von Barbara Camenzind, 01.06.2026
Die Meister der Zeitenwende

Der neue künstlerische Leiter Reto Bieri hat viel gewagt und gewonnen. Die 30. Pfingstkonzerte in der Kartause Ittingen waren hochspannend, anstrengend, kontemplativ, sati(e)risch und inspirierend. Viel wunderbare Musik, eingebettet in die kluge, feinhumorige Dramaturgie: Auf:hören hat das Publikum und Musizierende miteinander in einen Transformationsprozess geschickt. Und auch das Festival, für das eine Zeitenwende angebrochen ist. (Lesedauer: ca. 10 Minuten)
Auf:hören um anzufangen. Die Eröffnung
An einem Maiabend auf dem Lande. In einer zeitlosen Zeit schreit der Kuckuck aus dem nahen Gehölz, die Trauernden finden sich leise tuschelnd zum Kondukt zusammen. Der Tambourmajorenstab glänzt, der Pfarrer hinkt, als wäre er aus einem Jeremias-Gotthelf-Roman gefallen, an die Spitze, der Musikverein Weinfelden in glänzendem Spiel mit „Teure Mutter“ von Hans Kliment, ein Trauermarsch, mit subversiver Italianità. Der Chor Vox Clamantis gibt das edle Ehrengeleit, gemessenen Schrittes, dann dieser unauffällige Mann an der Klarinette, mitten im Musikverein, zusammen mit seinen Studierenden, der mit wachen Augen in die gleiche Richtung blickt, wie wir alle. Hinunter zu den Toren der Kartause. Wer dort einzieht, stirbt und wird innerhalb der Mauern neu geboren. Das Bild der Pompe Funèbre vor dem Alpsteinpanorama, das die Eröffnung der 30. Ittinger Pfingstkonzerte markierte, wird unvergessen bleiben.
Pfarrer und Faktotum Jürg Kienberger lässt immer wieder anhalten und still werden. In seiner Ansprache verweist er auf den Gründer des Kartäuserordens, Bruno von Köln, der seinen Brüdern die Seligkeit der Abgeschiedenheit pries und auf sein Alter Ego Jeremias Gotthelf, der mahnte: Tod und Leben gehören zusammen. Vox Clamantis intoniert gregorianische Gesänge – darunter auch die Pfingstsequenz „Veni Sancte Spiritus“. Uns allen wird recht feierlich zumute, eine Ahnung vom Himmel? Da schnappt sich Hochwürden die Handorgel und singt im frechen Falsett ein Volkslied. Der Tod ist ja bekanntlich ein Wiener. Okay. Bleiben wir auf dem Boden. Kienbergers Rolle scheint die des Kindes im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ zu sein. Er zeigt auf das Offensichtliche, bespielt die Zwischenräume. Bei der Remise unterhalten sich danach zwei Männer nachdenklich: Ah, das war jetzt halt so Volksmusik, oder?
Die Abdankungsfeier
Vogelgezwitscher in der Remise, die Bühne schlicht gestaltet. Eine Kanzel, eine Sitzecke mit Büchern. Vox Clamantis zieht ein, singt „Audi filia“ in kristallklarer Einstimmigkeit. Schon fangen wir wieder an, abzuheben. Spätestens beim atemberaubend schön gesungenen „The Deers Cry“ ihres „Chorvaters“ Arvo Pärt, fliegt das Publikum auf Flügeln des Gesanges. Perfekt abgestimmte Stimmen, luzide Höhen, feinste Dynamik. Ein Paradies für das Ohr einer Stimmenfreundin, es ist him… Moment mal: Der Pfarrer sitzt auf seiner Kanzel und trinkt Rotwein. In den heiligen Hallen der Pfingstkonzerte! Und hält uns trocken entgegen: „Wer die Gegenwart geniesst, hat in Zukunft eine wundervolle Vergangenheit. Und so weiter.“ Ahja. „Aufhören“ ruft jemand genervt im Publikum und unterbricht die kauzige Predigt. Als dann Meta4 nur einen Satz aus Haydns G-Dur Streichquartett spielt und das Trio Gaspard nach Mark Padmores wunderschön gesungenem schwedischen Lied „Se solen Junker“ „nur“ Schuberts „Andante con moto“ aus dem Klaviertrio Nr 2 in Es-Dur zum Besten gibt, flirrt es im Saal. Ein Kabarettist im Klassikkonzert? Gekappte Kammermusik? Franz Schubert hat die Irritierten ohne Programmheft gerettet: Sein Begräbnislied D 168 für Chor und Klavier holt die Zuhörenden in vertraute Gefilde. Anthony Romaniuks sensibler Klavierpart und die Stimmen von Vox Clamantis passen wunderbar zusammen.
