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von Inka Grabowsky, 02.06.2026

Unerhört!

Unerhört!
Über tausend solcher Aktenvermerke sind bereits eingescannt und nach Texterkennung in die Datenbank des Museums Rosenegg eingepflegt. | © Inka Grabowsky

Das Kreuzlinger Museum Rosenegg ist bei der Inventarisierung auf Gegenstände im Depot gestossen, deren Geschichten noch unerforscht sind. Bei einer Sonderausstellung erbitten die Museumsleute nun Hilfe von den Besuchenden. Möglicherweise liefern sie Puzzlestückchen, die das Bild vervollständigen. Vielleicht mögen sie auch beim Beschreiben helfen. (Lesedauer: 8 Minuten)

 

„Wir besitzen Dinge, von denen wir nicht alles wissen, was wir gerne wüssten“, sagt David Bruder, der Leiter des Museums Rosenegg. Einiges sei erst 2023 im Rahmen der Aktion «Stadtlabor» dazu gekommen, anderes befindet sich seit Jahren im Depot und harrt seiner Erforschung. Die Einführung des neuen Computerprogramms «MuseumPlus» zur Inventarisierung von Museumsbeständen gab den Anstoss zur Ausstellung. Laurent Schmidt, der Sammlungsbeauftragte von Rosenegg und seit kurzen auch vom Schulmuseum in Amriswil, ist begeistert von dem Tool: „Wir können damit so viel mehr erfassen als nur die Höhe, Breite und Tiefe. Die Objekte werden fotografiert, beschreiben, vermessen. Wir halten den Zustand und die Sicherheitsbedürfnisse fest.“  Bis man letztendlich die Geschichte des Objekts mit den Donatoren oder den Herstellern verknüpfen kann, braucht es viel Zeit und Arbeitskraft. Genau dafür soll die Ausstellung «unerhört unerforscht» Werbung machen. Das Museum sucht Freiwillige, die unter Anleitung helfen, die Bestände aufzunehmen. „Sobald wir wissen, was wir haben, können wir eine neue Dauerausstellung konzipieren“, so David Bruder. „Schon jetzt sind wir auf Überraschendes gestossen.“

 

Der Koffer ist weitgereist – wahrscheinlich gehörte er einem Seemann. Bild: Inka Grabowsky

 

Ein Koffer voller Geschichten

Dazu gehört ein Koffer, der vor drei Jahren bei einer Entrümpelungsaktion in einem Keller in Lübeck aufgetaucht ist. Auf ihm befindet sich eine Absendeadresse aus der Schmittenstrasse in Kreuzlingen. Deshalb überliess die Finderin das Gepäckstück dem Museum. In ihm befanden sich Fotos von derzeit noch unbekannten Personen in Seemannskleidung. David Bruder hat schon einiges an Fakten zusammengetragen: „Der Koffer gehörte Albert Buchenhorner, der 1887 in Radolfzell geboren wurde. 1916 hat er in Lübeck geheiratet. Möglicherweise ist er in der Nazizeit nach Kreuzlingen gezogen.  In den fünfziger Jahren ging der Koffer zurück an die Ostsee. Albert Buchenhorner konnte er ihn aber nicht mehr in Empfang nehmen. Er starb 1948 in Lübeck.“

 

Foto Von der Schreibmaschinenschrift über die Farbe von vergilbtem Papier bis zum Inventar-Schildchen: Illustratorin Svenja Lindörfer hat viel aufgenommen. Bild: Inka Grabowsky

 

Plakat vereint verschiedene Aspekte

Illustratorin Svenja Lindörfer erzählt gemeinsam mit der Layouterin Lara Thomann auf dem Plakat einen Teil dieser Geschichte. „Ich habe einen der Seeleute mit dem Koffer in der Hand als Inspirationsquelle genutzt. Im Hintergrund verweist der Campanile von Venedig auf ein Motiv am Altar der St.Stefans-Kirche in Emmishofen, auf der – aus welchen Gründen auch immer – eine venezianische Taufkapelle zu sehen ist. Und weil wir bisher nur einen Ausschnitt der Geschichten kennen, verdecke ich das Motiv mit Jalousie-Lamellen.“ Museumsleiter Bruder findet das sehr passend: „Wir sind auf einer sammlungsgeschichtlichen Reise. Und: Unser Heimatmuseum birgt globale Geschichten.“

 

Eine sogenannte Missionsspardose stand in Kirchen, um Münzen für Missionsschulen zu sammeln. Bild: Inka Grabowsky

 

Diskussion über den Fokus der Sammlung 

Die Überprüfung der alten, zum Teil handgeschriebene Inventarlisten zeigt, dass früher noch erheblich mehr Gegenstände aus aller Welt in der Rosenegg lagerten. „Ich habe die Einlieferungsnotiz über einen Mumienkopf gefunden“, sagt Laurent Schmidt. Er wurde mit anderen Souvenirs aus fernen Ländern in den achtziger Jahren ins ethnografische Museum in Neuenburg gebracht. „Jenseits der Frage der Provenienz befand man damals, dass solche Stücke nicht ins Stadtmuseum passten“, so David Bruder. „Heute würde man das nicht mehr machen, denn es war der Kreuzlinger Adolf Knecht, der das Objekt mitbrachte. Es erzählt also etwas über Werte der Zeit.“ In die Ausstellung geschafft haben es griechische Scherben und römische Keramik. Archäologie war offenkundig mal en vogue in Kreuzlingen.

