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von Barbara Camenzind, 08.06.2026

Blutsauger-Zirkus mit famoser Musik

Blutsauger-Zirkus mit famoser Musik
Glänzte mit Stimmenfeuer und blitzschnellen Umzügen: Der Musicalchor Mammern als „Vampirische Sonderkommission“, mit Fabienne Louves als Detektivin Dragana. | © Faistauer-Media

Schräge Blutspende-Party, ein abstrakter Kater, superwitzige Dialoge und Fabienne Louves als elegante Vampirdetektivin: «Das Vampirgerücht» der Bühne Mammern, ist der perfekte Ausgehtipp für Mundart-Musicalfans. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Ein friedliches Hafenstädtchen am Untersee liegt im tiefen Schlaf, derweil sich die Untoten versammeln. Aus den gefürchteten Vampiren sind zurückgezogene Parallelweltbewohner mit Flugverbot geworden, die mit ihren Roben und roten Klauen zwar edel und furchteinflössend aussehen, aber ziemliche Bünzli sind. Was schon zu Beginn für grosse Heiterkeit sorgt.

Sie beziehen Blut über legale Kanäle wie das Rote Kreuz und ja, da hakt es. Konserven verschwinden, beziehungsweise schlechtes Blut gerät in den Umlauf. Die Vampire bekommen Hunger. Das ist die Ausgangslage von David Langs neuem Musical «Das Vampirgerücht», das noch bis 14. Juni in Mammern zu sehen ist.

Um der Lage Herr zu werden schickt die vampirische Sonderkommission, eine Art Bodenseekonferenz der Blutsauger, ihre Sonderermittlerin Dragana Arz von Straussenburg (Fabienne Louves) nach Johannashafen, um sich umzusehen, was da vor sich geht. Die Vampirdetektivin ist zwar not amused, weil sie nach 200 Jahren endlich mal wieder nach Portofino in die Ferien wollte. Sie ist die einzige, die sich unerkannt unter den Sterblichen bewegen kann.

Trügerische Dorfidylle

In dem verschlafenen Seekaff scheint es keinen Bürgermeister zu geben, dafür Bürgerinnen und Bürger die buchstäblich ihr Blut  dafür geben, damit ihr grosses Stadtfest finanziert werden kann.  Der grosse Zampano der Stadt ist daher ein reichlich schräger Gott in Weiss, Dr. K. (Rolf Sommer), der mit seiner nicht minder schrägen MPA Fräulein Theres (Marisa Jüni), den Menschen nebst Blutabnahme auch Pillen einwirft, ohne dass das hinterfragt wird.

Doch Dragana trifft auch Harry, den Fischer (Chasper Curò Mani), der mehr zu wissen scheint und dafür ausgelacht wird - und auf den charmanten Valentin (Benjamin Fröhlich), der ihr bei der Aufklärung des Falles hilft. Zwischen ihnen entwickelt sich eine nicht ganz ungefährliche, aber im wahrsten Sinne des Wortes, unsterbliche Liebesgeschichte. Mehr sei nicht verraten.

 

Coole Kostüme, flotte Dialoge und lässige Choreografien: Beste Unterhaltung im Zirkuszelt Monti in Mammern. Bild: Faistauer-Media

Musiktheater in bester Tradition 

Die reichlich schräge Geschichte mit ihren witzigen, absurden Wendungen bringt dramaturgisch all das mit, was das Musiktheater (Oper und Musical) in seiner 422-jährigen Geschichte pflegte: Die Liebe, den Tod, etwas Drama, schrägen Witz und Libretti, die nie den Anspruch erhoben, realistisch zu sein, dafür mit viel, viel Bühnenzauber unterhalten und berühren. Was nicht heisst, dass darin auch ernste Themen vorkommen. Das soll es sogar. Doch dazu später.

Das Zirkuszelt mit seiner Manege gewährt viele spannende Auf-und Abgänge (Bühnenbild: Gabor Nemeth) , die Kostüme von Natalie Péclard sind farbenfroh, spiegeln kontrastreich die Welt der Vampire und Menschen, die Maske von María Sala war geschickt für die Doppelrollen konzipiert.

Regisseur und Dramaturg Livio Beyeler konnte mit Librettist und Komponist David Lang schon im Entstehungsprozess des  «Vampirgerücht» zusammenarbeiten, wie er thurgaukultur.ch im Vorbericht schon verraten hatte. Das hat klare Vorteile für beide, weil im Vieraugen-Prinzip viel geschliffen werden kann.

