von Judith Schuck, 01.06.2026
Fortschritt oder Untergang?

Die neue Eigenproduktion «Wonach suchen Sie?» im Eisenwerk will KI, Menschlichkeit und die Suche nach Wahrheit zu einem vielschichtigen Theaterabend verknüpfen. Premiere ist am 4. Juni. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Um eine Auseinandersetzung mit dem Thema künstliche Intelligenz kommen wir nicht herum. Wie können wir sie sinnvoll einsetzen, wo müssen wir kritisch sein? Wie verlässlich ist KI? Die neue Eigenproduktion von Kultur im Eisenwerk beschäftigt sich mit diesen und vielen weiteren Fragen.
Neun Figuren bringen unter der Regie von Petra Cambrosio in «Wonach suchen Sie?» ganz unterschiedliche Aspekte ihrer persönlichen Suche nach Wahrheit und Wissen auf die Bühne – ebenso wie die kollektive Suche nach unseren Ursprüngen und dem Umgang mit Wissenschaft und Fortschritt.
Ausgangspunkt ist ein verheerender Brand, bei dem die Stadtbibliothek niederbrannte. Die Bibliothekarin Sarah Sonderegger kam dabei ums Leben. Um sie spinnen sich zahlreiche Geschichten, Sehnsüchte und Geheimnisse, die sich im Laufe des Stücks entwickeln – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn alle neun Figuren stehen in einer Beziehung zur verstorbenen Bibliothekarin, auch wenn zunächst noch nicht alle wissen, in welcher. Unerfüllte Liebe, Verwandtschaft, Sehnsucht nach Menschlichkeit, aber auch Wissensdrang führen die Protagonist:innen in die neu aufgebaute Bibliothek, in der das Stück spielt.
Faszination und Furcht vor KI
Statt der Bibliothekarin Sarah Sonderegger hilft dort nun die KI Jasmin dabei, sich im Gebäude zurechtzufinden, Literaturvorlieben zu erraten und selbst aktuelle Stimmungen anhand der Mimik abzulesen. Faszination und Furcht sind zwei Gefühle, die hier immer wieder aufeinandertreffen. Die Sehnsucht nach der alten, vertrauten und geliebten Bibliothek sowie die Trauer um Sarah Sonderegger vermischen sich mit der Anziehungskraft des modernen, funktionalen Gebäudes und der Neugier, welche die Bibliotheksbesucher:innen gegenüber der zunächst belächelten KI-Station Jasmin entwickeln.
Wie Petra Cambrosio in ihrem selbst geschriebenen Stück mit unterschiedlichen Ebenen arbeitet – tragische Familiengeheimnisse, Trauerarbeit, unerfüllte Liebe, Verdrängung sowie die Gegenüberstellung von Kunst und Wissenschaft –, ist auch das Bühnenbild in bewegliche Ebenen gegliedert: Trennwände verschiedener Höhen werden immer wieder neu formiert, teilen den Raum neu ein, verdecken oder geben den Blick auf Verborgenes frei.
Für die Technik verantwortlich ist Eric Scherrer, der eigens für das Stück die KI Jasmin als sprechende und wissende Projektion erschuf. Im Kontrast zu dieser neuen Technologie steht der Overheadprojektor, der ebenfalls zum Einsatz kommt, um handgemalte Geschichten zu erzählen.
Vor jeder Vorstellung gibt es eine Lesung
Petra Cambrosio schrieb nach mehreren Treffen mit dem Ensemble im Herbst 2025 das Skript, das von den einzelnen Schauspielenden weiterbearbeitet wurde. In der Auseinandersetzung mit der Figur Sarah Sonderegger und der KI-Station Jasmin werden Themen wie ehrenamtliche Arbeit, Technologien, die Menschen ersetzen, Chancen und Risiken von KI, aber auch Bücher und das Vorlesen verhandelt.
