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von Inka Grabowsky, 13.07.2026

Thurgau gibt Kulturgüter zurück nach Kolumbien

Thurgau gibt Kulturgüter zurück nach Kolumbien
Eins von 41 Objekten: Diese präkolumbianische Keramik mit Tiermotiv ist nun auf dem Weg in ihr Ursprungsland. | © AATG

Das Amt für Archäologie hat 41 Objekte aus dem Depot in Frauenfeld an die Fachstelle für Internationalen Kulturgütertransfer abgegeben. Die Experten unter dem Dach des Bundesamts für Kultur haben bereits die Übergabe von drei präkolumbianischen Keramiken an Kolumbien organisiert. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Die 41 Objekte waren auf unterschiedliche Weise ins Amt für Archäologie gelangt. «Einige Vasen hat uns anfangs der 1990er Jahre tatsächlich die Staatsanwaltschaft übergeben, weil sie im Rahmen einer Drogen-Ermittlung beschlagnahmt wurden», erzählt Simone Schmid. 

«Der Grossteil wurde uns im Verlauf der vergangenen vierzig bis fünfzig Jahre übergeben, weil Wohnungen oder Estriche entrümpelt wurden. Die Abgebenden vermuteten, dass die Gegenstände von historischem Wert waren. Für sie hatten sie aber keine Bedeutung mehr, weil ältere Verwandte sie angeschafft hatten. Und dann gab es noch Übergaben aus schlechtem Gewissen. In jüngerer Zeit wurde gelegentlich über Skandale in Zusammenhang mit illegal erworbenen Kulturgütern in den Medien berichtet. Wer also etwas aus undurchsichtiger Quelle erworben hat, wollte die Sachen wieder der Archäologie zuführen.» 

 

Was bedeutet Restitution?

Restitution bezeichnet die Rückgabe von Kulturgütern an ihre rechtmässigen Eigentümer oder deren Nachfahren. Sie erfolgt meist dann, wenn Objekte unrechtmässig entzogen wurden – etwa durch Enteignung, Raub oder koloniale Aneignung. Restitution ist nicht nur ein juristischer Akt, sondern auch ein moralischer und politischer Prozess. Sie soll historisches Unrecht anerkennen und teilweise wiedergutmachen. Oft ist sie eng mit Provenienzforschung verknüpft, die die Grundlage für Rückgabeforderungen liefert.

 

Übergabezeremonie kolumbianischer Kulturgüter am 2. Juni 2026 im Bundesamt für Kultur in Bern. Abgebildet sind von links nach rechts: Juan Morales Caicedo, Deputy Secretary for External Relations der kolumbianischen Botschaft; Dr. Simone Schmid, Amt für Archäologie des Kantons Thurgau; S.E. Francisco Javier Echeverri Lara, Botschafter Kolumbiens in der Schweiz; Andrea del Pilar Candela Núñez, lokale Mitarbeiterin der kolumbianischen Botschaft; Linda Leuenberger, Konservatorin-Restauratorin des Kantons Thurgau; Fabienne Baraga, Leiterin der Fachstelle Internationaler Kulturgütertransfer und Raubkunst, Bundesamt für Kultur; Eugenia Huguenin-Elie, Juristin an der Fachstelle Internationaler Kulturgütertransfer und Raubkunst, Bundesamt für Kultur.

Illegal in manchen Ländern

Je nach betroffenem Land können Besitzer von illegal erworbenen Kulturgütern strafrechtlich belangt werden. Italien etwa ist besonders streng, seit in den 1930er Jahren ein entsprechendes Gesetz in Kraft trat. «In der Schweiz ist der Besitz nicht verboten, jenseits der Grenze aber schon», erklärt Schmid, die in Italien studiert hat und Doppel-Staatsbürgerin ist. 

Sie kann das nachvollziehen: «Schon im 17. und 18. Jahrhundert war Italien eine Art Goldgrube für Mitteleuropa. Jeder sogenannte Bildungsbürger brachte sich ein antikes Souvenir mit. Und die Italiener mussten machtlos zusehen, wie sie ausgebeutet wurden.» 

Bei vielen Völkern, deren Kulturgüter in der westlichen Welt reissenden Absatz fanden, sei das Gefühl, nicht respektiert worden zu sein, immer noch stark. «Und das Argument, ‹Bei euch geht es eh kaputt› ist schon sehr arrogant und hat sich oftmals als falsch erwiesen.» 

 

Kehrt ebenfalls zurück nach Kolumbien: Spätantike Amphore, Wrackfund aus dem Mittelmeer, Fundort unbekannt. Bild: AATG

Zuständig nur für den Thurgau

Kantonsarchäolog:innen sind per definitionem zuständig für alles, was aus dem Boden des jeweiligen Kantons stammt. In der Vergangenheit liessen sie sich gelegentlich erweichen, auch Gebietsfremdes anzunehmen, weil sie es vor dem Abfallsack retten wollten. «Und natürlich gibt es auch Zweifelsfälle», so Simone Schmid. «Wir waren im Besitz einer Urne aus dem Mittelmeerraum, die mutmasslich seit 300 Jahren in einem Nebengebäude eines Thurgauer Schlosses stand. Damit hatte sie natürlich auch etwas mit der Thurgauer Geschichte zu tun und wurde nach damaligem Gesetz auch legal erworben. Wir haben sie trotzdem zur Restitution abgegeben, weil sie eben nicht hierher gehört.» 

