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von Inka Grabowsky, 29.06.2026

Der Affe der Piratin

Der Affe der Piratin
Gestatten, das ist Rose. Das Pavianweibchen begleitet die Piratin Anne Bonny bei ihren Abenteuern im See-Burgtheater. Gespielt wird Rose von der Puppenspielerin Rahel Wohlgensinger. | © Ilja Mess

Die neue Produktion des See-Burgtheater setzt wieder auf einen tierischen Bühnenstar. Aber wie entstehen die fabelhaften Puppen eigentlich? Rahel Wohlgensinger erklärt es. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Wenn man eine preisgekrönte Puppenspielerin im Team hat, dann muss man das nutzen. Deshalb setzt das See-Bugtheater auch bei der neuen Sommerproduktion «Anne Bonny» (ab 9. Juli auf der Kreuzlinger Seebühne) wieder auf die Puppenspielerinnenkünste von Rahel Wohlgensinger. 

Mit an Bord des Piratenschiffs von Anne Bonny ist ein Affe namens Rose. Es sei dieses Mal eine vergleichweise kleine Rolle, sagt Rahel Wohlgensinger. «Bei der Rollenfindung wusste ich als erstes, dass er frech sein und mehr Narrenfreiheit haben darf als ein Mensch. Und: Er badet gern.» 

Video: arttv.ch hat Rahel Wohlgensinger 2024 porträtiert

Meistens was sie schon früh, welche Fähigkeiten die Puppe braucht

Rose entsteht bei Puppenbau-Berlin, wie schon Tilda, die Hauptdarstellerin von «Honig im Kopf», oder wie die Ziege Amalthea und die Erdmenschen bei «Prometheus».   

Das erste Briefing gab es Ende letzten Jahres. «Da wir Rahel schon gut kennen, geht es etwas schneller», sagt Puppenbauer Mario Hohmann. «Sie weiss vorher schon genau, was sie braucht. Mitunter bekommen wir von anderen Auftraggebern nur eine ‹Wirkabsicht›. Dann ist viel abzuklopfen, bis wir verstehen, was entstehen soll und der erste Dummy steht.» 

 

Auf dem «Moodboard» ist noch ein badender Japanmakak statt eines Mantelpavians vertreten. Ein Moodboard ist eine visuelle Collage, die als wichtiges Kreativwerkzeug dient, um Stimmungen, Ideen, Farbpaletten und Texturen für ein bestimmtes Projekt oder Ziel festzuhalten. Bild: Inka Grabowsky

Warum es auf die richtige Grösse ankommt

Der Affe war wegen des Piraten-Themas gesetzt. Ein Tier, das in der Takelage des Schiffs herumturnt, ist optisch reizvoll. Da Rahel Wohlgensinger Klappmaul-Puppen wegen ihrer körperlichen Präsenz mag, war die Entscheidung zur Technik schnell gefallen. Nur die Frage der Proportion gab Anlass zu Dikussionen.«Auf der grossen Bühne wirkt schnell klein und popelig, was in einem kleinen Saal fasziniert», so die Puppenspielerin. 

 

Die Serie und der Recherchefonds

«Wie entsteht Kunst?», das war die Leitfrage dieser Recherche. Wer im Thurgau ins Theater geht, erlebt ein Kunstwerk innerhalb von zwei bis drei Stunden.  Es ist eine extreme Verdichtung eines langen Schaffensprozesses. Wenn man sich bewusst macht, was Bühnenkünstler und -künstlerinnen an Zeit, Geld und Nerven investiert haben, wächst der Respekt.

Anhand der Aufführung von «Die Legende von Anne Bonny» zwischen dem 9. Juli und dem 4. August im See-Burgtheater zeigen wir, was zusammenspielen muss, damit ein Theaterabend gelingt. Unsere Autorin Inka Grabowsky hat den Produktionsprozess über mehrere Monate begleitet. In einer Serie schildert sie in den kommenden Wochen nun ihre Eindrücke.

Die Serienteile

Die Suche nach dem Thema, Teil 1
Wie erweckt man Puppen zum Leben?, Teil 2
Der richtige Rahmen: So ensteht ein Bühnenbild, Teil 3
Jenseits der Kunst: Die Organisation gehört zum Geschäft, Teil 4
Das Ensemble: Wie findet man die richtigen Schauspieler:innen? (Teil 5)

Dieses umfassende Recherche ist nur dank unseres Recherchefonds möglich. Zum 15. Geburtstag von thurgaukultur.ch haben wir im Mai 2024 einen Jubiläums-Recherchefonds initiiert, um bislang unterbelichtete Themen unter die Lupe nehmen zu können. Und unseren Autor:innen für diesen Aufwand auch ein angemessenes Honorar zahlen zu können. Unter dem Titel „15 Jahre, 15 Geschichten“ sollen tief recherchierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern des Thurgauer Kulturlebens entstehen. Alle Beiträge werden in einem Dossier gebüldet. Der Recherchefonds wird unterstützt von der Stiftung für Medienvielfalt und der Crescere Stiftung Thurgau.

 

«Im Seeburg-Park hat alles eine andere Dimension. Es braucht eine andere Bühnensprache. Und es begeistert mich, mit anderen Mitteln als sonst zu arbeiten.» Ein Totenkopf-Äffchen, wie es Pippi Langstrumpf im Film auf der Schulter trägt, schied wegen der Ausmasse der Bühne im Seeburgpark aus. «Ein Pavian ist ideal. Menschenaffen hätten von der Körpergrösse, aber vom Charakter nicht gepasst», sagt Rahel. Mario Hohmann ergänzt: «Was uns auch reizte, waren die Frisur und die auffällige Gesichtsfarbe, die einen Pavian prominent wirken lassen.»