Beyelers Inszenierung liefert flotte Unterhaltung, perfekte Timings,  lustige Dialoge, gibt sich detailverliebt und zeichnet die Figuren glasklar und im besten Sinne des Musiktheaters auch etwas plakativ. Das Spiel ist ein kontrastreiches Erlebnis, mit einem Zusatzplus für die Choreos. Besonders genossen habe ich den Running Gag mit Fräuleins Theres’ Kater Theo. Wer höheren Blödsinn mag, kommt hier voll auf seine Kosten.

Choraffine Komposition

Das Solistenensemble, bestens bekannt aus der Schweizer Musicalszene, agiert mit vollem Stimm - und Körpereinsatz. Sehr schön gesungen sind die Duette zwischen Harry und Valentin, wobei vor allem Komödiantin und Publikumsliebling Marisa Jüni als Vampirchefin und Fräulein Theres mit ihrer Gesichtsakrobatik den Vogel abschiesst.

Der wahre Star dieser Produktion ist jedoch die Musik. David Langs Choraffinität ist nicht zu überhören, das beginnt schon mit dem wirklich grandiosen Vampirchor zu Beginn, der so ein bisschen an Puccinis Turandot erinnert. Lang gelingt es, locker-flockig verschiedene Stilrichtungen den Figuren zuzuordnen, wie Dragana den Soul. Nichts an der Musik wirkt bemüht oder beliebig.

Langs Klänge übernehmen immer wieder den Subtext der Geschichte und transportieren die Gefühlsebene, oder konterkarieren sie. Die fünfköpfige Band unter der Leitung des Komponisten reagiert superflexibel auf alle stilistischen Ausflüge.

Die schönsten musikalischen Momente hat David Lang für den Musicalchor geschrieben. Die satte Mehrstimmigkeit, eine Farbenpracht, wie sie sonst nur bei einer Carmina Burana zu hören ist und das klasse Stimmenfeuer begeistern ganz einfach. Ein musikalischer Meilenstein für Lang, so mein Fazit.

 

Patientenakten werden von Frölein Theres und Dr. K.  geschreddert: Zwei schräge Charakterrollen für Marisa Jüni und Rolf Sommer Bild: Faistauer-Media

Darf man das bringen? 

Der Handlung liegt ein trauriges Kapitel Thurgauer Medizingeschichte zugrunde. Die Medikamentenversuche in der Klinik Münsterlingen bewegten David Lang dazu, sich dem Thema künstlerisch anzunähern. In einem Zirkuszelt in einer Musical-Komödie? Verhöhnt das nicht die Opfer? Nein, gerade als Komödie nicht.

Erstens ist die Figur des verrückten Doktor K. hervorragend überzeichnet gespielt von Rolf Sommer. Diese Rolle führt glaskar vor Augen, wer hier eigentlich die Irren in unserer Gesellschaft sind, die sich anmassen, Profit über Menschenrechte zu stellen.

Zweitens steht «Das Vampirgerücht» in bester Tradition, schwierige Themen humorvoll zu verarbeiten, wie „The Producers“, oder „Cabaret“.  Auf jeden Fall ist das mein Ausgehtipp für die kommende Woche.

 

Weitere Aufführungen und Tickets

Mittwoch, 10. Juni 2026
Freitag, 12. Juni 2026
Samstag, 13. Juni 2026
Sonntag, 14. Juni 2026 | Dernière

 

Vorstellungsbeginn 20 Uhr | Sonntag: 19 Uhr

 

Tickets für alle Tage gibt es hier.

 

Die Preise: 

Loge: 80 CHF
1. Kat. 75 CHF
2. Kat. 65 CHF
3. Kat. 55 CHF

 

Ein Rabatt von 25 CHF pro Ticket für Kinder/Jugendliche/Lernende/Studierende und Kulturlegi wird an der Abendkasse gegen Ausweis zurückerstattet.

 

Veranstaltungsort: Zirkuszelt beim Seebad,  Moosackerstrasse, 8265 Mammern
Abendkasse: 1 Stunde vor Aufführung geöffnet 

 

Dauer der Vorstellung: ca. 2 1/4 Stunden inklusive Pause.  Das Foyer öffnet 90 Minuten vor Vorstellungsbeginn. 

 

 

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