Wem die Stunde schlägt
Musikalisches Highlight der Eröffnungsveranstaltung ist jedoch das „Kleine Requiem für eine Polka“ von Henryk Mikolaj Gorecki. Reto Bieri, Pianist Nicholas Rimmer und Studierende der Hochschule für Musik und Theater in München stehen bzw. sitzen im Halbkreis. Goreckis Werk beginnt mit wiederkehrenden Glockenschlägen und ultralangsamen Linien, quälend kosten die Musizierenden sie aus. Schleichende Pattern, wie sie die Minimal-Music kennt, dazu Bieris katzenhaft leiser Klarinettenton. Auf einen Schlag der rasende Polka-Überfall, die Klarinette kreischt, die Geigen auch, wir sind hellwach und blieben es bis zum Gang zum Leichenmahl, um das Leben zu feiern. Wo ist mein Tisch – gibt es noch Wein? Wer hält die erste Rede auf den Verblichenen, ist der peinliche Onkel empört, wenn ich wegen einer Tischrede lache? Der spätere Abend verläuft so, wie es Kurt Widmer, der grosse Gesangspädagoge und Universalkünstler lehrte: Die beste Musik, ist die, die jetzt hörst – und die in der grossen und kleinen Form funktioniert.
Gute Musik auf Augenhöhe
Quirlig und in aufgeräumter Stimmung versammeln sich die Musizierenden beim Buffet, darunter Reto Bieri, der fasziniert feststellt, dass das, was er wollte, lebendig wird. „Es ist wie im Wirtshaus, bei einer Feier, niemand weiss recht, wann er drankommt und dann funktioniert es einfach.“ Der Aufhören-Zwischenrufer, entpuppt sich als Zapfwellen-Blockflötenspieler, im Duett mit Pfarrers Örgeli. Meta4 spielte feurige finnische Volkweisen und dann kam dieser Fledermaus-Moment, der kollektiv weinselige Walzer. So von wegen Pfingsten und Spiritus. Zwar wars nicht „glücklich ist, wer vergisst, was da nicht zu ändern ist“, aber der Schlittschuhläufer von Émile Waldteufel ist ein „Süüder“ mit gleichem Effekt. Weinselig und walzertrunken ging es hinaus in die Mainacht. Langjährige Stammgäste der Pfingstkonzerte fassen Bieris Auf:hören-Auftakt zusammen: „Am Schluss waren wir alle auf Augenhöhe, die Musizierenden und die Zuhörenden und konnten herzlich lachen.“
Alles hing mit allem zusammen
Dieser detaillierte Erlebnisbericht ist unüblich für eine Festivalbesprechung. Sie zeigt auf, wie Reto Bieri, seine Kompliz:innen Claudia Carigiet, Regie, und Jürg Kienberger das traditionelle Korsett klassischer Konzertformate auflösten und neu vernetzten. Es gab Werke, die in den sechs Konzerten mit den klingenden Titeln „Letztes Geleit – Das Ende um Anzufangen, Himmelwärts …. oder soll es Tod bedeuten? Das Ende vom Lied ohne Ende, Apropos Ewigkeit, Morimur“ mehrmals erklangen. Oder Bezug nahmen auf ein verklungenes Thema. Wer wusste schon, dass Franz Schuberts berühmtes Andante con Moto aus eben dem schwedischen Volkslied entstanden ist? Schubert, der Wiener Hilfslehrer aus dem Alsergrund, hatte ein geniales Gespür für gute Melodien. Für ihn gab es nur Musik, nicht Volksmusik und Kunstmusik. Das ist nicht ein Statement, so zu musizieren ist eine Lebenseinstellung. Bieri und seine Ittinger Musiker:innenfamilie teilten diese Erfahrung mit ihren Zuhörenden. Auf der Bühne das kleine Wohnzimmer, temporärer Lebensraum des britischen Tenors Mark Padmore, der das Publikum als Sprecher, wie als Sänger das ganze Festival über begleitete und begeisterte.
Lob der Stille
Bei den Konzerten waren immer alle Musizierenden auf der Bühne, sorgfältig ausgeleuchtet von Lichtdesigner Markus Güdel. Die Remise wurde von Vox Clamantis mit Gregorianik „eingesungen“. Das grosse Highlight war ganz sicher „O nobilissima viriditas“ der Heiligen Hildegard von Bingen in Konzert 2. Selten gehört, weil die Melismen sehr schwer zu singen sind und selten erklang es so schön.
Dieses Arrangement ohne Auf-und Abgänge ermöglichte es, Momente tiefer Stille zu zaubern. Im Kontext des „liebevollen Aufmischens“ waren dies sensible Inseln. Sie haben die Kartause und ihre Geschichte mit einbezogen.
Highlights aus den Konzerten 2, 3 und 5
Terra Memoria, das Streichquartett der finnischen Komponistin Kaija Saariaho, gespielt vom finnischen Ensemble Meta4, gehörte zu den zeitgenössischen Klangschätzen der Pfingstkonzerte. Geisterhafte Geräusche, verwoben mit Passagen , die an den späten Webern erinnerten, Loops und Raumklänge: Meta4 spielte mit vollem Körpereinsatz, fast wie eine Metal Band mit Streichinstrumenten. Das ist als Kompliment zu lesen.
