfelden. Es wurde eine faszinierende Performance, gnadenlos nah am Leben. Aber eins nach dem anderen.
Als die drei Laborpersonen endlich auftauchten, versahen sie uns mit ausgedruckten Nummernzetteln. Die wir, das etwa zehnköpfige Publikum, gut hüten sollten. Stuhlmann schrieb auf Sonnenpapier «Versuch über das Warten». Als die Farbe im Licht verblasste, wurden wir nicht etwa hineingelassen, sondern zum Vordereingang gelotst und, mit Verlaub, jetzt bitte artig in der richtigen Reihenfolge aufstellen, gell.
Abwarten und warten lassen
Die Stadt als Bühne nutzend, installierten sich die Performenden zwischen zwei Häusern, während eine Klanginstallation mit Zahlenfolgen und Zeiten zu hören war. So waren wir aufgefordert, dann zu klatschen, wenn drei gleiche Zahlen zu sehen waren oder die eigene Zahl. Als auditiver Mensch eine Herausforderung. Was, sie sagt sechs? Schon daneben. Wieso Kopf, wieso kannst du nicht auf das Auge warten?
Bald wurde klar, wir Zusehenden sind die Abwartenden: welche Order wir bekommen. Die drei Forschenden diejenigen, die untersuchen, was passiert, wenn die Versuchskaninchen warten gelassen werden. Warten und warten lassen, das sind zwei Paar Schuhe. Das eine folgt dem eigenen Puls, so andante, musikalisch gedacht. «Warten gelassen werden» heisst, jemand anderer zwingt mich in eine Ordnung, die ich nicht bestimmen kann.
So wurden Leute umplatziert, mit Sanduhren ausgestattet, die man bis zum Sanktnimmerleinstag zu hüten hatte, Metronome tickten wie Zeitbomben, und rhythmische Wortmaschinen verstrickten das Ohr in die ganze Deutungsvielfalt von Warten und Erwarten und Zuwarten … Fasziniert tauchten wir ein in die Klang- und Bewegungsvielfalt. Warten als schonungsloses Da Capo im Kalenderblattsalat. Um Himmels willen, wartet schon das abgelaufene Stundenglas, damit ich es drehe?
Melodie, unendlich langsam
Christoph Luchsingers Komplizin, die vielköpfige Schlauchtrompete, spielte wiederum eine besondere Rolle in der strengen Ordnung der Abläufe und Bewegungselemente. Einerseits Vermittlerin von erratischen Anweisungen an die Nummerierten, einer stillen Post im Klangkanal, produzierte Luchsinger, die Töne abhakend, eine Melodie, die durch sehr lange Pausen unterbrochen war.
Eine Art Paraphrase auf John Cages ORGAN²/ASLSP «as slow as possible» in Halberstadt, das seit 2001 gespielt wird und in etwa 600 Jahren aufhören wird, wer so lange warten kann. Ganz so lange war die Melodie des Versuchslabors B in Weinfelden nicht angelegt, aber berührend, wie so bewusst-unbewusst an den grossen musikalischen Gaukler erinnert wurde.
Ordnung und Einordnung der Gefühle
Die strenge Versuchsanordnung, die Achtsamkeit, die das Publikum den drei Akteur:innen entgegenbringen musste, löste auch eine Art Spannung aus. Verdammt, Nummer 6, du musst den sechsten September in all den Kalenderzetteln finden. Mit Kamera und Notizbuch, was natürlich nicht möglich war.
Und beim Einordnen in der Warteschlange, als wir alle den Fragebogen zur Selbstevaluation ausgefüllt hatten, die Nummer vorweisen. Zur Hölle, wo ist dieser verd … Nummernzettel hin, ich weiss die Zahl ja auswendig. «Was sechs, das kann ja jeder sagen», war die gnadenlose Antwort von Micha Stuhlmann. Wah, die machen mich narrisch!
Dieses «Versuchslabor» filetierte in uns Versuchskaninchen gnadenlos die tiefen bürokratischen Verunsicherungen heraus, hineingeworfen in diese leicht kochende Schwebe des Hingehaltenseins. In einer Warteschleife, beim Amt oder bei der Frage von Sinn und Unsinn gewisser Abläufe. So ein Stress, diese Wartekunst da! Als Thomas Kessler dann auch noch unsere liebevoll ausgefüllten Fragebögen schredderte (nicht), kam das grosse Kichern. Wir sind den drei Forschenden voll auf den Leim gegangen.
Humorvolle Strenge in der Raumschere
Die unerbittliche Dramaturgie des Versuchslabors, die konsequente Einbindung des Publikums in die fast schon wissenschaftlich anmutenden Acts in ihrer absurd-radikalen Nüchternheit, liessen uns, die Mitakteur:innen, nicht los. Wir konnten gar nicht anders, als mitzumachen. Die Choreografie war eine Art bewegte Écriture automatique, die in ihrer surrealen, mechanischen Körperlichkeit uns schonungslos mit den Wartesälen der eigenen Seele konfrontierte.
Die plüschige Kaffeebar-Atmosphäre im Weinfelder «Goldenen Dachs» wirkte im ersten Moment etwas arg kontra zur Laborsituation. Wahrscheinlich war diese im Kult-X in Kreuzlingen am Freitag etwas kongruenter erlebbar. Andererseits schenkte «der Dachs» der Performance eine heitere Leichtigkeit. Menschen warten ja nicht nur, weil ihnen das Wissenschaftler verordnen, sondern weil sie auf jemanden warten. Sehnsüchtig, zum Beispiel.
Es wird spannend, wie Micha Stuhlmann, Thomas Kessler und Christoph Luchsinger ihre Forschungsergebnisse «Versuch über das Warten» auswerten und künstlerisch verarbeiten werden. Warten wir auf den Herbst, wie’s weitergeht.

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