von Inka Grabowsky, 08.07.2026
Warum Theater auch Projektmanagement ist

Nicht sexy, aber wichtig: Vor der Premiere jeder neuen Theaterproduktion liegt auch beim See-Burgtheater ein monatelanger Planungsprozess. Damit am Ende alles da ist, wo es sein soll. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Zwei grundlegenden Fragen müssen die drei Leiter des See-Burgtheaters, Simon Engeli, Rahel Wohlgensinger und Giuseppe Spina, schon lange vor jeder Aufführung klären: Wann sollen die Aufführungen im Seeburgpark laufen? Und was wird gespielt? «Das hat etwas mit der Finanzierung zu tun», erklärt Simon Engeli. «Wir verkaufen vor Weihnachten Gutscheine für die kommende Saison. Also müssen das Plakatmotiv und die Zeiten im November stehen und unsere Grafikerin Siegrun Nuber gebrieft sein.»
Giuseppe Spina ist innerhalb des Gremiums für den Vorverkauf zuständig: «Schon im Mai hatten wir die 50-Prozent-Marke geknackt. Der Vorverkauf entwickelt sich erfreulicherweise auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr.» 2025 war das See-Burgtheater so gut wie ausverkauft. Das wollen die Theaterleute naturgemäss wieder erreichen. Wenige Tage vor der Premiere sehen die Zahlen gut aus: 5 Vorstellungen sind bereits ausverkauft, viele weitere so gut wie. Die meisten Karten (86) gibt es aktuell noch für die Schlussvorstellung am 4. August.
Die Zahlen im Vorverkauf sehen sehr gut aus bislang
Anders als früher setzen sie dafür auf den Online-Vorverkauf: «Wir waren uns zunächst nicht sicher, ob wir damit mit einer heissgeliebten Tradition brechen würden. Doch diese Umstellung wurde zum Glück sehr gut angenommen», so Spina. Es sei mittlerweile ein Bedürfnis, bei einem Theaterbesuch den eigenen Platz zu kennen und die Tickets bereits bezahlt zu haben.
«Wie entsteht Kunst?», das war die Leitfrage dieser Recherche. Wer im Thurgau ins Theater geht, erlebt ein Kunstwerk innerhalb von zwei bis drei Stunden. Es ist eine extreme Verdichtung eines langen Schaffensprozesses. Wenn man sich bewusst macht, was Bühnenkünstler und -künstlerinnen an Zeit, Geld und Nerven investiert haben, wächst der Respekt.
Anhand der Aufführung von «Die Legende von Anne Bonny» zwischen dem 9. Juli und dem 4. August im See-Burgtheater zeigen wir, was zusammenspielen muss, damit ein Theaterabend gelingt. Unsere Autorin Inka Grabowsky hat den Produktionsprozess über mehrere Monate begleitet. In einer Serie schildert sie in den kommenden Wochen nun ihre Eindrücke.
Die Serienteile
Die Suche nach dem Thema, Teil 1
Wie erweckt man Puppen zum Leben?, Teil 2
Der richtige Rahmen: So ensteht ein Bühnenbild, Teil 3
Jenseits der Kunst: Die Organisation gehört zum Geschäft, Teil 4
Das Ensemble: Wie findet man die richtigen Schauspieler:innen? (Teil 5)
Dieses umfassende Recherche ist nur dank unseres Recherchefonds möglich. Zum 15. Geburtstag von thurgaukultur.ch haben wir im Mai 2024 einen Jubiläums-Recherchefonds initiiert, um bislang unterbelichtete Themen unter die Lupe nehmen zu können. Und unseren Autor:innen für diesen Aufwand auch ein angemessenes Honorar zahlen zu können. Unter dem Titel „15 Jahre, 15 Geschichten“ sollen tief recherchierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern des Thurgauer Kulturlebens entstehen. Alle Beiträge werden in einem Dossier gebüldet. Der Recherchefonds wird unterstützt von der Stiftung für Medienvielfalt und der Crescere Stiftung Thurgau.
«Die Bargeldlosigkeit des ganzen Prozesses ist definitiv ein Gewinn. Und bei Problemen mit dem Vorverkauf sind wir rasch und unkompliziert zur Stelle. Dafür schreiben unsere Besucherinnen und Besucher jeweils eine E-Mail auf info@see-burgtheater.ch.» Vier Wochen vor der Premiere können die Interessenten auch dienstags und donnerstags anrufen.
Bargeldlos, aber trotzdem mit persönlicher Note
«Bei grösseren Gruppen oder Organisationen oder auch beim Anlass für unseren Gönnerverein arbeiten wir weiter mit den altbekannten Namenslisten. Diese persönliche Note, die Regie- und Produktionsassistent Achim Wehrle seit fast drei Jahrzehnten an der Abendkasse vermittelt, ist ein grosser Mehrwert unserer Spielstätte. Wir wollen nicht in die komplette Anonymität abtauchen.»
Das Budget des Stückes: 590'000 Franken
Ebenfalls schon früh mit der Produktion beschäftigt ist Dorena Raggenbass. Sie ist die Präsidentin des «Vereins See-Burgtheater», der die Produktion verantwortet. Deshalb unterstützt sie bei der Erstellung der Dossiers, die bei Stadt und Kanton eingereicht werden müssen, um den Leistungsvereinbarungen zu genügen. Zusätzlich werden damit Stiftungen und Sponsoren um Unterstützung angegangen.