Ich Biene, ergo summ: Kienbergers und Carigiets poetisch-freche Abhandlung über die Bienen, vor allem das Liebesleben der Bienen, exponierte sich, irritierte, und löste in der Schreibenden einen Lachflash aus, nachdem John Cages „A flower“ uns alle eingesummt hatte. Dass ich das noch erleben durfte: Ich besuche ein international angesehenes Klassikfestival und da sitzt einer auf der Bühne und spielt „Don’t stop me now“, und andere Popsongs, weil das einfach bient.
…oder soll es Tod bedeuten?
Die grossartige Verschränkung Aribert Reimanns neuen Tönen mit Heine-Liedern des ebenfalls an einer Zeitenwende komponierenden Mendelssohn, wurde von Tenor Mark Padmore und Meta4 mit grosser Achtsamkeit gestaltet. Die klare Diktion des Sängers und die klingende Zeitreise zwischen den Jahrhunderten waren ein ganz besonderes Konzerterlebnis.
György Ligeti: Poème Symphonique für 100 Metronome
Tiktaktiktak tak tiktak: Wie Regentropfen klapperten die 100 Pulsgeber durch die Remise und liessen den Zeitfluss erklingen. Zu diesem avantgardistischen Leckerbissen ein Haiku des isländischen Dichters Matthías Johannessen:
Die Zeit
schreibt ihr Manuskript
langsam, und zäh an einem alten Schreibtisch.
Dabei
gibt es sie nicht.
Olivier Messiaen, Quatuor pour la fin du temps
Wenn das Ende der Zeit so wunderbar klingt, wie Reto Bieri und das Trio Gaspard Messiaens Klanguniversum interpretierten, dann ist es ein gutes Ende.
„Wer viel wagt…
…gewinnt oft viel, komm du schönes Glockenspiel“, singt Papageno in der Zauberflöte. Reto Bieris Konzept entpuppte sich als liebevolles Meisterwerk des Übergangs. Irgendwann müssen sich Festivals weiterbewegen, es kann nicht nur die Asche gehütet werden. Bieris Idee der Verbindung der Musik, dem Ort, mit den Menschen, die zuhören, ist aufgegangen. Für das satuierte Publikum, das von Festival zu Festival reist, um Hochkultur in traditioneller Form zu konsumieren, gab es sicher einige Aufreger. Aber es war erstaunlich, wie gut sich die Menschen auf den gemeinsamen Weg mit den Musizierenden einlassen konnten. Dabei war gerade der lange, dreiteilige, sich nahtlos aneinanderreihende Eröffnungsabend mit Trauermarsch bei der Hitze eine physische Herausforderung. Und im Konzertverlauf waren die traditionellen Formen integriert. An Jürg Kienbergers Rolle musste man sich erst etwas gewöhnen, denn er war bewusst nicht immer bequem. Aber es fehlte ja noch, wenn das Musikkabarett an einem Festival mit einem „Ich muss draussen bleiben“- Schild behängt würde. Wie gut, dass Reto Bieri 2027 noch einmal künstlerischer Leiter der Pfingstkonzerte sein wird, um die Erfahrungen verarbeiten zu können. Freuen wir wir uns auf eine Wiederholung im 2027!
Zeitenwende bei den Pfingstkonzerten
Reto Bieri und die Hochuli Konzert AG konnten auf der künstlerischen Ebene einen schöpferischen Prozess initiieren, der für den so genannt klassischen Musiksektor zukunftsweisend sein wird. Die Ittinger Pfingstkonzerte sind auf dem Weg in eine neue Zeit: Die Stiftung Kartause Ittingen verabschiedet sich aus der Mitorganisation und der finanziellen Verantwortung der Ittinger Pfingstkonzerte. Die Hochuli Konzert AG, die von Henriette Joppien und Jürg Hochuli geleitet wird und die seit der Gründung 1995 für die Inhalte verantwortlich war, springt ein und erklärt sich bereit, das Festival auf eigene Verantwortung weiterzuführen.
Die Ostschweizer Konzertagentur hat international einen ausgezeichneten Ruf und ist bekannt für sorgfältig kuratierte Konzertformate und Programme. Procurator Mark Ziegler von der Stiftung Kartause Ittingen erklärt im Gespräch mit diesem Magazin, die Kartause müsse ihre Kräfte bündeln und freue sich, dass die Hochuli Konzert AG das internationale Kammermusikfestival übernimmt.
Die Ittinger Pfingstkonzerte werden ab nächstem Jahr also als Festival in Residence in der Kartause zu Gast sein. Ziegler betonte, dass die Pfingstkonzerte für die Kartause stets ganz besondere Tage sein werden, für die sie sich weiterhin als Gastgeber einsetzen werden.
Die Kartause konzentriert sich auf ihr Kerngeschäft, derweil für die Hochuli Konzert AG die Wege und Entscheidprozesse wohl etwas kürzer werden, wenn es um das eigentliche Festivalgeschehen geht. Das macht Sinn, um in Zeiten ständig ändernder Vorzeichen gute Konzerterlebnisse zu ermöglichen. Reto Bieri wird 2027 noch einmal als künstlerischer Leiter aktiv sein. WIEDER-HOLEN, sein kommendes Festivalthema, passt zu diesem Transformationsprozess.

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