Behalten haben die Archäologen Fundstücke aus fernen Ländern, die vor Jahrtausenden in Thurgauer Erde gelangten: einen über 5000 Jahre alten Dolch aus der Ötzi-Zeit, der aus einem oberitalienischen Steinbruch stammt, oder einen Münzenhort mit arabischen Münzen aus der Zeit Karls des Grossen. Solche Objekte helfen zu verstehen, welche Handelsbeziehungen in grauer Vorzeit bestanden haben und gehören zur Kantonsgeschichte. 

 

Provinenienzforschung - kurz erklärt

Provenienzforschung untersucht die Herkunft und Besitzgeschichte von Objekten – etwa Kunstwerken, Kulturgütern oder Alltagsgegenständen. Ziel ist es, lückenlos nachzuvollziehen, wem ein Objekt zu welchen Zeiten gehörte und unter welchen Umständen es den Besitzer wechselte. Besonders wichtig ist dies bei Raubkunst, etwa aus der Zeit des Nationalsozialismus oder aus kolonialen Kontexten. Die Forschung schafft Transparenz, klärt rechtliche und ethische Fragen und bildet die Grundlage für mögliche Rückgaben.

In Bern gibt es eigene Fachstelle für solche Fälle

Seit 2005 hat sich die Rechtslage geändert. Das Kulturgüter-Transfer-Gesetz trat in Kraft. Im Bundesamt für Kultur wurde die Fachstelle für Internationalen Kulturgüter-Transfer und Raubkunst eingerichtet.  Als Simone Schmid vor einem Jahr ihr Amt übernahm, nutzte sie die Gelegenheit, die Objekte, die im Depot des archäologischen Museums fehl am Platze waren, an die Fachleute zu übergeben. 

«Das hat nichts Heroisches», sagt sie. «Aber als ich bei der ersten Übergabe an den kolumbianischen Botschafter dabei war und miterlebt habe, wie bewegt er war, war das schon beeindruckend.» Die indigene Bevölkerung in Südamerika müsse sich in Museen auf der ganzen Welt ihre Kulturgüter zusammensuchen, wenn sie den Kindern zeigen wolle, wer früher in ihrer Region gelebt habe. «Damit fehlt ihnen ein Teil ihrer Identität. Und es fehlt ihnen die Wertschätzung derjenigen, die sie ausgebeutet haben.» 

Bei weiteren Übergaben wird niemand aus dem Thurgau dabei sein. «Bei der Übergabe der 41 Gegenstände haben wir unterschrieben, dass wir alle Rechte abgeben.»

 

Simone Schmid vor Keramiken, die ins Thurgauer Archäologie-Depot gehören: Sie sind aus Pfyn. Bild: Inka Grabowsky

Manch ein Staat will die Objekte nicht zurück

Tatsächlich ist es gar nicht so leicht, etwas zurückzugeben: Nicht immer weiss man, wer der rechtmässige Besitzer ist. In manchen Regionen herrscht Krieg, so dass die Gegenstände nicht sicher wären oder die Ansprechpartner fehlen. Mitunter lehnen die Heimatländer die Übergabe ab. 

Auch Kolumbien hat die Kulturgüter vorab sorgfältig geprüft: «Wir hatten hochaufgelöste und grossformatige Fotos von fünf Keramiken geschickt, bevor wir uns nach Bern aufgemacht haben», so Schmid. «Die Archäologen an der Universität von Bogota haben zwei Objekte als Repliken eingeschätzt. Die Glasur war neuzeitlich. Diese beiden Gegenstände haben werden dann vom Bundesamt für Kultur als Forschungs- und Übungsmaterial an eine Restauratorenschule weitergeben.» 

Zukünftig nur legal mit Zertifikat kaufen 

Simone Schmid appelliert an jeden historisch Interessierten: «Selbst, wenn Sie auf dem Flohmarkt ein prähistorisches Steinbeil sehen: Kaufen Sie es nicht, in der Meinung, es damit zu retten. Damit entsteht Nachfrage, und das führt zu mehr Raubgrabungen.» Was sich verkaufen lässt, wird vermehrt gesucht – und missbraucht. Der Krieg in Syrien soll zum Teil durch den Verkauf von Kulturgütern finanziert worden sein. 

Für die Wissenschaft sind Funde ausserhalb ihres Kontextes dagegen beinahe wertlos. Sie geben bestenfalls noch Antwort auf Produktionstechniken oder Symboliken. So ist es auch mit den jetzt restituierten Kultur-Gegenständen: Ohne Angabe, wo sie gefunden wurden, und was in der Schicht noch alles gelegen hat – Kohle vielleicht oder Knochen – haben sie ihre archäologische Aussagekraft zu Nutzung und Funktion verloren. Immerhin: Aus der Perspektive der indigenen Völker Südamerikas haben auch kontextlose Stücke grossen Wert – als Puzzleteil ihrer Identität. 

 

Historisches Museum Thurgau: Selbes Thema, anderer Fall

Auch im Historischen Museum Thurgau wurden in der Sammlung kürzlich problematische Objekte gefunden. Worum es dabei geht, das hat Inka Grabowsky bereits hier aufgeschrieben.

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