«Bücher lesen, Geschichten erzählen und Vorlesen spielen eine besondere Rolle für das Stück», sagt Petra Cambrosio. Vor den Vorstellungen sind im Foyer des Eisenwerks jeweils Lesungen geplant, darunter bei der Dernière am 12. Juni auch eine der in Frauenfeld geborenen Schriftstellerin Tanja Kummer.
Zum Ensemble gehören Beatrice Bruggmann, Heidi Furrer, Simon Hohl, Gerti Ledergerber, Rolf Lenggenhager, Bruno Lüscher, Sarath Maddumage, Rémy Rischert und Monika Rüegg. Einige von ihnen spielten bereits in Produktionen von Petra Cambrosio mit. «Sie kennen meinen Stil bereits und wissen, wie Ideen über Improvisation entstehen», sagt die Regisseurin, die sich auch darüber freut, dass sich für diese Produktion fünf Männer und vier Frauen im Alter zwischen 24 und 78 Jahren zusammengefunden haben – «eine wahnsinnig coole Mischung», wie sie sagt.
Die grossen und die kleinen Fragen der Menschheit
Im Wechsel zwischen Freeze und Bewegung erzählen die Figuren, was sie mit dem Ort der Bibliothek verbindet, und eröffnen in der Auseinandersetzung mit sich selbst und den anderen ihre eigene Geschichte. Die KI hilft ihnen dabei immer wieder bei ihrer Suche. «Der Algorithmus ist stark, aber nicht unfehlbar», lautet eine Feststellung. «Aufgrund Ihrer Mikromimik ist erkennbar, dass Sie sich durch mich irritiert fühlen», sagt Jasmin an einer Stelle.
«Wonach suchen Sie?» möchte irritieren, aber auch dazu anregen, über technologischen Fortschritt und Menschsein nachzudenken – ohne Wertung. Alte und neue Medien werden nebeneinandergestellt, beide als gleichermassen daseinsberechtigt. Gleichzeitig verbindet das Stück die grosse Suche der Menschheit, den Durst nach immer mehr Wissen und Erkenntnis, mit der persönlichen Suche jedes Einzelnen. Premiere ist am 4. Juni um 20 Uhr.
Aufführungstermine & Tickets
Spieldaten:
4. Juni, 20 Uhr, Premiere
5. Juni, 20 Uhr
6. Juni, 20 Uhr
7. Juni, 18 Uhr
10. Juni, 20 Uhr
11. Juni, 20 Uhr
12. Juni, 20 Uhr
Spielort: Eisenwerk, Industriestrasse 12, Frauenfeld
Vorverkauf: eisenwerk.ch/tickets

Von Judith Schuck
Weitere Beiträge von Judith Schuck
- Auf dem Weg zum Ich (26.05.2026)
- Der lange Weg zum richtigen Geschlecht (15.04.2026)
- Auf dem Weg zum Möglichkeitsraum (13.04.2026)
- Die Rückeroberung verloren geglaubter Räume (31.03.2026)
- Wie viel ist uns die Medienvielfalt wert? (02.03.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Bühne
Kommt vor in diesen Interessen
- Vorschau
- Schauspiel
Dazugehörende Veranstaltungen
Kulturplatz-Einträge
Ähnliche Beiträge
Auf dem Weg zum Ich
Proben, Zweifel, Durchhalten, Auftritt: Was junge Menschen auf dem Weg zu einem eigenen Theaterstück erleben, prägt sie für ihr Leben. Wir haben eine Schulklasse bei diesem Abenteuer begleitet. mehr
Biss zur letzten Blutkonserve
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Ausgangspunkt eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt. mehr
Dem Dasein ausgesetzt
Mit «Da. Sein» schafft die Kreuzlinger Performerin Micha Stuhlmann einen weiteren Teil ihrer Reihe zu existenziellen Lebensfragen. Dieses Mal geht es um den Menschen als soziales Wesen. mehr