 

Der Grabstein der Lokalhistorikers und Rosenegg-Mitbegründers Hermann Strauss wurde im Depot bewahrt. Bild: Inka Grabowsky

 

Bestand aus Entrümpelungsaktion

„Ende der dreissiger Jahre, als der Heimatforscher Hermann Strauss das Museum mitgründete, wurden unzählige Objekte entgegengenommen“, erzählt der Museumsleiter. „Nach dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs ging es schlicht darum, die Dachböden zu räumen, um die Brandlast zu vermindern. So kamen wir in den Besitz von Möbeln oder Gemälden.“ Von der einstigen Waffensammlung – einschliesslich einer Hellebarde aus der Schlacht bei Schwaderloh – ist nicht mehr viel übrig. Sie wurde verkauft. Viele andere Sachen wanderten zum Teil auf den Estrich der Rosenegg, wo die Temperaturen zwischen Minusgraden im Winter und vierzig Grad im Sommer schwanken. „Seit 2015 haben wir das Glück, im ehemaligen Sanitäts-Bunker unter dem Schulzentrum Seetal den Kulturgüterschutzraum nutzen zu können.“ Im Obergeschoss der Rosenegg verweist ein Hängegitter mit diversen Portraits an die Gemälde, die das Museum dort eingelagert hat. „Erinnern und vergessen“ haben die Ausstellungsmacher diese Kapitel überschrieben. Ein Spiegel stellt die Frage, welches Schicksal wohl dem Betrachter blüht.

 

Sammlungsbeauftragter Laurent Schmidt reiht sich via Spiegelbild in die Portraitierten ein.  Bild: Inka Grabowsky

 

Politische Frage im Hintergrund

Das Museum verfolgt neben dem Geschichten erzählen, Diskussionen anstossen und Freiwillige mobilisieren noch ein weiteres Ziel mit der Ausstellung. Im September gibt es in Kreuzlingen eine Volksabstimmung über die Erhöhung der städtischen Beiträge für Rosenegg, Seemuseum und Planetarium. „Wir zeigen deshalb einen Blick hinter die Kulissen“, so Bruder. „Jeder soll sehen, was es mit dem kulturellen Erbe auf sich hat.“

 

Museumsleiter David Bruder in Gesellschaft von zwei Gips-Vorlagen für Bauteile am Salmannschen Haus in Kreuzlingen. Bild: Inka Grabowsky

 

«unerhört – unerforscht» im Museum Rosenegg

Zur Ausstellung «unerhört – unerforscht» des Kreuzlinger Museums Rosenegg gibt es bis Ende Februar 2027 ein umfangreiches Rahmenprogramm: 

 

Öffentliche Führungen:

Jeweils um 15 Uhr

Sa, 20.06.26

So, 30.08.26 | Familiensonntag

Sa, 12.09.26 | Roseneggfest

Sa, 12.12.26

So, 28.02.27 | Finissage

 

24.09.,19 Uhr

Männer Macht Musik. Männerchöre in der Moderne

Der Historiker Dr. Martin Rempe spricht über die Bedeutung von Männerchören seit dem 19. Jahrhundert; der Männerchor Harmonie Kreuzlingen singt.

 

17.10., um 15 Uhr

Unterirdisch gesichert. Besuch im Kulturgüterschutzraum

Führung durch das Museumsdepot.

 

29.10. um 19 Uhr

Fledermäuse unterm Museumsdach

Unter dem Dach des Museums lagern nicht nur Sammlungsobjekte und Ausstellungsinventar. Vortrag und Estrich-Begehung mit dem Fledermausexperten Wolf-Dieter Burkhard.

 

14. 11. um 15 Uhr

Zvieri. Rätselhaftes und Überraschendes

Wir stellen besondere Objekte und ihre Geschichte vor und sprechen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Café mit Kuchen und Getränken.

 

18.11. um 19 Uhr

Keine Stadt und drei Bahnhöfe. Wie Kreuzlingen zur Eisenbahn kam

Der Historiker und Eisenbahn-Experte Dr. Michael Mente (Staatsarchiv Thurgau) referiert über die Entstehung der Seelinie. Der Historiker Werner Trapp spricht mit ihm über seine Publikationen zur Mittel-Thurgau-Bahn

 

13.01.2027 um 19 Uhr

Glaskunst grenzüberschreitend

Der Kunsthistoriker Dr. Bernd Konrad spricht über die Konstanzer Glasmalereiwerkstatt Lütz & Elmpt mit Dependance in Emmishofen und das Schicksal historistischer Glaskunst.

 

23.01. um 15 Uhr

Zvieri. Rätselhaftes und Überraschendes

Wir stellen besondere Objekte und ihre Geschichte vor und sprechen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Café mit Kuchen und Getränken.

 

17.02. um 19 Uhr

Bürgerwissenschaftler:innen fürs Rosenegg gesucht!

Hope Läubli vom Historischen Museum Thurgau erklärt, wie Freiwillige bei der Erforschung und Inventarisierung einer Sammlung mitwirken können.

 

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