von Barbara Camenzind, 15.06.2026
Kino für die Ohren

„Wie im Film“ heisst das kommende Konzertprogramm des Kammerorchesters Camerata Aperta mit dem Thurgauer Perkussionisten Fabian Ziegler als Solisten. Aufführungen sind am 20. Juni in Frauenfeld und am 28. Juni in Weinfelden. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Wer kennt’s nicht? Ein Ohr voll langt und man ist in Tolkiens Auenland. Oder auf Jack Sparrows Segelschiff. Oder erinnert sich an an das melancholische Antlitz Oskar Werners, in der dystopischen Romanverfilmung Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ von 1966.
Dem Komponisten Bernard Herrmann (er schrieb auch die Filmmusik zu Psycho), stand damals noch ein ganzes Filmorchester zur Verfügung. Die Suite mit ihren betörend schönen, sphärischen Streichersets und Schlagwerklängen sind perfekt geeignet für die Zusammenarbeit von Perkussionist Fabian Ziegler und der Camerata Aperta als reines Streichorchester.
Den Auftakt gibt jedoch ein Thurgauer: Fabian Künzlis Ouvertüre „Die Rose“ ist nahbare Musik mit bildhaften Motiven und erzählerischen Kraft. Sie begeistert grosse und kleine Zuhörende, weil sie so etwas wie Kino im Kopf auslöst. Ziegler und Herzog kennen das Werk ursprünglich in der Streichquartett-Fassung und haben es entsprechend angepasst. Bei Caroline Shaws Entr’Acte pausiert das Marimbaphon, der Streichersound holt das Ohr ab zu einer Reise durch einen Film Noir - oder ganz eigenen Bildern.
Mit dem Marimbaphon-Konzert von Emanuel Séjourné zum Schluss gibt es eine eher spezielle Klangerfahrung zu machen, so wie das in der Filmmusik oft üblich ist: Ein traditionell klingendes Kammerorchester begleitet ein eher modernes Instrument als Solisten, in einem Werk, das wie für die Bühne geschaffen wurde. Soweit der Überblick, was gegeben wird.
Konzertreihe neu ausgerichtet
Es ist das erste Mal, dass die Camerata Aperta mit Fabian Ziegler zusammenarbeitet. Für ihn sei ein richtiger Schritt gewesen, seine Konzertreihe neu auszulegen. Vielfach arbeitet man mit Leuten von ausserhalb zusammen und übersehe, was und wer eigentlich in der Nähe da wäre für eine interessante Kooperation. Auch wenn der Kanton relativ klein sei. Das hat durchaus Vorteile: Herzog und Ziegler kennen sich aus dem Studium an der ZHdK.
Für Johannes Herzog und das Streicherkollektiv sei diese Zusammenarbeit neben dem spannenden musikalischen Austausch auch ein Türöffner zu einem anderen Konzertpublikum. Das traditionell kammermusikalisch-„klassische Publikum“ sei immer herzlich willkommen, aber mit diesen beiden Konzerten möchten sie auch andere Musikinteressierte ansprechen.
Türöffner, nicht Anbiederer
Der Cellist und der Perkussionist kennen das Phänomen: Im Film ist mehr möglich, als im Konzert. Dissonanzen und experimentelle Musikformen sind logischer Teil der Filmmusik, auch die so genannte Klassik. Bei Konzerten ist es schwieriger, sich darauf einzulassen. Mit „Wie im Film“ wollen die Ausführenden die Schwelle niedrig halten, ein Musikgenre - oder mehrere - zu entdecken, ohne sich anzubiedern.
Sie würden ja nicht einfach arrangierte Popmusik spielen, um die Leute anzulocken, meint Ziegler dazu. Aber Filmmusik, cineastisch wirkende Musik, oder Musik, die eben innere Bilder auslösen kann, weil sie spannend, aber auch leicht zu hören ist, könnte man als perfekte „Einstiegsdroge“ bezeichnen, davon ist auch Herzog überzeugt, ein sanftes Placebo.
Ganz clever: Damit möchten sie die Generation zwischen 20 und 50 Jahren abholen, die nicht mehr unbedingt mit Hausmusik und Chor/Musikverein/Stadttheaterbesuch sozialisiert worden ist. Viele in dieser Altersgruppe haben es nicht mehr im Fokus, dass es Orchester gibt, beziehungsweise Musik, für die kein Strom und Mischpult gebraucht wird. Und es gibt viele, die sind neugierig auf neue Musikstile und fürchten sich aber, dann als „verstaubt“ zu gelten. So ein Konzert kann Brücken bauen.
Ganz schön coole Brückenbauer
Im Konzert sei keine Pause vorgesehen, damit das Publikum im Hörflow nicht unterbrochen werde, erklärt Johannes Herzog. Jedoch gebe es Erklärungen zu den Werken, quasi als Anleitung und Hilfestellung, ergänzt Fabian Ziegler. Er sei ziemlich Fan davon, weil dann das Zuhören leichter und der Zugang einfacher sei. Wer die Konzerte der Camerata Aperta und von Fabian Ziegler kennt, weiss, dass die Moderation immer sehr informativ, fresh und nie „gscheitlglehrt“ daherkommt.
Das Streichorchester als Kollektiv - so etwas gibt es verbreitet schon in Norwegen und Finnland, in der Schweiz etabliert es sich langsam mit der jüngeren Generation Berufsmusiker:innen. Musik ist auch die Kunst des Aushandelns und der Selbstverantwortung.
Die progressive Thurgauer Camerata Aperta mit „alten“ Instrumenten, die gut und gerne 250 Jahre alt sein können, trifft auf Fabian Zieglers Marimbaphon. Ein moderner Künstler mit einem Instrument der Moderne. Diese Connection tönt - im wahrsten Sinne des Wortes - ziemlich cool, sehr einladend und ist mein Ausgehtipp für den 20. und 28. Juni.

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