Video: Monty, Rahel Wohlgensingers wahrscheinlich berühmteste Figur

Draussen stellen sich andere Fragen. Zum Beispiel: Sind Puppen eigentlich wasserfest?

Noch etwas ist beim Puppenspiel im Seeburg-Park anders als bei normalen Produktionen: «Als Puppenspielerin ist man normalerweise immer indoor», so Rahel Wohlgensinger. «Hier bin ich dem Wetter, der frischen Luft, dem Wind ausgesetzt.» Nun sind Menschen an sich wasserfest, Puppen weniger. 

«Man kann sie unempfindlicher gestalten, wenn man weiss, dass sie – wie etwa die Erdmenschen in Prometheus - mit Staub und Dreck in Berührung kommen», erklärt Hohmann. Alle Materialien reagierten auf das Wetter. Nass werden berechne man ein. «Man verwendet nicht gerade wasserlösliche Farbe. Wenn man die Puppe trocknet, sollte sie wieder einsetzbar sein.»

 

Die Erdmenschen in «Prometheus» mussten schmutzresistent sein. Bild: Inka Grabowsky

 

Zu viele Kompromisse machen Puppenspielerin und Puppenbauer aber nicht. Die künstlerische Wirklung geht vor. Der Mantelpavian mit seinen charakterischen Haaren am Kopf bekommt ein Fell wie die Ziege Amalthea. «Man sieht bei echtem Fell eben Farbverläufe, melierte Strähnen. Das wirkt viel echter und besser als Kunstfell. Echtes Fell verfolgt jede Bewegung mit.» 

 

Das «Skelett» unter dem Fell verleiht der Puppe Halt. Bild: Inka Grabowsky

Herausforderungen bei der Konstruktion von Rose

Wenn eine lebensgrosse Pavian-Puppe einen Schiffsmast heraufklettern soll, dann bedeutet das, dass auch die Puppenspielerin einen Mast heraufklettern muss. Das wiederum ist artistisch anspruchsvoll. Normalerweise wäre einer ihrer Arme in der Puppe gefangen, die Hand bedient das Klappmaul, während das Gewichts des Affen auf den Unterarm lastet. Das musste diesmal anders werden. 

Der Paviankopf ist nicht mit einem weichen Schlauch am Körper befestigt, sondern steht auch allein aufrecht. Eine Gelenkkaskade und eine «Wirbelsäule» aus Silikon sind die Lösung. Und es gibt einen anderen Mechanismus, um das Maul auf- und zuzuklappen. 

 

Ein Foto aus der Entstehungszeit: Die Augenpartie aus Latex sind schon auf dem Schaumstoffkopf montiert. Als nächstes wird das Gesicht von Pavian «Rose» mit rosa Leder bezogen. Bild: Inka Grabowsky

 

Diesmal wird das Maul von aussen statt von innen aufgeklappt. Das gibt der Puppenspielerin mehr Freiheit. Bild: Inka Grabowsky

Wie wird man eigentlich Puppenbauer?

Die Entwicklung einer von Grund auf neuen Puppe ist aufwändig – und damit teuer. «Es gibt viele Fehlversuche, bis es klappt. Fünfmal habe ich versucht, den Hals des Pavians selbsttragend zu machen, und fünfmal ist er doch wieder abgeknickt.» Für seinen Beruf braucht Mario Hohmann Erfindergeist und Ausdauer. Es gibt keine standardisierte Ausbildung für Puppenbau. 

Die Gründerin von «Puppenbau Berlin», Melanie Sowa, hat wie Rahel den Studiengang Puppenspiel an der Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst absolviert. Dazu gehört ein fünfwöchiger Kurs zu Gestaltungslehre, also Zeichnen, Modellieren und auch Puppenbau. «Dann hat sie sich weitergebildet und mich mit einbezogen», so Mario. 

Video: Auch im vergangenen Jahr spielte eine Puppe eine grosse Rolle beim See-Burgtheater

Das Berufsbild besteht aus einer Mischung aus Maskenbildner, Kostümschneider, Friseur und Feinmechaniker. «Ich war mal Architekt. Das hat doch mehr miteinander zu tun als man im ersten Augenblick denkt: Es geht eben um eine Idee und die Umsetzung eines Entwurfs in passender Materialität und Funktionalität.»

Inzwischen kreiert das Duo rund zwanzig Puppen pro Jahr. «Früher bauten wir oft ganze Ensembles. Heute geht der Trend zu Einzelrollen.» Die Puppe interagiert also – wie auch im Fall des See-Burgtheaters - mit menschlichen Schauspielern. Jede ist ein Einzelstück. Puppenbau sei ein Kunsthandwerk, so Mario Hohmann: «Schön ist, dass immer Leute mit Lust und Energie kommen. Und mit dieser Energie dürfen wir umgehen.»

Die Aufführungen und die Tickets

Premiere: Donnerstag 9. Juli 2026, 20.30 Uhr

 

Weitere Aufführungen, jeweils 20.30 Uhr an folgenden Tagen:

 

Juli:
Do 9.7., Fr 10.7., Sa 11.7.
Di 14.7., Mi 15.7., Do 16.7., Fr 17.7., Sa 18.7.     
Di 21.7., Mi 22.7., Do 23.7., Fr 24.7., Sa 25.7.     
Di 28.7., Mi 29.7., Do 30.7., Fr 31.7.

 

August:
So 2.8., Mo 3.8., Di 4.8.

 

Tickets für alle Termine gibt es hier.

 

Aufführungsdauer: 20.30 – ca. 22.30 Uhr

 

Die Zuschauertribüne ist gedeckt. Gespielt wird bei jeder Witterung, ausser bei Dauerregen oder Sturm. Die Abendkasse öffnet um 18 Uhr. 

 

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