«Man könnte sich über das Ausfüllen der Anträge aufregen», meint Rahel Wohlgensinger, «aber beim Definieren schlagen wir auch für uns selbst Pflöcke ein. Uns wird das Projekt klarer.» Kein Antrag ohne Budget. 590'000 Franken beträgt es für «Die Legende von Anne Bonny».
«In unserem dritten Jahr am See-Burgtheater wissen wir inzwischen, was was kostet. Und wann man sich darum kümmern muss - vom Bauantrag für die Bühne bis zur Bestellung der Toiletten.» Es sei vieles gleichzeitig auf der To-Do-Liste. «Mal ist das schön, weil es abwechslungsreich ist. Mal ist es belastend, weil man auf zu vielen Hochzeiten tanzen muss.»
Wie findet man Übernachtungsmöglichkeiten im Sommer am Bodensee?
Rund fünfzig Personen sind direkt mit dem Projekt befasst. Sie brauchen Verträge, die Buchhalterin Anja Mosima ausarbeitet. Nicht alle kommen aus der Schweiz. Giuseppe Spina hat sich in die Formulare für Grenzgänger eingearbeitet. «In Sachen Formalitäten können wir auf einen mit der alten Theaterleitung gewachsenen Erfahrungsschatz bauen», sagt er.
«In der Regel sind wenige Anrufe oder E-Mails nötig, um ans Ziel zu gelangen. Dadurch, dass keine Unbekannten aus dem deutschsprachigen Raum engagiert wurden, waren diese ebenfalls mit den nötigen Formalitäten vertraut. Wir hoffen, dass dies in Zukunft so unkompliziert bleiben wird.»
Einen Sonderpunkt in Sachen Personal hat Rahel Wohlgensinger übernommen: Sie kümmert sich um Unterkünfte für zwei der vier Musiker und für sechs der acht Schauspieler und Schauspielerinnen, die nicht aus der Region kommen. «Das ist in Kreuzlingen und Konstanz gar nicht so einfach. Wir brauchen Zimmer für die Zeit von Juni bis August. Erfreulicherweise haben ich ein paar Adressen von Menschen, die uns regelmässig aushelfen.»
Warum die Theaterbar so wichtig ist für den Erfolg
Die Tribüne – Punkt 50 auf der To-Do-Liste mit 62 Einträgen– gilt immer wieder als Meilenstein. Das Gastrozelt wird zeitgleich aufgebaut. «Gabriela Huber hat extra das Wirtepatent gemacht, damit sie gemeinsam mit Heiner Perren unsere Theaterbar führen kann», so Rahel. «Das Gastrozelt ist auch für uns vom Ensemble ein Zufluchtsort und ein Leuchtturm – und natürlich ist es wirtschaftlich notwendig.» Die Einrichtung von Licht und Ton kurz vor der Premiere dauert zwei bis drei Tage. «Das ist jeweils ein heftiges Gewusel», so Simon.
Im April geht die Produktion in die Zielgerade. Simon holt die Abbrand-Bewilligung für die Special-Effects ein. Und vorher muss er sich entscheiden, mit wie viel Schwarzpulver es knallen soll.
Videoclip: Wieviel Schwarzpulver soll es sein?
Vier Wochen Proben müssen reichen
Anfang Juni fangen die Proben an. Das Bühnenbild sollte bis dahin Gestalt angenommen haben, weil es sich anders spielt, wenn man weiss, wo Bug und Heck des Piratenschiffes sind. «Wir haben einen Monat, um Routinen zu entwickeln. Anfang Juli muss alles sitzen», sagt Simon Engeli in seiner Funktion als Regisseur.
«Wenn wir als Ensemble auf den Plastikstühlen zur ersten Leseprobe zusammenkommen, wird mir schon mal schlecht», sagt Rahel Wohlgensinger in ihrer Funktion als Co-Autorin. «Der Erwartungsdruck ist gewaltig. Ich zweifle manchmal, ob wir unsere Ideen gut umgesetzt haben. Aber wir müssen dann einfach akzeptieren, was da ist.»
Es wäre unrealistisch, dass das See-Burgtheater jeden Sommer wieder vor ausverkaufter Tribüne spiele. «Wir können auch mal scheitern. Damit muss man klarkommen.»
Die Aufführungen und die Tickets
Premiere: Donnerstag 9. Juli 2026, 20.30 Uhr
Weitere Aufführungen, jeweils 20.30 Uhr an folgenden Tagen:
Juli:
Do 9.7., Fr 10.7., Sa 11.7.
Di 14.7., Mi 15.7., Do 16.7., Fr 17.7., Sa 18.7.
Di 21.7., Mi 22.7., Do 23.7., Fr 24.7., Sa 25.7.
Di 28.7., Mi 29.7., Do 30.7., Fr 31.7.
August:
So 2.8., Mo 3.8., Di 4.8.
Tickets für alle Termine gibt es hier.
Aufführungsdauer: 20.30 – ca. 22.30 Uhr
Die Zuschauertribüne ist gedeckt. Gespielt wird bei jeder Witterung, ausser bei Dauerregen oder Sturm. Die Abendkasse öffnet um 18 Uhr.

Von Inka Grabowsky
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